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Kino und KI : Die Bilder und ihr Gegenteil

So sieht das Schützenfestzelt auf dem Münchner Oktoberfest in der Erinnerung ungezählter Selfies aus. Bild: Philip Gröning

Der Regisseur Philip Gröning hat ein paar tausend Bilder aus den sozialen Netzwerken gesammelt und lässt jetzt eine Künstliche Intelligenz ungesehene Räume bauen. Ist das die Zukunft des Kinos?

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          Unter all den Zukunftsaussichten, welche das Kino und die bewegten Bilder haben könnten, ist diese hier vielleicht die schönste und erstaunlichste: dass die Bilder sich in ihr Gegenteil verwandelten und die Blicke in die umgekehrte Richtung gingen. Dass nicht mehr eine Kamera in Räumen, mit Dingen und Menschen ihre Bilder produzierte. Sondern dass die Bilder sich, anders herum, wieder zu Räumen formten: zu einer Welt, durch die das Publikum hindurchgehen kann.

          Claudius Seidl

          Redakteur im Feuilleton.

          Es werden viel zu viele Bilder geschossen, hat Wim Wenders einst gesagt (bevor er sich ein Smartphone kaufte und ein paar tausend Fotos darauf speicherte); die Verächter von Selfies, Katzenbildern und Instagram stimmen ihm noch immer zu. Jedes Bild ist ihm gut genug, meint Philip Gröning, der ein paar tausend Bilder aus den sozialen Netzwerken gesammelt hat. Diese Bilder hat er einer Künstlichen Intelligenz gegeben. Und die hat daraus neue, nie gesehene Räume konstruiert.

          Philip Gröning ist gelernter Filmregisseur und ein eigenwilliger Künstler. Seine Filme („Die große Stille“, „Die Frau des Polizisten“, „Mein Bruder heißt Robert und ist ein Idiot“) gewinnen Preise und verstören ihr Publikum. Und immer geht es auch darum, die großen Fragen des Kinos noch einmal zu stellen, fast so, als stellten sie sich zum ersten Mal: Was sieht die Kamera, was mit bloßem Auge nicht zu erkennen ist? Wo beginnt eigentlich die Fiktion, wenn doch die wirklichen Körper und die wirklichen Stimmen in wirklichen Räumen das Material des Kinos sind? Und zeigt sich die Kunst des Inszenierens wirklich darin, dass der Regisseur nach totaler Kontrolle strebt – oder geht es im Gegenteil darum, die Dinge geschehen und die Konflikte eskalieren zu lassen, während die Kamera läuft?

          Eine Sparte, die Kunst ist und Nichtkunst zugleich

          Vor zwei Jahren wurde Gröning zum Gastprofessor für freie Kunst an der Münchner Kunstakademie berufen – und es sieht so aus, als habe er von seinen Studenten fast so viel gelernt wie sie von ihm. Gröning und die Studenten experimentierten mit Künstlicher Intelligenz, spielten mit virtuellen Räumen und mit dreidimensionalen Bildern, und gelegentlich gab es in Münchner Ausstellungsräumen erste Ergebnisse zu sehen.

          Welche Möglichkeiten sich aber mit der unfassbaren Rechenleistung und Lernfähigkeit einer Künstlichen Intelligenz eröffnen, für eine Sparte, die Kunst ist und Nichtkunst zugleich – und so neu, dass sie noch keinen Namen hat: Das zeigt Grönings Projekt „Phantom Oktoberfest – Oktoberfest Phantom“ (das während der Oktoberfestwochen in der Münchner Villa Stuck vorgeführt wurde, zurzeit in der Ausstellungshalle Tank in Schanghai; danach in Russland und Italien). Gröning hat Tausende Bilder vom Münchner Oktoberfest aus den sozialen Netzwerken herauskopiert, aus den geläufigen, aber auch aus chinesischen und russischen; und die Künstliche Intelligenz hat daraus das Innere einiger Festzelte konstruiert. Man setzt sich also die Virtual-Reality-Brille auf. Und hat dabei das Gefühl, dass man zugleich in die Zukunft und in die Vergangenheit schaut.

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