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Kinofilm „Pferde stehlen“ : Bevor Sigmund Freud den Weg nach Norwegen fand

Hackt Holz und bohrt ganz dicke Bretter: Stellan Skarsgård an der frischen Luft. Bild: MFA

Der Film „Pferde stehlen“ nach einem Roman von Per Petterson handelt von einem Mann, der in die Einsamkeit zieht und beweisen will, dass er niemanden braucht. Damit kommt er nicht weit.

          3 Min.

          Trond ist ein Mann, der im Leben Glück hatte. Am Anfang von „Pferde stehlen“ sagt er das aus dem Off, am Ende des Films hat er festgestellt, dass es sogar stimmt. Trond (in stoischer Ruhe gespielt von Stellan Skarsgård) ist 67 Jahre alt und in die Einsamkeit Ostnorwegens gezogen. Sein Häuschen ist schlicht, hat keine Annehmlichkeiten und vor allem keine Menschen in Rufnähe. Trond will sich beweisen, dass er niemanden braucht.

          Maria Wiesner

          Redakteurin im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET.

          Um ins nächste Städtchen zu kommen, muss Trond mit dem Auto über verschneite Waldstraßen fahren. Als er fast mit einem Holztransporter kollidiert und in eine Schneewehe fährt, blitzen Erinnerungen an jenen Unfall auf, bei dem er vor drei Jahren seine Frau verlor. Man kann den Geistern nicht entkommen, auch wenn man sich in der letzten Ecke Norwegens zu verstecken sucht. Doch die Grübeleien über den Tod seiner Liebe sind nur der Anfang. Schon bald steht ein Nachbar vor Tronds Haus, der nach seinem Hund sucht und ihn an einen Jungen erinnert, den er in seiner Jugend kannte. Er war ihm in jenem Juni 1948 begegnet, den er sein Leben lang vergessen wollte, als er von einem tragischen Unfall erfuhr, sein erstes Begehren entdeckte, seinen Vater zum ersten Mal verstand und dann für immer verlor.

          Als Vorlage diente dem Film der gleichnamige Roman des norwegischen Schriftstellers Per Petterson. Regisseur Hans Petter Moland hält sich dicht an den Roman, hat Struktur und Handlung fast komplett übernommen, hebt aber die Vater-Sohn-Beziehung heraus, gibt also dem Handlungsstrang im Juni 1948 den größten Raum, um eine Beziehung zu zeigen, die den ödipalen Vater-Sohn-Problemfilmklischees von Kälte oder Härte ein Bild der fürsorglichen Stärke entgegensetzen soll, allerdings keines, in dem Emotionales klar kommuniziert wird.

          Ohne ihn könnte alles schiefgehen

          Moland selbst ist auf einer norwegischen Farm aufgewachsen, die der ähnelt, auf der Trond den letzten Sommer seiner Jugend verbringt: „Es fühlte sich an, als könnte ich die Geschichte von innen heraus erzählen. Es war sehr intim. Ich kannte die Mentalität, die Landschaft, die Art dieser Menschen zu kommunizieren“, erzählte der Regisseur im Interview. Besonders die fehlende Kommunikation in den Familien Ende der vierziger Jahre ist im Film manchmal nicht leicht zu ertragen. Genau darauf wollte Moland bei seiner Inszenierung hinaus: „Wir blicken auf die präfreudianische Zeit in Norwegen, als von den Leuten erwartet wurde, ihr Päckchen still für sich selbst zu tragen.“

          In Molands Schaffen sind Filme unterschiedlichster Genres zu finden. Der Thriller „Hard Powder“ (2019) schickte Liam Neeson als Schneepflugfahrer auf Rachefeldzug in die Rocky Mountains, „Ein Mann von Welt“ (2010) ist hingegen eine Komödie, schwarz wie die Polarnacht in Spitzbergen, in der Stellan Skarsgård als Ex-Knacki zurück ins Leben finden muss. Der schwedische Schauspieler ist die Konstante in Molands Arbeit, bereits fünfmal hat er mit ihm gedreht. In „Pferde stehlen“ legt er nun das Gelingen einer Literaturverfilmung, die obendrein eine Selbstdeutung sein will, auf die breiten Schultern des Schauspielers.

          Ohne ihn könnte alles daran schiefgehen. Da ist zum einen die Ich-Erzählerstimme, die schon durch den Roman führte und die Moland für seinen Film beibehalten hat. Wie quälend langweilig das mitunter sein kann, hat zuletzt „Ad Astra“ gezeigt, eine andere Sohn-sucht-Vater-Geschichte, in der Brad Pitts Voiceover die Gefühle transportieren soll, deren anderweitige Darstellung die Regieanweisungen vergessen haben.

          Moland überträgt die Erzählerstimme nicht nur um der Sprachpoesie aus Pettersons Vorlage willen, sondern möchte damit auch klarmachen, dass die Erinnerung an den Sommer 1948 allein in Tronds Kopf stattfindet, also eben wirklich Erinnerung ist, nicht objektive Filmerzählung. Das ist in der Literatur deutlich einfacher zu vollführen als im Film; Moland unterstreicht es über ein Farbschema, das die Rahmenhandlung von Tronds Sommererinnerungen unterscheidet. Grau ist der Winter, aus dem heraus Trond sich zurückerinnert. Nicht nur die Bilder der unter Schnee begrabenen Natur sind entsättigt aufgenommen, auch Tronds Alltag und seine Besuche in der nahen Stadt wirken so unterkühlt, dass der kalte Nordwind fast schon von der Leinwand bläst. Sobald Trond jedoch vom Juni 1948 erzählt, vom Baden in Bergbächen, vom Reiten durch dunkle Tannenwälder oder von der Faszination für ein blaugeblümtes Sommerkleid, wird alles so satt grün, dass der Kontrast fast schon in den Augen schmerzt.

          Erst als sich Trond seinen Geistern gestellt hat, wird auch seine Gegenwart etwas heller. Er muss mit den Verletzungen seiner Vergangenheit zwar selbst abschließen, doch dabei lernt er, dass er für das tägliche Leben die Hilfe der anderen braucht. Am Ende kann er sie annehmen und so feststellen, dass er im Leben tatsächlich Glück gehabt hat.

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