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„Pandemie“ im Kino : „Der Film trifft den Zeitgeist“

Die Masken sitzen, der Abstand stimmt noch nicht: Szene aus Kim Sung-sus Film „Pandemie“ Bild: Busch Media Group

Eskapismus sieht anders aus: Ein sieben Jahre alter koreanischer Thriller über ein tödliches Virus kommt jetzt ins Kino. Wer will das sehen?

          3 Min.

          Herr Busch, Sie sind Geschäftsführer der Busch Media Group, die soeben bekanntgegeben hat, am 16. Juli einen koreanischen Katastrophenfilm namens „Pandemie“ ins Kino zu bringen, in dem es um ein todbringendes Virus geht. Muss das gerade jetzt sein?

          Jörg Thomann

          Redakteur im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Ich denke schon, aber es wird wahrscheinlich polarisieren. Es gibt Menschen, die sich im Kino eher ablenken wollen, andere interessieren sich gerade jetzt für das Thema. In den Streaming-Charts sind in den letzten Wochen Filme wie Steven Soderberghs „Contagion“ oder Wolfgang Petersens „Outbreak“ relativ erfolgreich gewesen. Ich glaube schon, dass es dafür gerade eine Zielgruppe gibt.

          Der Film „Pandemie“ ist bereits sieben Jahre alt und heißt im koreanischen Original „Gamgi“ – zu Deutsch: „Grippe“. Von wem stammt der neue Titel?

          Den haben wir selbst gewählt. Allerdings kam der Film vor einiger Zeit auch in Frankreich raus, lange vor Corona, und im Französischen heißt er ebenfalls „Pandemie“. Davon haben wir uns inspirieren lassen.

          In dem Film bricht das Virus in gerade einmal zwei Städten aus. Das ist doch keine Pandemie.

          Wahrscheinlich eher eine Epidemie.

          In Mexiko ist der Film vor kurzem ebenfalls neu herausgekommen, und zwar unter dem Titel „Coronavirus“. So weit wollten Sie dann doch nicht gehen?

          Nein. Ich weiß auch nicht, ob sie dort den Film neu synchronisiert und vielleicht den Inhalt geändert haben. Das haben wir natürlich nicht gemacht. „Pandemie“ ist auch keine Mogelpackung, der Film läuft in Deutschland tatsächlich als Premiere. Es ist quasi ein brandneuer Film.

          Es heißt, der Film solle „deutschlandweit“ gezeigt werden. In wie vielen Kinos wird er denn laufen?

          Wir hoffen, in circa hundert Kinos, wir wollen ihn relativ groß rausbringen – allerdings als Event-Start. Das heißt, der Film soll als Event vielleicht an drei Abenden gezeigt werden. Es wird kein Film sein, der acht bis zwölf Wochen im Kino läuft.

          Nun haben viele Kinos momentan noch gar nicht geöffnet. Warum sollten die ihr Publikum ausgerechnet mit „Pandemie“ begrüßen wollen?

          Die meisten Kinos werden ja schon Anfang Juli öffnen. Und vielleicht hilft der Film auch bei der Aufarbeitung: Wenn man eine Maske trägt und auf der Leinwand Leute Masken tragen sieht, dann ist das ja fast ein 4D-Effekt.

          Und was, glauben Sie, werden das für Leute sein, die sich in Zeiten eines gefährlichen Virus einen Film über ein noch gefährlicheres Virus anschauen?

          Ich glaube, sehr viele Genre-Fans sind scharf darauf, sie können es kaum erwarten, sich den Film anzuschauen. Leute, die gerne etwas härtere Filme wie Horrorfilme oder Thriller sehen. Sicherlich nicht die Kinogänger, die Romantic Comedies bevorzugen. Und vielleicht auch einfach am Thema Interessierte.

          Oder auch Leute, die diesen Kinobesuch als eine Art Mutprobe betrachten?

          Vielleicht auch. Ich persönlich – hätte ich mit dem Film nichts am Hut – würde ihn mir rein aus Interesse anschauen.

          Als Lehrfilme, wie man mit der Epidemie fertig wird, taugen solche Werke allerdings wenig.

          Es hilft den Zuschauern vielleicht aber auch zu sehen, dass es anderen noch schlechter geht. Bei „Contagion“ und auch bei unserem Film liegt die Sterblichkeit bei fast 100 Prozent. Am Ende sagt man sich dann vielleicht: So schlimm ist Corona ja gar nicht, uns hat es nicht ganz so hart getroffen.

          Simon Busch, Gründer und Geschäftsführer der Busch Media Group
          Simon Busch, Gründer und Geschäftsführer der Busch Media Group : Bild: Busch Media Group

          Trotzdem: Haben sich manche Kinobetreiber, als Sie ihnen den Film angeboten haben, nicht veralbert gefühlt?

          Wir fangen jetzt mit der Vermietung gerade erst an. Von sich aus ist aber schon ein Kino auf uns zugekommen: Die Filmkunstkinos Düsseldorf möchten ihn buchen, weil sie eine ganze Filmreihe mit dem Titel „Pandemie“ zeigen.

          Zum filmischen Katalog Ihrer Firma zählen zahlreiche exotische Filme mit Titeln wie „African Kung-Fu Nazis“, „Lebendig skalpiert“, „Die Papsttochter“ oder „Spiel mir am Glied bis zum Tod“. Werden wir auch eines dieser Werke bald auf der großen Leinwand sehen dürfen?

          Natürlich nicht. Diese Titel stammen aus einer Reihe kleiner, aber feiner Trash-Perlen, mit denen wir regionale Independent-Filmemacher unterstützen möchten. Die Filme erscheinen nur im Home Entertainment. Ausnahme ist „African Kung-Fu Nazis“, der von einem deutschen, in Tokio lebenden Jungregisseur als japanisch-ghanaische Koproduktion realisiert wurde. Davon abgesehen, bieten wir ein sehr diverses und hochwertiges Filmangebot, darunter preisgekrönte Dokumentationen, aber auch starbesetzte Dramen. Im August bringen wir mit der Slapstick-Komödie „Mossad“ Israels erfolgreichsten Film 2019 bundesweit in die Kinos.

          Albert Camus’ Roman „Die Pest“ aus dem Jahr 1947 ist vor kurzem noch einmal zum Bestseller geworden. Hoffen Sie, dass „Pandemie“ ähnlich einschlagen kann?

          Ich glaube schon. Der Film trifft den Zeitgeist, an ihm werden sich die Gemüter scheiden. Der Trailer hat bei Kinocheck in drei Tagen schon 60000 Aufrufe gehabt. Zwei Drittel haben den Daumen nach oben gereckt.

          Und wie groß ist Ihre Sorge, dass eine zweite Welle „Pandemie“ gleich wieder aus den Kinos spült?

          Die Sorge ist nicht so groß. Ich persönlich rechne damit, dass es, so wie die Menschen sich verhalten, eine zweite Welle geben könnte, aber erst nach den Sommerferien. Zum Start der großen Blockbuster im Herbst könnte alles wieder zunichtegemacht worden sein. „James Bond“ könnte davon betroffen sein, unsere „Pandemie“ eher nicht.

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