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Peter Lilienthal zum Achtzigsten : Der Traum von den fünf Sekunden

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Neben Kluge, Reitz und Fassbinder war Peter Lilienthal einer der Köpfe des „jungen deutschen Films“. Dann aber hat er dem deutschen Kino eine Brücke nach Übersee gebaut. Zum Achtzigsten des Regisseurs.

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          Am liebsten spricht er über die Zukunft, über Möglichkeiten, die Welt doch noch ein bisschen zu verändern. Und weil er in dieser Welt viel herumgekommen ist, kennt er Gleichgesinnte, mit denen er bei dieser Veränderung an einem Strang ziehen möchte. Es geht ihm dabei um die Sicherung der Menschenrechte, um soziale Gerechtigkeit, um die Stärkung der Zivilgesellschaft. Wenn Peter Lilienthal sich mit seiner sanften Stimme zu diesen großen Fragen äußert, dann klingt das nie nach einer nur gut gemeinten Botschaft. Es wirkt glaubwürdig, weil es ihm ernst damit ist. So wie es ihm mit jedem seiner Filme ernst war, auch wenn sie gelegentlich mit der Komik spielten.

          Seine frühen Filme gehören zur inzwischen fast vergessenen Fernsehgeschichte der sechziger Jahre, gedreht in großer Freiheit für den Südwestfunk und den Sender Freies Berlin: „Biographie eines Schokoladentages“, „Das Martyrium des Peter O'Hey“, „Seraphine - oder die wundersame Geschichte der Tante Flora“. Ihr Genre war die Groteske, der latente Horror, die Absurdität. Sie handelten von Deformation, Auflösung, Verfall. Die Filme liefen im normalen Abendprogramm, und zunächst gab es in der Bundesrepublik davon ja nur ein einziges. Die Messung der Resonanz ging zu dieser Zeit über die reine Quote hinaus: ausgewählte Zuschauer durften Sendungen zwischen +10 und -10 bewerten.

          Die Bombe musste weg

          Lilienthals Filme landeten immer tief im Minusbereich, aber dafür hatte er die Kritik auf seiner Seite, jedenfalls die seriöse. 17 Fernsehfilme entstanden bis 1969, zu den Stofflieferanten gehörten Benno Meyer-Wehlack, Slawomir Mrozek, Günter Herburger und Witold Gombrowicz. Beim 18. - der auch Lilienthals erster Kinofilm wurde - gab es Ärger mit dem koproduzierenden SFB. „Malatesta“ thematisierte das Leben eines italienischen Anarchisten aus dem frühen zwanzigsten Jahrhundert (gespielt von Eddie Constantine) und zeigte in einer Szene die Herstellung einer Bombe. Das ging in der Zeit der Studentenrebellion zu weit und musste entfernt werden. Im Kino war die Szene erlaubt, „Malatesta“ gewann mehrere Bundesfilmpreise.

          Um Peter Lilienthals große Filme der siebziger und achtziger Jahre würdigen zu können, ist ein biografischer Hinweis unabdingbar. 1939, neunjährig, emigrierte er mit seiner jüdischen Familie nach Uruguay, wurde nach dem Tod des Vaters von seiner Mutter aufgezogen, die in Montevideo ein kleines Hotel betrieb. Peter nomadisierte im Haus und schlief in einem der gerade nicht vermieteten Zimmer. Zu den Hotelgästen gehörten Dichter, Emigranten, Anarchisten. Für einen neugierigen jungen Mann war das ein inspirierender Umgang. Nach der Schule arbeite Lilienthal drei Jahre in einer Bank, worauf er bis heute stolz ist, weil es ihm den Blick für ökonomische Prozesse geöffnet hat. Dann gewann die Kunst die Oberhand, zuerst das Zeichnen, dann die Fotografie und der Film. Ein Besuch bei der Großmutter, die inzwischen wieder in Berlin lebte, führte ihn nach Deutschland zurück. Studium an der Hochschule der Bildenden Künste, erste experimentelle Filme, dann kamen die Fernseharbeiten.

          Brücke nach Lateinamerika

          Anders als seine Mitstreiter des „jungen deutschen Films“, Alexander Kluge, Edgar Reitz oder Rainer Werner Fassbinder, interessierte sich Peter Lilienthal weniger für deutsche als für internationale Ereignisse. Von München aus, seinem neuen Wohnsitz, baute er eine Brücke nach Lateinamerika und drehte drei Kinofilme mit dezidiert politischer Thematik: über die Emanzipation einer jungen Chilenin in der Allende-Zeit („La Victoria“), über die brutalen Folgen des Militärputsches in Chile („Es herrscht Ruhe im Land“) und über das Engagement eines Nationalgardisten für die sandinistische Revolution in Nicaragua („Der Aufstand“). Ihre Glaubwürdigkeit und Kraft bekamen diese Filme durch die Perspektive der Protagonisten und den emotionalen Realismus, für den auch der Drehbuchautor Antonio Skármeta verantwortlich war, der in den siebziger Jahren als Exilchilene in Berlin lebte Als Belohnung gab es Bundesfilmpreise in verschiedenen Kategorien bis hin zur „Goldenen Schale“.

          Einen inneren Widerstand überwindend, hat sich Peter Lilienthal 1978 dann doch mit der deutschen Vergangenheit beschäftigt. „David“ erzählt die Geschichte einer Rabbiner-Familie im Nazi-Deutschland aus der Perspektive des Sohnes, dem auf vielen Umwegen die Flucht nach Budapest gelingt. Der Film vermeidet pathetische Anklagen, er ist zurückhaltend in der Darstellung der Gräueltaten, er hat eine fast melancholische Dimension. Das macht ihn so bewegend. Einer der schönsten Lilienthal-Filme entstand 1981 in New York: „Dear Mr. Wonderful“. Joe Pesci spielt darin einen Sänger, der in New Jersey eine Bowlingbahn betreibt und von Spekulanten unter Druck gesetzt wird. Er erlebt den Zusammenbruch seines einigermaßen geordneten Lebens und fängt am Ende von vorn an. Wie immer bei diesem Regisseur dominieren Menschlichkeit und Diskretion. Es gibt keine Effekte, die kleinen Helden behalten ihre Würde. Von Michael Ballhaus fotografiert, ist „Dear Mr. Wonderful“ ein prototypischer Peter-Lilienthal-Film.

          Auch im Dokumentarischen hat dieser Regisseur eine glückliche Hand. Das konnte man im vergangenen Jahr bei dem Film „Camillo - Der lange Weg zum Ungehorsam“ noch einmal feststellen. Die Porträts des ersten Irak-Kriegsdienst-Verweigerers und eines mexikanischen Friedensaktivisten sind genau das, was ihr Autor als Desiderat einfordert: engagierte, gestaltete, subtile Reportagen aus der aktuellen Realität.

          Die Grenzen sprengen

          1984 wurde die Westberliner Akademie der Künste auf Anregung von Günter Grass um die Sektion Film- und Medienkunst erweitert. Peter Lilienthal war dafür der ideale Gründungsdirektor. Er öffnete die Abteilung auch für Hörspielautoren, Fotografen und Kameraleute, gab ihr eine individuelle Inspiration und machte das Haus am Hanseatenweg in den neunziger Jahren mit seiner jährlichen „Sommerakademie“ zu einem internationalen Treffpunkt. Die sechs Sommerakademien sind inzwischen so etwas wie ein Mythos. Ihrem Initiator blieb die vereinigte Akademie der Künste Mitte der neunziger Jahre allerdings zu westberlinlastig. Er wollte die alten Sektionsgrenzen sprengen und hatte starke Vorbehalte gegenüber dem Neubau am Pariser Platz. Ihm schien ein Nomadenzelt auf irgendeiner freien Fläche der Stadt angemessener für die Zukunft dieser Künstlervereinigung. Eine Weile hat er sich dann aus der Akademie verabschiedet. Inzwischen ist er wieder dabei.

          „Befragung eines Nomaden“ hieß das Buch von Michael Töteberg, 2001 herausgegeben im Verlag der Autoren. Am Ende wird Peter Lilienthal nach seiner Rolle im „Amerikanischen Freund“ von Wim Wenders gefragt. Er spielt dort einen Gangster, der im Zug von Dennis Hopper erwürgt wird. Das sei sehr ungemütlich gewesen, weil er doch so lange Beine habe. Lilienthal über seine Berufsvisionen: „Ich hätte gern mein Leben lang als Kleindarsteller gearbeitet. Es wäre schön, anzukommen mit einem kleinen Köfferchen, sich schnell umzuziehen und dann gesagt zu bekommen: Du spielst einen Teppichverkäufer, einen Polizisten, einen alten Rabbiner. Du hast fünf Sekunden im Film, dann bist Du vergessen.“ Aber es ist noch schöner, dass Peter Lilienthal Regisseur wurde und nicht so schnell vergessen werden kann.

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