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Französische Komödie : Der Gott des Geplänkels

Der Pariser Zahnarzt Michel (Christian Clavier) wünscht sich sehnsüchtig „Nur eine Stunde Ruhe“. Bild: dpa

Patrice Leconte ist ein Könner im französischen Kino. Das zeigt auch sein Film „Nur eine Stunde Ruhe!“, eine schlanke, leider etwas flache Komödie.

          2 Min.

          Das Schöne an den französischen Gesellschaftskomödien, die auch in Deutschland immer wieder die Kinos füllen, besteht darin, dass es die Gesellschaft, über die sie sich in so leichtfüßiger filmischer Rede mokieren, tatsächlich noch gibt. Ja, es gibt sie, die chauvinistischen Nabobs aus Paris und Umgebung, die ihre dunkelhäutigen Krankenpfleger piesacken („Ziemlich beste Freunde“) oder mit ihren nichtchristlichen Schwiegersöhnen hadern („Monsieur Claude und seine Töchter“), die Patrons mit Jagdschein, die keinen Homosexuellen in ihrem Salon dulden, die Ehebrecher, denen der Seitensprung der Ehefrau gegen die Ehre geht.

          Alljährliches Warten auf die Franzosen

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Wenn man sich ähnliche Geschichten in entsprechenden deutschen Milieus vorstellt, kommen fast nur schreckliche Karikaturen dabei heraus, was weniger daran liegt, dass diese Milieus nicht existieren, als daran, dass das Kino sie nicht ernst nimmt. Der Letzte, der beim bürgerlichen Wesen etwas genauer hingeschaut hat, war Oskar Roehler mit „Agnes und seine Brüder“; der Vorletzte war Fassbinder. So lang ist das her. Seitdem herrscht Schweigen im Walde. Und alljährliches Warten auf die Franzosen.

          In diesem Jahr ist es ein Film von Patrice Leconte, der den Reigen eröffnet. Und weil Leconte vor fast vierzig Jahren mit „Les Bronzés“ (auf Deutsch: „Die Strandflitzer“) das Genre der Ferienkomödie praktisch neu erfunden – und seither das erfolgreiche Muster noch zweimal weitergestrickt – hat und auch sonst (siehe „Die Verlobung des Monsieur Hire“) kein Langweiler ist, betrachtet man „Nur eine Stunde Ruhe!“ mit einer gewissen vorwegnehmenden Sympathie. Hier kann eigentlich nichts schiefgehen.

          Es geht um einen Pariser Zahnarzt (Christian Clavier, der schon bei den „Bronzés“ dabei war), dem in einem Plattenladen eine seltene Jazz-LP in die Hände fällt, die er sich in Ruhe zu Hause anhören will. Das geht gründlich schief, denn Michel wird erst von seiner Ex-Geliebten, dann von einem unfähigen Installateur, danach von seinem nichtsnutzigen Sohn und schließlich von einem polnischstämmigen Nachbarn in seinem samstäglichen Frieden gestört; und zuletzt macht ihm noch seine Frau (Carole Bouquet) ein Geständnis, das ihn vollends aus der Fassung bringt. Die Platte des vergessenen (und frei erfundenen) Jazzgenies Neil Youart erklingt erst ganz zum Schluss, und dann ist es auch schon egal, was man darauf hört – die Story hat einen Geräuschpegel, der ohnehin keine sanfteren Töne durchlässt.

          Wirkung statt Tiefe

          „Nur eine Stunde Ruhe!“ ist nach einem Bühnenstück von Florian Zeller entstanden, der auch das Drehbuch geschrieben hat, und darin liegt auch schon der ganze Haken des Films. Die Geschichte ist auf Wirkung, nicht auf Tiefe kalkuliert, sie erschöpft sich im flachen Raum des Theaters, sosehr Leconte die geschulterte Kamera Jean-Marie Dreujous auch mit den Darstellern tänzeln und kreisen lässt. Die Figuren, von dem zentralen Paar Clavier/Bouquet abgesehen, sind kaum mehr als Skizzen, die Wohnung ist ein Nicht-Ort, der an allen Enden nach Studio riecht, und die Slapstick-Dramaturgie walzt alles nieder, was nach Vieldeutigkeit und Lebensnähe aussieht.

          Beim Drehen hat Leconte darauf bestanden, dass die Schauspieler ihre Dialoge auswendig konnten, damit er die Geschichte rasch und chronologisch zu Ende erzählen konnte, und diesen inneren Druck merkt man dem Film in jeder seiner knapp achtzig Minuten an. „Nur eine Stunde Ruhe!“ ist eine schlanke Angelegenheit, wenig mehr als eine Stunde Unruhe aus Bildern und Tönen. Wenn Effizienz im Kino alles wäre, hätte der Film jeden Preis verdient. So bleibt er ein Stück Theater, das auf die Leinwand gepresst wurde. Mit Geschick, ohne Gefühl.

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