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Filmfestival Rotterdam : An der großen Kreuzung der Zeiten

  • -Aktualisiert am

Szene aus dem Film „Pebbles“, Indien, 2021 Bild: !!IFFR 2021 / International Film Festival Rotterdam

Das Internationale Filmfestival von Rotterdam hat – einen Monat vor der Berlinale – einige spannende Filme mit Preisen bedacht. „Pebbles“ ist einer davon.

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          Von Idaiyapatti nach Ettimalangam, zwei Ortschaften im Bundesstaat Tamil Nadu im Süden Indiens, fährt ein Bus, in dem Passagiere für Wasserbehälter extra zahlen müssen. Die Gegend ist so trocken, dass die Menschen für ihren Flüssigkeitsbedarf weite Wege zurücklegen. Nur Ganapathy hat in dem Tuch, das er um die Hüfte gebunden hat, keine Wasserflasche, sondern etwas Hochgeistigeres.

          Der dunkelhäutige Mann mit Vollbart ist barfuß unterwegs. Seine Füße müssen den heißen, sandigen Boden gewohnt sein. Er steht am Ausgang des Dorfes Ettimalangam und wartet auf seinen Sohn, den er zu den Schwiegereltern geschickt hat, um die Mutter zurückzuholen. Sie hat die Familie verlassen, weil sie das despotische Verhalten von Ganapathy nicht mehr ausgehalten hat. In dem Film „Pebbles“ von P. S. Vinothraj ist der Junge Velu die Bezugsfigur für das Publikum. Er stapft mit Sicherheitsabstand vor oder hinter seinem Vater her, immer darauf konzentriert, der jähen Gewalt auszuweichen, die von Ganapathy ausgeht.

          Beim Internationalen Film Festival Rotterdam (IFFR), das am Sonntag zu Ende ging, hat „Pebbles“ die Jury so überzeugt, dass sie dafür den Goldenen Tiger vergeben hat, den ersten großen Preis bei einem europäischen Filmfestival in dieser Saison. In der deutschen Wahrnehmung steht das IFFR traditionell ein wenig im Schatten der üblicherweise gleich darauf stattfindenden Berlinale. In diesem Jahr aber war der Abstand größer, und weil man sich in Rotterdam zu einer dem aktuellen Berlinale-Plan vergleichbaren Austragungsform entschlossen hatte, war es auch aus diesem Grund von Interesse, sich das Festival näher anzusehen. Dem digitalen Durchgang in der vergangenen Woche wird im Juni eine Publikumsveranstaltung folgen. So wird es auch die Berlinale halten.

          Bilder wie aus dem Outback

          Dass „Pebbles“ aus den 16 Filmen des Wettbewerbs beim IFFR schließlich herausragte, hat wohl auch mit der ungewöhnlichen Landschaft zu tun, die der Film zeigt: eine exponiert aride Zone, die in vielerlei Hinsicht an Bilder aus dem australischen Outback erinnert. Es gibt sogar Felsformationen, die dem Uluru (besser bekannt unter dem kolonialen Namen Ayer’s Rock) ähneln. Und als Velu einmal zum Himmel aufsieht, weil er dort ein Flugzeug erblickt, ist das ein Zivilisationszeichen, das seine eigene Ambivalenz enthält, denn der Luftverkehr trägt sein Scherflein zu der Erwärmung des Planeten bei, die in Indien besonders drastisch zu bemerken ist.

          Der Science-Fiction-Autor Kim Stanley Robinson lässt seinen aktuellen Klimakatastrophenroman „The Ministry for the Future“ nicht von ungefähr mit millionenfachem Hitzetod in Indien beginnen. Für Velu ist das Flugzeug aber auch ein Bild für einen unerreichbaren Ausweg. Er tauscht einen Blick mit einem Mädchen, das er unterwegs bei einer Familie antrifft, die sich damit durchbringt, Ratten auszuräuchern, ihnen die Beinen zu brechen und sie dann bei lebendigem Leib zu rösten. Mit solchen drastischen Szenen weist sich „Pebbles“ als typischer Festivalfilm aus, der eine von vielen Ungleichzeitigkeiten und Ungerechtigkeiten auf diesem Planeten deutlich macht.

          Beim IFFR konnte man in diesem Jahr den Eindruck haben, dass diese Unterschiede auch auf einen gewissen Exotismus hinauslaufen, der sich zum Beispiel in einer neuen Vorliebe für Schwarzweiß zeigt: der georgische Beitrag „Bebia, à mon sol désir“ von Juja Dobrachkous und der chinesische „Bipolar“ von Queena Li wären hier zu nennen. In „Bebia“ kehrt eine junge Frau mit dem sprechenden Namen Ariadna in ihr Heimatdorf in Georgien zurück, weil ihre Großmutter gestorben ist. Sie arbeitet als Model im Westen und will mit der Familie eigentlich nichts mehr zu tun haben, aus Gründen, die sich in Rückblenden zu erkennen geben. Die Großmutter war eine Tyrannin, die Mutter raucht Kette und verbreitet Verdruss, und zu allem Überfluss taucht ein Halbbruder namens Masho auf, von dem Ariadna davor nichts wusste und der sie mit einer schrecklichen Geschichte konfrontiert.

          Schichtungen von Identität und Trauma

          Der Mittelteil des Films erzählt von einem Ritual, das Ariadna zumindest ein wenig mit der konfliktbeladenen Herkunft zusammenführt: ihre Großmutter starb im Krankenhaus, weit entfernt von ihrem Grab. Das jüngste Mitglied der Familie soll einen Faden legen zwischen den beiden Orten, damit die Seele zum Sarg findet. Konkret läuft das auf eine lange Wanderung durch eine wunderbare, düster leuchtende Landschaft hinaus. Das Ritual eines vermeintlich zurückgebliebenen Volkes wird noch dazu als griechisch ausgewiesen, inspiriert von der Kultur, die Europa als klassisch gilt. In solchen Schichtungen von Identität und Trauma zeigt sich „Bebia“ auf der Höhe heutigen filmischen Erzählens von Lebensgeschichten, in denen Heimat und Exil immer nur zu einem Dazwischen führen. Dafür sind wiederum Filmfestivals ein herausragender Ort.

          „Bipolar“ wählt erzählerisch ähnliche Strategien wie „Bebia“, übertreibt es damit aber ein wenig. Im Mittelpunkt steht eine junge Frau, die ihren Geliebten verloren hat und mit einer Pilgerfahrt nach Tibet dafür Trost sucht. Sie entdeckt dort in einem noblen Restaurant einen Hummer, für den sie sich zuständig erklärt und den sie aus dem Aquarium befreit, um ihn an dem Leuchtturm auf der Ming-Insel ins Meer freizusetzen. Man ahnt bald, dass es weder diesen Leuchtturm noch die Insel wirklich gibt, sondern nur als Anreiz, das heutige südliche China zu durchqueren, von Tibet bis ins Kantonesische.

          Besonders die langen Passagen in der umstrittenen autonomen Region sind auch politisch von Interesse, denn man weiß um die Bemühungen der Zentralregierung, die autochthone buddhistische Kultur mit einer modernen chinesischen zu überformen. Das Hotel in Lhasa darf man als Beispiel dafür nehmen, das Luxusgut Hummer ist auch ein Statussymbol. Das buddhistische Tibet wird in „Bipolar“ so stark in den Vordergrund gerückt und zugleich in eine surreale Traumlogik integriert, dass für nicht ortskundige Betrachter kaum auszumachen ist, ob das eine Überkompensation der kulturellen Verluste ist oder ob sich darin nicht eher schon eine künftige Rolle für das alte Tibet zeigt, nämlich die einer exotischen Reserve in einer (chinesisch) vereinheitlichten Zivilisation. Das sind Fragen, die einen in vielen analogen Konstellationen durch das IFFR insgesamt begleiten konnten und die in wenigen Wochen auch auf der Berlinale virulent sein werden.

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