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Almodóvars neuer Film : Die wahre Geschichte der Kinderrassel

Historisch und privat untrennbar verbunden: Ana (Milena Smit, links) und Janis (Penélope Cruz) Bild: Studiocanal

Wie man im Kino die Wunden der Vergangenheit heilt: Pedro Almodóvars neuer Film „Parallele Mütter“ verknüpft ein Frauendrama von heute mit der Tragödie des spanischen Bürgerkriegs.

          4 Min.

          Zwei Frauen in der Küche. Ge­ra­de hat die eine der anderen ge­zeigt, wie man eine Tortilla de patata backt, den be­rühm­ten spanischen Kartoffelkuchen, jetzt re­den sie über die weniger be­rühm­te spanische Ge­schich­te. Sie verstehe nicht, sagt die jüngere zur älteren, wa­rum sie immer wieder mit dem Bürgerkrieg anfange; man müsse doch an die Zu­kunft denken und die Vergangenheit ru­hen lassen. Ob sie denn nicht wisse, fragt die ältere zornig zurück, dass immer noch mehr als hunderttausend Opfer des Franco-Regimes irgendwo in Massengräbern verscharrt lägen, unbestattet von ihr­en Familien? Wenn ihr die Vergangenheit egal sei, werde sie ihr ei­ge­nes Land nie begreifen können.

          Andreas Kilb
          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Die beiden Frauen sind ein Paar; bis gerade eben haben sie Wohnung, Bett und ein Kind geteilt. In drei Minuten wird es damit vorbei sein, denn dies ist ein Film von Pedro Almodóvar, und Trennungen ge­hen bei Almodóvar gewöhnlich schnell. Aber die spanische Geschichte wird deshalb noch lange keine Ruhe geben in dieser Ge­schich­te der „Parallelen Mütter“, und ei­gent­lich ist sie sogar das, was den Film im Innersten zusammenhält.

          Almodóvar hat nie politisches Kino im engeren Sinn ge­macht. Sein deutlichster Kommentar zur Franco-Zeit war die Szene am Anfang von „Live Flesh“, in der eine hochschwangere Prostituierte im menschenleeren weihnachtlichen Madrid von 1970 verzweifelt nach ei­nem Taxi ins Krankenhaus sucht und schließlich in einem Linienbus ihr Kind bekommt. Aber Almodóvar hat im­mer schon Politik mit Bildern gemacht, mit Geschichten von homosexuellen Paaren, transsexuellen Vätern, kinderschändenden Priestern und anderen Zeitgenossen, die nicht ins Raster der spanischen Rechten passten. Im Grunde war es nur eine Frage der Zeit, bis er auch den Bürgerkrieg zum Sujet eines Films machen würde.

          Aber diese Zeit brauchte der Regisseur. So wie ganz Spanien sie brauchte. Erst seit den Neunzigerjahren gibt es dort zivile Initiativen, die sich die Exhumierung der politischen Opfer des spanischen Bürgerkriegs zum Ziel gesetzt haben, und erst seit Kurzem stellt die Regierung in Madrid dafür auch Steuermittel zur Verfügung. Die Zahl der Ermordeten wird auf etwa hundertvierzigtausend geschätzt. Bis vor zwei Jahren konnten ihre Überreste nur auf private Rechnung oder aus Fondsmitteln identifiziert und bestattet werden. In dieser Zeit spielt „Parallele Mütter“.

          Ein Jahr dauert eine Sekunde

          Der Film beginnt mit einer Fotografin, die im Stu­dio eines Lifestyle-Magazins ei­nen attraktiven Mann mit Fünftagebart aufnimmt – und sofort wissen wir, dass wir in guten Händen sind, denn die Fotografin Janis spielt Penélope Cruz. Der Mann, der für sie posiert (und sie für ihn), ist Forensiker, weshalb die Einladung in ihr Apartment, die Janis nach der Fotosession ausspricht, neben dem erotischen auch einen wissenschaftlichen Zweck verfolgt: Arturo soll ihr helfen, die Überreste ihres Urgroßvaters auszugraben, der von den Franquisten ermordet wurde. Der Ort, an dem sie ihn zusammen mit anderen Dorfbewohnern verscharrten, ist bekannt, es fehlt nur am Geld. Arturo verspricht, sich zu kümmern. Da­nn kommt die Erotik zu ihrem Recht: Die beiden werden ein Liebespaar.

          Ein Jahr später – im Film dauert es eine Sekunde – ist Janis schwanger. Als Arturo ihr erklärt, sich nicht um das Kind kümmern zu wollen, weil seine Ehefrau gerade eine Krebstherapie durchläuft, trennt sie sich von ihm. Auf der Geburtsstation lernt sie eine junge Frau kennen, Ana, die Angst vor der Mutterschaft hat. Nach der Entbindung müssen beide ihr Baby aus Gesundheitsgründen in ärztliche Obhut geben. Sie versprechen sich, in Verbindung zu bleiben, einander zu besuchen. Dann taucht Arturo wieder bei Janis auf. Aber er er­kennt sein Kind nicht. Abermalige Trennung. Grübeleien. Zweifel. Schließlich macht die Fotografin einen Mutterschaftstest. Das Ergebnis trifft sie wie ein Schlag.

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