https://www.faz.net/-gqz-14f9n

Politische Dokumentation : Drei deutsche Anwälte

  • -Aktualisiert am

Zwischen Gerechtigkeit, Recht und Theorie: Ströbele, Mahler und Schily im Landgericht Berlin-Moabit Bild: Real Fiction

Die Anwälte Otto Schily, Hans-Christian Ströbele und Horst Mahler standen ursprünglich alle der linken Szene nahe. Später schlugen sie sehr unterschiedliche Lebenswege ein. Ein Dokumentarfilm führt die drei exemplarischen Lebensläufe wieder zusammen.

          Es ist ein Dokumentarfilm über das Leben dreier Anwälte: Otto Schily, Hans-Christian Ströbele und Horst Mahler. Im Pressetext zum Film heißt es: „Heute ist der eine SPD-Bundesinnenminister a.D., der andere ist das linke Gewissen der Grünen im Bundestag und der dritte einer der Anführer der rechten Szene.“ Es ist nicht einfach, so einen Film zu machen, das Thema ist störrisch und komplex. Alle drei haben Terroristen des deutschen Herbstes verteidigt, Mitglieder der RAF.

          Ausgangspunkt von allem war das Verfahren gegen den Polizisten Karl-Heinz Kurras, der den Studenten Benno Ohnesorg auf einer Demonstration erschossen hatte. Es war Schilys erster politischer Prozess, er vertrat Ohnesorgs Vater als Nebenkläger, das Mandat hatte ihm Mahler vermittelt. Kurras wurde freigesprochen, obwohl Ohnesorg von hinten erschossen worden war. Schily spricht von etwas Düsterem, das den Prozess umgab, von Beweismitteln, die verschwanden. Der Freispruch ist heute noch schwer zu verstehen.

          Drei Physiognomien, drei Temperamente

          Birgit Schulz' Film „Die Anwälte - Eine deutsche Geschichte“ beginnt mit einem Bild aus dem Mahler-Prozess. Mahler wurde unter anderem wegen der Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung angeklagt. Die Stimme im Film sagt aus dem Off: „Berlin, Amtsgericht Moabit, es ist das Jahr 1972, zwei Anwälte verteidigen einen dritten, ein Foto dokumentiert die Situation, drei Männer, zwei in Talaren . . .“. Für einen Dokumentarfilm ist das nicht wirklich gelungen: Anwälte tragen Roben und keine Talare (sie sind schließlich keine Pfarrer), und es gibt auch kein „Amtsgericht Moabit“ (der Prozess fand natürlich vor dem Landgericht statt). Abgefilmt wird dann auch nicht das beeindruckende Treppenhaus im Strafgericht in Moabit, in dem der Prozess stattfand, sondern ein anderes Gebäude. Die Musik ist fürchterlich, zu laut, zu reißerisch und ohne Beziehung zu den Bildern.

          Aber die Archivbilder, die dann gezeigt werden, sind es wert: Otto Schily, jung, schmal und voller Energie, ein klares Gesicht, breite Koteletten, Prinz-Eisenherz-Frisur. Er trägt Anzug und Weste, er geht betont aufrecht, beinahe arrogant, er weiß, wer er ist. Hans-Christian Ströbele, freundlich und sanft, volle Lippen, der gute Mensch. Er trägt in dem Prozess gegen Horst Mahler dessen Robe. Vor Schily liegt eine Nummer des „Spiegels“, damals ein Statement, fast eine Liebeserklärung. Mahler, Jahrgang 1936, sieht merkwürdig aus, Vollbart, kreisrunde Metallbrille, dünn und irgendwie verwahrlost - er ist erst 36 Jahre alt. Vor seiner Inhaftierung und seiner Ausbildung in Jordanien zum Terroristen war er eine Art Superstar unter den Anwälten. Damals trug er noch eine riesige schwarze Hornbrille und sah Heinz Erhardt ähnlich, nur nicht so freundlich.

          Das Argument des Rechts und die Empfindung der Gerechtigkeit

          Es geht dann - ziemlich übergangslos - zu der Tötung von Ohnesorg am 2. Juni 1967. Die Bilder kennt man, zuletzt waren sie in dem Film „Der Baader-Meinhof-Komplex“ zu sehen. Sie haben nichts von ihrem Schrecken verloren. Zwischen die Bilder werden Interviewfetzen der Anwälte geschnitten. Ströbele sagt, dieser Tag sei der Tag seiner „Politisierung“ gewesen. Das war er wohl für viele damals.

          Mahler kommentiert diesen Prozess, er erklärt hellsichtig die Rollen. Er sagt, für ihn sei das Verfahren „die Bestätigung der marxistischen Theorie über die Rolle des Staates als Instrument der Herrschenden zur Unterdrückung der ausgebeuteten Mehrheit“. So redet er wirklich. Für Schily, so Mahler, sei es der „Zusammenbruch der Illusion vom Rechtsstaat“ gewesen. Die drei sind völlig unterschiedlich. Mahler redet in Substantiven, er ist in einer geschlossenen Theorie gefangen, Schily glaubt an den Rechtsstaat, und Ströbele meint, er sei schon in seiner Jugend betroffen gewesen, wenn etwas ungerecht gewesen sei. Die Kinderfotos der Anwälte sind wunderbar und sehr privat, sie sagen viel über die Männer, Schily zum Beispiel, etwas verträumt, Komponist wollte er werden. Wenn man darüber nachdenkt, hat sich bei den dreien nichts geändert. Der eine glaubt noch immer an das Recht, der andere ist noch immer über Ungerechtigkeit empört, und der Dritte ist noch immer ein Gefangener seiner Theorien.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.