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Politthriller „Freies Land“ : Zonengrenze im Kopf

  • -Aktualisiert am

Adaption eines spanischen Thrillers

Das ist aber nur der technische Aspekt eines noch viel spannenderen Transfers, den Christian Alvart mit „Freies Land“ vornahm. Mit einigen „Tatorten“ für das Kino mit Til Schweiger in der Rolle des Kommissars Tschiller und mit der Netflix-Serie „Dogs of Berlin“ hat Alvart sich als einer der wichtigsten Vertreter von Genrelogiken im deutschen Film und Fernsehen etabliert. „Freies Land“ ist nun ein Remake einer spanischen Vorlage: „La isla minima“ von Alberto Rodriguez, gedreht im Schwemmland an den Ausläufern des Guadalquivir im Südwesten der Iberischen Halbinsel. Ebenso wichtig wie die beeindruckende Location ist auch in diesem Fall die Epoche: die Zeit des Übergangs von der Franco-Diktatur in die Demokratie, eine Zeit der Ungewissheit zwischen alten und neuen Loyalitäten, eine Zeit der Verdrängung und der Angst vor Enthüllung.

Zum zweiten Mal innerhalb kurzer Zeit bedient sich das deutsche Mainstreamkino hier bei einer erfolgreichen Vorlage aus Südeuropa: „Das perfekte Geheimnis“ von Bora Dagtekin ist ein Remake eines italienischen Komödie, Alvart adpatiert nun einen spanischen Thriller. Die wirtschaftlichen Machtverhältnisse in Europa beginnen sich auch im Kino abzubilden, erfolgreiche Stoffe sind vergleichsweise billige Handelsware, aus denen sich große Erfolge machen lassen – „Das perfekte Geheimnis“ hat bald fünf Millionen Besucher, hat aber auch ein unschlagbares Thema: Handies.

Christian Alvart folgt der Vorlage von „La isla minima“ sehr genau, er sucht auch für alle sozialen Aspekte nach einer Entsprechung und muss auch nicht lange suchen (Treuhand, Abwanderung). Was er allerdings in Deutschland nicht gefunden hat, sind Spuren des unfreien Landes im freien. Bei Alberto Rodriguez entstand die Spannung vor allem aus der unheimlichen Gegenwart einer eigentlich schon deutlich überwundenen Ära, denn das Franco-Regime müsste für das heutige Publikum ja eigentlich tiefe Vergangenheit sein, wurde hier allerdings als verstörend wirkmächtig erkennbar.

Das entstellte Land

Alvart hingegen begreift das „Freie Land“ vor allem als einen Schauwert. Er hat deswegen in der Ukraine gedreht, und diese Entscheidung, die zuerst einmal nur das Äußerliche zu betreffen scheint, zerstört seinen Film. Denn er wird dadurch zu einer Dystopie, die gleichwohl nicht von den zeithistorischen Aspekten lassen will. So bekommt Markus Bach eine massive Vorgeschichte als Folterknecht, die ihn – naturgemäß blutig – als Krankheit am eigenen Leib und schließlich mit einem dramatischen Kollaps in der Dusche heimsucht.

Alvart, der auch hier der Vorlage folgt, begreift den entscheidenden Unterschied nicht: Was bei Rodriguez eine kluge Variation spannender Geschichtspolitik ist, wird bei ihm zu einem Fall symbolischer Entäußerung. Die DDR, von der „Freies Land“ erzählt, hat es tatsächlich nie gegeben: ein Land, das nach der Wende als Entstellung eines Genrephantasten wiederkehrt, eine zurückgebliebene Gegend, in der Männer mit Hut oder Fischermantel der sexuellen Depravation eine grob umrissene Gestalt geben, und in der ein Krimiplot vor allem dazu dient, eine Welt nach verwüsteten Gesichtern abzusuchen.

„La isla minima“ ist ein Thriller über gefährliche Kontinuitäten. „Freies Land“ hingegen handelt vom Kolonialismus – vom innerdeutschen und vom europäischen. Er beginnt an der Zonengrenze im Kopf, über die Christian Alvart deutlich zu wilde Sprünge macht.

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