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Pegah Ferydoni im Gespräch : Wo ist die Aufklärung?

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Sie haben Fernsehen und Kinofilme gemacht und auch immer wieder mal auf der Bühne gestanden, zuletzt im Neuköllner Stadttheater Heimathafen.

Genau, in dem Stück „Sisters“, einem Stück über Freundschaft und Gewalt unter Frauen. Aber die eigentliche Sensation ist, dass jemand wie ich eine Claudia aus Charlottenburg spielt, vollkommen unkommentiert. Dass eine türkische Darstellerin die Mutter eines Deutschen spielt. Spätestens nach zehn Minuten konzentrieren sich alle auf den Inhalt. Das ist für mich gelungene Integration. Das hat mich noch einmal in meiner Entscheidung bestätigt, Schauspielerin zu werden. Denn ich habe ja nicht den Beruf gewählt, um mir ein Kopftuch aufzusetzen und Döner zu verkaufen.

Jetzt spielen Sie endlich mal eine Iranerin, in Women without Men von Shirin Neshat.

Diese Rolle war ein Geschenk. Obwohl der Dreh keineswegs einfach war. Wir haben in Marokko drehen müssen, unter schwierigen Bedingungen. Aber das Drehbuch ist spannend. Die Geschichte führte mich zurück zu der Geschichte meiner eigenen Familie.

Inwiefern? Er erzählt ja von Frauenschicksalen in Iran zur Zeit des von den Amerikanern unterstützten Staatsstreichs gegen den demokratisch gewählten Ministerpräsidenten Mossadegh im Sommer 1953.

Mein Großvater war in den sechziger Jahren in einer Gruppe aktiv, die Widerstand gegen das Schah-Regime geleistet und auch Anschläge verübt hat. Es kam zum Prozess, mein Großvater wurde zweimal zum Tode verurteilt. Er kam dann nach Jahren im Gefängnis frei. Meine Eltern waren dann während der Revolution in der Studentenbewegung aktiv, mussten aber bald aus politischen Gründen fliehen. „Women without Men“ erzählt von ähnlichem politischen Mut.

Der Film kommt jetzt ins Kino, hatte aber 2009 in Venedig Premiere, kurz nach der gefälschten Präsidentenwahl und den anschließenden schweren Unruhen...

Das hat ideal gepasst. In Venedig trugen wir bei der Premiere alle grüne Schals, um unsere Solidarität zu demonstrieren. Übrigens habe ich gerade bei einem anderen Film mitgearbeitet, der „Green Wave“ heißt. Der Regisseur ist Ali Samadi Ahadi, auch er Deutsch-Iraner. Es ist eine Dokumentation über die Unruhen und über Folter und Vergewaltigung in den Gefängnissen. In seiner Form als Animation ähnelt er ein bisschen „Waltz with Bashir“.

Sehen Sie Ihr Engagement für die Demokratiebewegung in Iran eher als Kunst oder als Politik?

Kunst ist oft die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln. Ich komme aus einer bildungsbürgerlichen Familie. Meine Familie besteht seit Generationen aus Künstlern, Historikern, Politikern - immer gegen die Obrigkeit und revolutionär. Als Revolutionärin empfinde ich mich nicht, aber ich will etwas tun.

Wo, glauben Sie, sind Sie am deutschesten?

Ich bin mit mir selbst streng. Ich bin sehr, sehr genau. Mir ist Sorgfalt sehr wichtig - da bin ich sehr deutsch.

Warum sind Sie eigentlich Schauspielerin geworden?

Ich habe mich ja nie bewusst dafür entschieden, Schauspielerin zu werden. Ich wollte eigentlich Filmregisseurin werden. Aber schon als Kind habe ich viel gespielt, und es hat dann einfach gut funktioniert mit der Schauspielerei. Literatur hat zu Hause eine große Rolle gespielt. Ich bin insofern geprägt durch die deutsche Klassik. Das wollte ich immer spielen, und jetzt komme ich langsam in die Richtung. Am Anfang hatte ich auch ein paar Semester Philosophie studiert. Mich hat Gadamer besonders interessiert. Schauspielerei hat ja viel mit Hermeneutik zu tun. Und Anglistik. Ich fand die englische Sprache immer besonders emotional: Man kann mit weniger Worten mehr ausdrücken als im Deutschen.

Das klingt alles sehr rational. Es entspricht so gar nicht dem, was man von einer Schauspielerin erwartet.

Auf der Bühne geht es um Fühlen und Offensein. Im Leben nicht. Im Leben bin ich wahrscheinlich eine Anti-Schauspielerin. Ich bin einfach ein sehr politischer und gesellschaftlich interessierter Mensch. Ich denke viel über solche Dinge nach und bin weniger selbstbezogen als manche Kollegen. Es gibt nichts Schlimmeres als Schauspieler, die beim Interview im Café auf die Tische springen, weil sie so offen sind und ach, so tief fühlen.

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