https://www.faz.net/-gqz-qwwv

Peter Sodann : Ein allzu Ehrlicher

Sodanns neue Freunde: Lafontaine und Bisky Bild: dpa/dpaweb

Daß der „Tatort“-Star Peter Sodann für die PDS antritt, hätte niemanden überraschen dürfen. Seine Zuschauer werden nun dafür bestraft, daß er klein beigibt, indem er ein großes Projekt verfolgt.

          2 Min.

          So sieht es aus, das menschliche Antlitz des Sozialismus. Schon in seiner Rolle als „Tatort“-Kommissar Bruno Ehrlicher ist der Hallenser Schauspieler Peter Sodann zum Inbegriff des gutmütigen Freundes und Helfers geworden, der mehr noch als ein Schimanski seiner ganzen Region Gestalt und Stimme verleiht. Diese Region ist größer als das Ruhrgebiet und länger industrialisiert, und um soviel trauriger sieht es dort heute meist ökonomisch aus. Die Rede ist vom Sendegebiet der Dreiländeranstalt MDR, also von Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Eher kleinwüchsig und immer zu einem freundlichen Granteln aufgelegt, bekämpft Kommissar Ehrlicher von seinem Leipziger Büro aus nicht nur das Verbrechen, sondern er verteidigt auch jene sozialen Werte, die aus der Abenddämmerung der DDR noch übriggeblieben sind: die Grillfeste, Kleinsparten, offenen Zweierbeziehungen, „Paul und Paula“-Inszenierungen, Arbeitsfreundschaften.

          Aufgehoben im Kollektiv

          Das tut er mit solcher Herzlichkeit, daß man sich als Zuschauer in geradezu dialektischem Sinne aufgehoben fühlt in einem Kollektiv, das jedoch von Investoren, Seilschaftern und Profiteuren systematisch unterminiert wird. Wer sich in diesem familiären Umfeld als großer Bruder geriert, ist in den MDR-Tatorten meist der Täter. Selbst der engste Mitarbeiter von Ehrlicher heißt Kain.

          Im wahren Leben ist alles noch herzzerreißender. Peter Sodann wohnt nicht in der Boomtown Leipzig, sondern in deren vernachlässigter Nachbarstadt Halle, unter den ärmeren der armen Brüderchen also. Dort baute der 1936 in Meißen geborene Schauspieler 1981 die „Kulturinsel“ auf, wo er bis vergangenen Samstag als Intendant des „neuen theaters“ amtierte. Sodann ließ zuletzt durchblicken, daß er durchaus geneigt sei, noch ein paar Jährchen dranzuhängen, doch die Stadt verlängerte den Vertrag nicht mehr. Am nächsten Tag gab der Schauspieler seine Kandidatur als Spitzenkandidat der sächsischen PDS bei der kommenden Bundestagswahl bekannt.

          Vorzeigewähler der PDS

          Das hätte niemanden überraschen dürfen, denn Sodann hat aus seinen politischen Sympathien nie einen Hehl gemacht. Er galt für die PDS schon länger als Vorzeigewähler, weil die Stasi den mißliebigen Kabarettisten nach dem Mauerbau für neun Monate inhaftiert hatte. Aus der SED wurde er damals ausgeschlossen, und wie er dem „Neuen Deutschland“ zu Weihnachten des vergangenen Jahres erklärte, fand er die Erklärung für deren Verrat an der sozialistischen Idee darin, daß die DDR-Oberen nicht beteten: „Demut muß sein.“ Wobei für Sodann das Gebet beim Aufheben und Entsorgen einer weggeworfenen Zigarettenschachtel beginnt: „Wahre Freiheit heißt, sich für alles verantwortlich zu fühlen.“

          So ist er denn nun dem Ruf der gewendeten Partei gefolgt. Seine Zuschauer werden dafür bestraft, weil in den letzten sechs Wochen vor der Wahl nicht mehr Kommissar Ehrlicher ausgestrahlt werden darf. Und danach droht der Bundestag. Für seinen Abschied als Ermittler hatte sich Sodann folgenden Satz vorgestellt: „Ich habe Großes vor. Ich habe mir ein kleines Häuschen gemietet, und da werde ich Blumen pflanzen, weil ich soviel Mist und Dreck erlebt habe in der Mordkommission.“ Erstaunlich, daß er nun klein beigibt, indem er ein großes Projekt verfolgt. Ehrlicher hätte länger gewährt.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Krise im deutschen Fußball : Die Nationalelf ist im freien Fall

          Seit dem WM-Sieg stürzt der Image-Wert des Nationalteams in den Keller, wie eine Umfrage belegt. Auch die Entfremdung von der Elf erreicht eine neue Dimension. Das hat nicht nur mit Niederlagen auf dem Rasen zu tun.
          Die Genforschung zeigt: Es gibt keine biologische Begründung von Rasse. Alle Menschen sind gleich.

          Debatte über Streichung : Der gefährliche Mythos Rasse

          Der Begriff der Rasse soll aus dem Grundgesetz verschwinden. Geprägt von einem französischen Arzt und Philosophen hat das Wort eine zweifelhafte wissenschaftliche Karriere gemacht – mit mörderischen Folgen. Forscher arbeiten an seinem Ende.
          Armin Laschet, Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen, am 20. November in Troisdorf

          Historische Corona-Analogien : Auch Deutsche unter den Opfern

          Armin Laschet spricht vom härtesten Weihnachtfest der Nachkriegszeit, eine Demonstrantin vergleicht sich mit Sophie Scholl: Helfen mehr Geschichtsbücher gegen die schiefen Bilder?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.