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Im Kino „Planet der Affen“ : Cyborgs im Fellkostüm

Ist das ein Affe, ein Mensch, ein künstliches Wesen? Auf jeden Fall hat Caesar das Format des späteren John Wayne. Bild: Twentieth Century Fox

Der neueste Film aus der „Planet der Affen“-Serie ist voll von irrer Action und unrealistischen Geschichten. Und erzählt doch mehr von unserer Gegenwart, als uns lieb sein kann

          6 Min.

          Der Satz, den man im Kopf behalten sollte beim Betrachten dieses Films, der Satz, der einem hilft, diese verwirrende und bizarre Geschichte in den größeren Gesamtzusammenhang einzuordnen, dieser Satz kommt im Film nicht vor, und wenn ein Dialogschreiber in Hollywood sich solche Worte ausdenken würde, dann würden die garantiert in der nächsten Drehbuchfassung gestrichen. Den Satz hat, vor ungefähr 130 Jahren, Zarathustra gesagt, und Friedrich Nietzsche hat mitgeschrieben: „Einst wart ihr Affen, und auch jetzt noch ist der Mensch mehr Affe als irgend ein Affe.“

          Claudius Seidl

          Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Dieser Satz scheint der Moral des Films, wie sie sich auf den ersten Blick offenbart, kategorisch zu widersprechen. Denn die Affen, mit denen wir es hier zu tun bekommen, sind so menschlich wie die Menschen, und manchmal sind sie menschlicher. Und wenn es, weil es Bösewichte bei den Affen und den Menschen gibt, zum Krieg der beiden Gattungen kommt, dann scheint dieser Film uns zuzurufen, dass die Menschenaffen doch auch bloß eine Art von Menschen sind, Verwandte, Vettern: ein bisschen fremder und unterschiedlicher als jene Menschen, deren Fremdheit uns sonst so überfordert, ausländischer als andere Ausländer, behaarter als andere Bärtige, überhaupt deutlicher anders, als es die üblichen Anderen sind - aber nicht so verschieden, als dass die Differenz nicht mit Moral und Menschlichkeit überwunden werden könnte.

          Es geht auch ohne Internet

          Aber vom Standpunkt der Affen aus betrachtet, ja aus jeder Perspektive, die nicht anthropozentrisch ist, sind wir Menschen nichts als eine Affenart, welche sich, im Zug der Selbstdomestizierung, das Fell, die starken Muskeln und das leistungsfähige Gebiss weggezüchtet hat. Eine Affenart, welche die Mängel des Körpers jetzt mit immer schlaueren Prothesen auszugleichen sucht. Und genau darin zeige sich die Überlegenheit der Affen, sagt ein Mensch in diesem Film, in dem es auch darum geht, dass die Menschen ein verfallenes Wasserkraftwerk wieder in Betrieb zu nehmen versuchen: dass die Affen kein Kraftwerk brauchen, keinen elektrischen Strom, keine künstliche Wärme. (Und, möchte man hinzufügen, keinen Computer, kein Internet, wovon gleich noch zu sprechen ist.) Neotenische Affen, so nannte uns vor hundert Jahren der Biologe Louis Bolk, pädomorphe Primaten, vorzeitig geschlechtsreif gewordene Schimpansenbabys. Und während wir den Affen in uns noch längst nicht überwunden haben, versuchen wir schon zu tun, wozu Zarathustra uns aufgefordert hat: „Der Mensch ist etwas, das überwunden werden soll. Was habt ihr getan, ihn zu überwinden?“

          Auch davon erzählt dieser Film, der im Original „Dawn of the Planet of the Apes“ heißt und die Fortsetzung von „Rise of the Planet of the Apes“ ist. Im ersten Film ging es, kurz gesagt, um ein im Labor geschaffenes Virus, das die Menschheit von der Alzheimerschen Krankheit befreien sollte. Im Tierversuch zeigte sich, dass Schimpansen davon noch klüger wurden, als sie es eh schon sind. Und als die ersten Menschen die Therapie ausprobierten, wurden die geistig Schwachen wieder stark. Aber während die klüger gewordenen Laborschimpansen nach einem Ausgang in die Freiheit und Mündigkeit suchten, merkten die Menschen, dass das Virus für sie tödlich war.

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