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Phänomen Karl-May-Filme : Schau, schau, Schoschonen!

  • -Aktualisiert am

Wie Winnetou die Geschichte des Wilden Westens umschrieb: In den Karl-May-Verfilmungen sieht man das schlechte Gewissen des deutschen Kinos am Werk, sich an einem Genre zu vergehen, für das es ihm einfach an Potenz fehlte.

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          In vierzig Sprachen, das Lappländische nicht mitgezählt, konnte Karl May nach eigenen Angaben konversieren. Er sprach Dakota und Delaware, nur das Deutsche kam ihm schwer von der Zunge. Wenn er stolz von den 35.000 Kriegern der Apachen erzählte, die er nach Winnetous Tod befehligte, dann klang das immer nach 35.000 Kriechern.

          „Es war im Lande Sachsen ein Mann, der hieß Karl May“, heißt es bei Hans-Jürgen Syberberg, der einen der drei Teile seiner „Deutschen Trilogie“ dem umstrittenen Klassiker widmete (Adolf Hitler und Ludwig II. waren die beiden anderen Protagonisten). Das Sächseln holt den Weltbürger der Phantasie Karl May zurück auf den Boden der Tatsachen - denn Old Shatterhand, das weiß Deutschland aus den bunten Filmen der sechziger Jahre, spricht keinen Dialekt.

          Einsamer Höhepunkt

          Das Deutsche Historische Museum begleitet seine aktuelle Ausstellung zu Karl May (siehe: Das DHM huldigt dem Leben und Werk Karl Mays) noch bis Ende Oktober mit einem Filmprogramm, in dem Syberbergs „Karl May“ einen einsamen kritischen Höhepunkt einnimmt - der ganze Rest ist dem Anschein nach bestens bekannt. Man hat die Musik noch im Ohr, man erinnert sich an die jugoslawische Landschaft, und man kann den Namen von Hadschi Halef Omar immer noch in voller Länge herunterrattern.

          Was fällt also ins Auge, wenn Winnetou (Pierre Brice) und Old Shatterhand (Lex Barker) doch noch einmal losreiten? Wenn Kara Ben Nemsi und sein treuer muslimischer Diener in die Hände eines Sklavenhändlers fallen? Es ist nicht viel. Allenfalls verblüfft beim Wiedersehen das Ausmaß, in dem die Filme von Harald Reinl, Alfred Vohrer oder Georg Marischka sich von Beginn an selbst nicht ernst nahmen. Fast durchweg sind die Nebenrollen besser im Gedächtnis geblieben, der Schmetterlingssammler Lord Castlepool vor allem als besonders ungeeigneter Westmann. Diese Spaßmacher (Ralf Wolter und Eddi Arent in erster Linie) wirken heute wie Symptome eines schlechten Gewissens darüber, dass sich hier eine Konsumkultur an einem Genre versucht, für das sie weder die mythologische Potenz noch die natürlichen Ressourcen hat. Sie helfen, das Unbehagen wegzulachen, das sich einstellt, wenn Winnetou und Old Shatterhand die Geschichte des Wilden Westens umschreiben.

          Stewart Grangers zweite Karriere

          Die deutschen Western kamen zu einer Zeit, da in Hollywood die Ordnung des Studiokinos zusammenbrach und die Genres durchlässig wurden. Ein Mann wie Robert Siodmak, Regisseur von zentralen Werken des Film Noir, kam nach seiner Rückkehr nach Deutschland in die Lage, mit „Der Schatz der Azteken“ einen der Kolportageromane von May zu verfilmen. Stewart Granger konnte in der Rolle des Old Surehand eine zweite Karriere schaffen („Unter Geiern“, 1964), mit seinem Namen verbindet sich aber auch die Anbiederung an die internationalen Märkte in einer Zeit, in der das europäische Koproduktionskino sein ganzes Selbstbewusstsein ausspielte.

          Die Filmreihe im Deutschen Historischen Museum begreift das Phänomen Karl May konsequent als gesamtdeutsch: Die Filme, mit denen die BRD die Weltmärkte versorgte („Der Schatz im Silbersee“ wurde in sechzig Länder verkauft), konnte die DDR zwar nicht einfach importieren - sie konnte sie aber nachmachen, wenngleich mit vielfach umgekehrten Vorzeichen. „Tecumseh“ (1972) zeichnet einen positiven Häuptling nach historischem Vorbild, kommt dabei aber um die Tatsache nicht herum, dass der amerikanische Genozid (der auch für Karl May ein Skandal war, in den Filmen aber kaum von Bedeutung ist) dem Kapitalismus in die Hände gespielt hat.

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