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Pixar-Film „Onward“ im Kino : Elfen in der Pubertät

Damit ist der Weg frei zu einer klassischen Abenteuergeschichte, die von Verlust und Erlösung handelt und in der mit der Erlösung der Welt auch die des Erlösers verbunden ist. In vielen kleinen und manchen größeren Szenen wird dabei deutlich, dass die von der Magie in die Elektrizität transferierte Welt eine Schwundstufe der vorigen ist, in der das, was als Erinnerung an früher weitergegeben wird, alles Heroische verloren hat – aus dem verrufenen Gasthaus, in dem üblicherweise die Quest der Abenteurer beginnt, ist ein Familienrestaurant geworden, und die einstige Hinweisgeberin und Schatzkartenausteilerin, die nun zahm gewordene Mantikor, traut sich all das nicht mehr, aus Angst vor Regressforderungen verunglückter Schatzsucher.

Die Stimme des toten Vaters

In Gang kommt die Handlung, als Ian an seinem 16. Geburtstag von seiner Mutter ein Geschenk überreicht bekommt, das sein Vater einst für diesen Tag vorbereitet hatte. Er war ein Magier – ein mäßig begabter, wie sich herausstellen wird –, und übermittelt nun, wie er durch seinen Zauberstab, einen Spruch und einen Phönixkristall für 24 Stunden ins Leben zurückgeholt werden kann. Barley, der sich in Magiefragen für kompetent hält, schnappt sich den Stab und rezitiert den Spruch immer wieder, ohne dass etwas geschieht. Ian versucht es auch, ist aber dem Rumpeln und Blitzen des Zaubers nicht gewachsen, so dass er in der Mitte abbricht. Das gilt auch für den wiederauferstandenen Vater: er ist komplett von den Schuhen bis zum Gürtel, der oberer Teil aber fehlt. Als Zeichen, dass da noch mehr gehen müsste, leuchtet ein silbriger Nebel in Höhe der Taille.

Der Film, so scheint es, manövriert sich damit in eine vielversprechende, zugleich auch schwierige Position, denn nun ist die Aufgabe klar, die Suche nach einem Mittel zur Komplettierung des Vaters geht los und entwickelt sich zum Roadmovie. Viel interessanter sind die Lösungsstrategien der Brüder für das Problem, mit dem langersehnten und nun wenigstens teilweise zurückgekommenen Vater zu kommunizieren – Augen, Ohren oder Mund hat er ja nicht, und so bleibt er den Film über fremd, manchmal sogar eine Bürde.

Immerhin: zusammen Tanzen geht

Denn eine solche Rückholung ist nicht ohne Gefahr: In einer Erzählung des ungarischen Autors Dezsõ Kosztolányi betet ein Student seine gestorbene Geliebte aus dem Totenreich unverhofft wieder ans Tageslicht, eine halbe Stunde darf sie bei ihm sein, nur stellen die beiden schon nach acht Minuten fest, dass sie einander nichts mehr zu sagen haben. Auch in „Onward“ stellt Ian irgendwann fest, dass seine Sehnsucht mit dem tatsächlichen Vater nicht unbedingt zu tun hatte, auch wenn es so aussah. Umso reizvoller ist, was sich die Brüder und der Vaterrumpf einfallen lassen, um trotzdem zueinander zu finden, und der schönste Moment ist dann, wie der Vater die Jungen mit Fußhakeln und dergleichen dazu nötigt, mit ihm zum Autoradio zu tanzen – die Bässe spürt der Rumpf auch ohne Ohren.

Was also ist Magie? Dass der Begriff nicht ganz in der an Resultaten orientierten Zauberei aufgeht, erschließt sich allmählich, und nicht zuletzt dadurch, dass am Ende viele, die das anfangs nicht mehr konnten, schließlich doch noch ihre naturgegebenen Flügel benutzen, wenn es denn Not tut – übrigens verschwindet auf diesem Weg auch ein guter Teil ihrer vorherigen Biestigkeit.

Und fragt man sich, warum sie es vorher nicht getan haben, oder wie einer ganzen Gesellschaft ebenso wie jedem Einzelnen die Magie abhanden kommen konnte, dann ist man ganz nah an dem, worauf der Film mutmaßlich zielt: am Mehltau der Gewohnheit, der sich mit den Jahren auf uns setzt. Und von dem man sich, so die schöne Hoffnung in „Onward“, befreien kann, wenn man nur einen Moment neben sich tritt und sich befragt, was man da eigentlich die ganze Zeit so treibt.

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