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Pegah Ferydoni im Gespräch : Wo ist die Aufklärung?

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Hatte mit „Türkisch für Anfänger” ihren Durchbruch: Die deutsch-iranische Schauspielerin Pegah Ferydoni Bild: F.A.S. - Christian Thiel

Die Schauspielerin Pegah Ferydoni wurde 2006 durch die Serie „Türkisch für Anfänger“ bekannt. Im F.A.Z.-Interview spricht sie über deutsches Gutmenschentum beim Casting, die politischen Zustände in Iran und über ihre Rolle in „Women without Men“.

          5 Min.

          Pegah Ferydoni wurde 1983 in Teheran geboren. 1985 mussten die Eltern mit ihr nach Deutschland fliehen, sie wuchs in Berlin-Reinickendorf auf. Der Durchbruch als Schauspielerin gelang ihr mit der preisgekrönten ARD-Vorabendserie „Türkisch für Anfänger“ im Jahr 2006. Nach einem Auftritt in „Zweiohrküken“ war sie zuletzt in dem Film „Ayla“ zu sehen, in dem sie die Titelrolle spielte. In ihrem neuesten Film „Women without Men“ von der in New York lebenden Künstlerin Shirin Neshat spielt Pegah Ferydoni eine junge Frau in den Wirren des Staatsstreichs gegen Ministerpräsident Mossadegh im Jahr 1953.

          Sie werden in Deutschland immer wieder als Ausländerin besetzt, vor allem als Türkin, wie in der Serie Türkisch für Anfänger, obwohl Ihre Eltern Perser sind. Stört Sie das?

          Tatsächlich werde ich schon zu allen möglichen Castings eingeladen, auch für „typisch deutsche“ Rollen. Aber besetzt werde ich am Ende immer nach ethnischen Kriterien. Man ist nur in letzter Zeit etwas vorsichtiger mit den Ausdrücken: Früher hat man noch gesagt, ich sei „zu ethnisch“. Weshalb es nun gerade die Türken sind? Ausländer in deutschen Filmen sind halt sehr oft Türken. Und zwar nicht nur, weil es viele türkische Einwanderer in Deutschland gibt. Sondern weil in Deutschland das Migrantsein immer als Problem gesehen wird. Mit Iranern hat man nicht so ein Problem, die sind nette, intelligente Opfer. Und für Mafia und Komödien hat man die Italiener.

          Shabnam Tolouei als Munis und Pegah Ferydon allein auf weiter Flur
          Shabnam Tolouei als Munis und Pegah Ferydon allein auf weiter Flur : Bild: APN

          Also eine Form von Ausgrenzung durch Stereotypen?

          Ja. Ausgrenzung ist immer ein Verzicht auf Talent. Die Mehrheit der Weltbevölkerung ist ja nicht weiß, sondern so beige wie ich. Die Oberfläche ist ein Trugschluss. Unsere Unterschiede sind ja soziale. Es schmeichelt mir zwar, dass man mir zutraut, dass ich das authentisch verkörpern kann. Aber das Problem ist, dass ich immer nur die gleiche Art von Betroffenheitstürkin spielen darf. So ist die Realität ja gar nicht: Nicht alle Türkinnen, die ich kenne, werden unterdrückt oder zwangsverheiratet oder ermordet. Und wie oft ich schon im Film von zu Hause abgehauen bin, das habe ich irgendwann aufgehört zu zählen. Im Kino gibt es mehr Ehrenmorde als in der Wirklichkeit - das ist ein hysterisches Bild, was da konstruiert wird.

          Gibt es eigentlich auch Türken, die sich daran stören, wenn Sie eine Türkin spielen?

          Vereinzelt schon. Da heißt es dann: Warum habt ihr keine echte Türkin genommen? Oder gönnerhaft: Dafür, dass du keine echte Türkin bist, hast du es ganz toll gespielt.

          Wenn man sich den Umgang mit Schwarzen und Asiaten in Hollywood ansieht, sieht es allerdings auch nicht viel besser aus.

          Der Rassismus liegt ja nicht darin, dass Denzel Washington in den Filmen immer eine schwarze Frau hat. Die Diskriminierung fängt dort an, wo man Menschen anderer Kulturen und Hautfarben ständig als problembehaftet darstellt, wo man den Menschen ihre Widersprüchlichkeit aberkennt. Indem man sie als Individuen löscht. Ich werde ständig damit konfrontiert: Was ist deutsch? Bist du deutsch oder nicht? Es gibt diese sichtbaren Unterschiede in jedem Land. Aber in Deutschland, und das ist typisch deutsch, muss man sich immer entscheiden, was man denn nun ist. In Amerika gibt es das nicht: Als ich dort war, war ich für die hundertprozentige Deutsche und zugleich hundertprozentige Iranerin.

          Haben Sie dafür eine Erklärung?

          Nein, ich sehe nur Symptome. Zum Beispiel die Sprache, in der wir über den Holocaust sprechen. Man sagt dann ja immer: „Die Deutschen haben die Juden umgebracht.“ Nein: Deutsche haben Deutsche getötet. Die jüdischen Deutschen waren integriert. Wenn man das noch nicht mal sprachlich zugesteht, dann schiebt man die Schuld von sich weg. Ähnlich ist es mit anderen Worten, die stigmatisieren: Man sagt Migrant, meint aber Ausländer. Es wird immer gedeckelt, es wird immer mit so einem Pseudo-Gutmenschtum zugedeckt. Dieser versteckte oder gar gut gemeinte Rassismus stört mich sehr.

          Was würden Sie sich wünschen?

          Man sollte mehr Filme über Neonazis machen statt über Ehrenmorde. Ich möchte mal vom Kino wissen, wer diese 700 000 NPD-Wähler sind, statt ständig von Neukölln, Rütli-Schule, Bildungsarmut zu hören. Neukölln ist ja gar nicht das Problem. Unser Problem sind Bildungsarmut, Arbeitslosigkeit und Perspektivlosigkeit, das Problem sind Millionen Ostdeutsche, die nie in die Gesellschaft der Bundesrepublik integriert worden sind. Wir machen unsere Augen nicht auf. Wir beobachten nicht genug, das ist schade. Denn das kritische Denken hat ja lange Zeit, seit der Aufklärung, die deutsche Kultur ausgemacht. Aber wo ist denn heute die Aufklärung?

          Sie haben Fernsehen und Kinofilme gemacht und auch immer wieder mal auf der Bühne gestanden, zuletzt im Neuköllner Stadttheater Heimathafen.

          Genau, in dem Stück „Sisters“, einem Stück über Freundschaft und Gewalt unter Frauen. Aber die eigentliche Sensation ist, dass jemand wie ich eine Claudia aus Charlottenburg spielt, vollkommen unkommentiert. Dass eine türkische Darstellerin die Mutter eines Deutschen spielt. Spätestens nach zehn Minuten konzentrieren sich alle auf den Inhalt. Das ist für mich gelungene Integration. Das hat mich noch einmal in meiner Entscheidung bestätigt, Schauspielerin zu werden. Denn ich habe ja nicht den Beruf gewählt, um mir ein Kopftuch aufzusetzen und Döner zu verkaufen.

          Jetzt spielen Sie endlich mal eine Iranerin, in Women without Men von Shirin Neshat.

          Diese Rolle war ein Geschenk. Obwohl der Dreh keineswegs einfach war. Wir haben in Marokko drehen müssen, unter schwierigen Bedingungen. Aber das Drehbuch ist spannend. Die Geschichte führte mich zurück zu der Geschichte meiner eigenen Familie.

          Inwiefern? Er erzählt ja von Frauenschicksalen in Iran zur Zeit des von den Amerikanern unterstützten Staatsstreichs gegen den demokratisch gewählten Ministerpräsidenten Mossadegh im Sommer 1953.

          Mein Großvater war in den sechziger Jahren in einer Gruppe aktiv, die Widerstand gegen das Schah-Regime geleistet und auch Anschläge verübt hat. Es kam zum Prozess, mein Großvater wurde zweimal zum Tode verurteilt. Er kam dann nach Jahren im Gefängnis frei. Meine Eltern waren dann während der Revolution in der Studentenbewegung aktiv, mussten aber bald aus politischen Gründen fliehen. „Women without Men“ erzählt von ähnlichem politischen Mut.

          Der Film kommt jetzt ins Kino, hatte aber 2009 in Venedig Premiere, kurz nach der gefälschten Präsidentenwahl und den anschließenden schweren Unruhen...

          Das hat ideal gepasst. In Venedig trugen wir bei der Premiere alle grüne Schals, um unsere Solidarität zu demonstrieren. Übrigens habe ich gerade bei einem anderen Film mitgearbeitet, der „Green Wave“ heißt. Der Regisseur ist Ali Samadi Ahadi, auch er Deutsch-Iraner. Es ist eine Dokumentation über die Unruhen und über Folter und Vergewaltigung in den Gefängnissen. In seiner Form als Animation ähnelt er ein bisschen „Waltz with Bashir“.

          Sehen Sie Ihr Engagement für die Demokratiebewegung in Iran eher als Kunst oder als Politik?

          Kunst ist oft die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln. Ich komme aus einer bildungsbürgerlichen Familie. Meine Familie besteht seit Generationen aus Künstlern, Historikern, Politikern - immer gegen die Obrigkeit und revolutionär. Als Revolutionärin empfinde ich mich nicht, aber ich will etwas tun.

          Wo, glauben Sie, sind Sie am deutschesten?

          Ich bin mit mir selbst streng. Ich bin sehr, sehr genau. Mir ist Sorgfalt sehr wichtig - da bin ich sehr deutsch.

          Warum sind Sie eigentlich Schauspielerin geworden?

          Ich habe mich ja nie bewusst dafür entschieden, Schauspielerin zu werden. Ich wollte eigentlich Filmregisseurin werden. Aber schon als Kind habe ich viel gespielt, und es hat dann einfach gut funktioniert mit der Schauspielerei. Literatur hat zu Hause eine große Rolle gespielt. Ich bin insofern geprägt durch die deutsche Klassik. Das wollte ich immer spielen, und jetzt komme ich langsam in die Richtung. Am Anfang hatte ich auch ein paar Semester Philosophie studiert. Mich hat Gadamer besonders interessiert. Schauspielerei hat ja viel mit Hermeneutik zu tun. Und Anglistik. Ich fand die englische Sprache immer besonders emotional: Man kann mit weniger Worten mehr ausdrücken als im Deutschen.

          Das klingt alles sehr rational. Es entspricht so gar nicht dem, was man von einer Schauspielerin erwartet.

          Auf der Bühne geht es um Fühlen und Offensein. Im Leben nicht. Im Leben bin ich wahrscheinlich eine Anti-Schauspielerin. Ich bin einfach ein sehr politischer und gesellschaftlich interessierter Mensch. Ich denke viel über solche Dinge nach und bin weniger selbstbezogen als manche Kollegen. Es gibt nichts Schlimmeres als Schauspieler, die beim Interview im Café auf die Tische springen, weil sie so offen sind und ach, so tief fühlen.

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