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Pedro Almodóvar wird siebzig : Die universale Sprache des Herzens

Er hat die Gefühlsenergie der klassischen Melodramen ins Kino zurückgebracht: Pedro Almodóvar Bild: James Rajotte/Guardian/eyevine/l

In seinen Filmen kommt die ganze Palette der Gefühle zu Ihrem Recht: Pedro Almodóvar ist einer der größten lebenden Regisseure des Kinos. Heute wird er siebzig Jahre alt.

          3 Min.

          Ein kleiner Junge, der am Flussufer sitzt und „Moon River“ auf Spanisch singt. Eine Schreibmaschine, die durch ein geöffnetes Fenster auf die Straße fliegt. Ein Mann, der einer Komapatientin von einem Kinobesuch erzählt, während er ihr die nackten Beine massiert. Eine Frau, die ihre Liebhaber beim Akt mit einer Haarnadel ersticht. Jeder Zuschauer der Filme von Pedro Almodóvar hat seine eigene Sammlung von Momenten, die er nicht mehr vergisst, aber für alle diese Momente gilt, dass sie so bei keinem anderen Regisseur denkbar wären. Almodóvar hat nicht nur große Filme gedreht, er hat sich auch Bilder ausgedacht, die es vorher im Kino nicht gab. Wie nur sehr wenige Filmregisseure der Gegenwart und der Vergangenheit hat er nicht allein Geschichten erzählt, sondern eine neue Art des Geschichtenerzählens erfunden, eine eigene Welt.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Den Stoff dieser Erzählungen bildet das unberechenbarste Material von allen, das menschliche Gefühl. Damit ist nicht nur die Liebe gemeint, der ewige Topos des Kinos, sondern die ganze Palette von Hass, Neid, Zorn, Gier, Eifersucht, Mitleid und Sympathie bis hin zu Hörigkeit und rasender Obsession. Bei Almodóvar kommen sie alle zu ihrem Recht, seine Filme sind Kraftwerke, die unaufhörlich emotionale Energie erzeugen und in Handlung verwandeln. Man kann sie nicht aus der Distanz bewundern wie ein Gemälde von Picasso, man muss sie von innen erfahren, sonst vergeudet man seine Zeit.

          In diesen Gefühlskatarakten kann man noch einmal nachempfinden, mit welcher Gewalt der Tonfilm einst über die Menschen kam, als er zu den bewegten Bildern auch die Worte und Töne der Seele auf die Leinwand brachte. Genau von dorther, aus der klassischen Zeit des Kinos, beziehen auch Almodóvars Filme ihre Kraft.

          Dabei war das Klassische und Kanonische gerade das Feindbild der Movida madrileña, der Madrider Subkultur, die nach Francos Tod in Spanien aufblühte und in der auch der junge Pedro Almodóvar seine ersten künstlerischen Schritte machte. Aber in der bleiernen Zeit der späten Franco-Jahre hatte das Kino, auch das der Vorväter, einer ganzen Generation als Gegenwelt zum grauen Alltag der Diktatur gedient, und Almodóvar wurde zum Sprachrohr dieser Generation. Wie Fassbinder in Deutschland und die Regisseure der Nouvelle Vague in Frankreich fand er seine Vorbilder in Hollywood, bei Douglas Sirk und Alfred Hitchcock, und im Europa der Nachkriegszeit, bei Rossellini, Franju und Dreyer.

          Doch bei Almodóvar, und darin liegt seine Einzigartigkeit, kommt noch etwas anderes hinzu: seine bedingungslose Liebe zum Design. Es gibt in der Filmgeschichte wohl keinen Regisseur, der so viel Sorgfalt auf die Darstellung von Einrichtungsgegenständen verwendet, Tischen, Sofas, Postern, Betten, Schränken und Küchen. Und es gibt wenige, die mit solcher Hingabe an der Farbdramaturgie ihrer Filme arbeiten, den visuellen Zeichen, in denen sich die Stimmung einer Szene verdichtet. Man könnte ganze Bücher allein über den Einsatz der Farbe Rot bei Almodóvar schreiben, von dem Blutsfaden, der in „Matador“ aus dem Genick von Marias Opfer rinnt, über den Gazpacho, den Pepa in „Frauen am Rande des Nervenzusammenbruchs“ für ihren untreuen Geliebten mixt, bis zur blutigen Stirn des missbrauchten Jungen in „Schlechte Erziehung“. In Almodóvars Kino gibt es keine Hierarchie zwischen Inhalt und Oberfläche: Alles ist Form, und alles ist Substanz.

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