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Zweigs „Schachnovelle“ im Kino : Der Ungeist triumphiert

  • -Aktualisiert am

Oliver Masucci als Josef Bartok in einer Szene des Films „Schachnovelle" Bild: dpa

So lange Wien tanzt, kann die Welt eben doch untergehen: Philipp Stölzl verfilmt Stefan Zweigs „Schachnovelle“ neu. Dabei verfällt er teils in Effekthascherei.

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          Er sagt nur diesen einen, den wichtigsten Satz im ganzen Film: „Sie sind frei.“ Am Ende, wenn der jüdische Notar Josef Bartok aus dem Wiener Hotel Metropole wankt, nach Monaten der Isolationshaft, nach schwerer Folter, wenn er in seinem abgetragenen Anzug dasteht und die Sonne scheint und die Menschen spaziergehen, als wäre nichts geschehen, als hätte hier nicht ein Mensch all seine Würde und Kraft verloren, gedemütigt von den Schergen eines Terrorregimes, mitten in Wien, vor aller Augen hingerichtet: eine bisher auf ihre Feinheit so stolze Seele. „Schutzmann Erich“ (Moritz von Treuenfels), der ihm jeden Tag stumm eine Suppe gebracht hatte, während sich auf seinem jungen, fast noch knabenhaften Gesicht der Schrecken über das Erlebte immer deutlicher spiegelte, ruft ihm am Ende erleichtert hinterher, dass er jetzt frei sei. Endlich frei. Aber der Gefangene begreift die Worte des Wächters nicht mehr, ebenso wenig, wie er das Leuchten der Sonne versteht. Für ihn sind all das nur noch Züge in einer nicht enden wollenden Schachpartie.

          Philipp Stölzl hat Stefan Zweigs im Januar 1942, wenige Monate vor seinem Freitod, abgeschlossene „Schachnovelle“ einmal mehr verfilmt. Sechzig Jahre nachdem Regisseur Georg Oswald den Stoff mit Curd Jürgens in der Hauptrolle mehr oder weniger texttreu auf die Leinwand brachte, geht Stölzl mit dem letzten Werk des im brasilianischen Exils verzweifelten Autors ziemlich „frei“ um.

          Bei ihm liegt der Schwerpunkt der Handlung nicht auf der Überfahrt nach Amerika, sondern auf der Hölle der Wiener Isolationshaft. Nicht die Begegnung mit einem namenlosen Ich-Erzähler bringt „Dr B.“ dazu, sich zu erinnern; stattdessen dienen hier Glühbirnen, Standuhrenzeiger und Scotch-Flaschen als Auslöser für lange Rückblenden. Auch der Auftritt seiner hinzuerfundenen Frau Anna (zart angespielt von Birgit Minichmayr) verleitet den Verstörten zu der Frage: „Wie war es früher?“

          Bald werden Folterknechte geschickt

          Früher, vor der Nacht seiner Festnahme. Früher, als er wohlhabend und stolz, mit Schnurrbart und Dreiteiler in die Oper fuhr und sich Witze über Joseph Goebbels erzählen ließ: „Solange Wien tanzt, kann die Welt nicht untergehen.“ Aber sie geht unter, und zwar für ihn in nur einer Nacht: An fackelschwenkenden Nationalsozialisten vorbei wird er ins Hotelquartier des regionalen Gestapo-Leiters gefahren, der ihn in eine „Sonderbehandlung“ schickt, weil er sich weigert,die Kontodaten seiner wohlhabenden Klienten zu verraten. Über Monate wird er in ein Zimmer gesperrt, zunächst noch mit Blick in den Hof und freundlichen Überredungsversuchen, dann werden die Fenster vermauert und Folterknechte geschickt. Ein Buch hilft ihm, nicht den Verstand zu verlieren: Keine erzählende Literatur, sondern eine Sammlung berühmter Schachpartien. Er lernt sie auswendig, spielt sie im Kopf nach, wird zum manischen Schachspieler, spaltet die Wirklichkeit des Grauens ab zugunsten der Fiktion eines immer weiteren Zuges.

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