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„Pan“ im Kino : Am Waisenhaus hat mal schnell ein Piratenschiff angelegt

Abenteuerwelt, die in tiefste Hollywood-Kitschhöhlen führt: Im Spielfilm „Pan“ von Joe Wright erlebt der verlorene Junge als warmherziger Freund ein Bilderbuchleben.

          3 Min.

          Einen Moment lang, ganz am Ende des Films, könnte man fast noch seinen Frieden mit ihm machen. Als das große Spektakel vorüber ist, taucht plötzlich das Waisenhaus vom Anfang des Films wieder auf - der riesige Schlafsaal der Kinder, in dessen Ödnis der junge Peter unter der Fuchtel der Obernonne gelitten hatte. Könnte es also sein, fragt man sich, dass hier die Abenteuer- und Allmachtswelt, die den Film bis dahin so krachend bunt und laut geprägt hat, im Nachhinein als Sehnsuchtstraum des Jungen identifiziert wird, dass also der nächtliche Schlafsaal die Klammer um die lange Fluchtvision bildet - ganz so, wie in Astrid Lindgrens „Mio mein Mio“ die armselige Parkbank als Ausgangs- und Endpunkt der phantastischen Reise des neunjährigen Bo Wilhelm Olsson dient?

          Tilman Spreckelsen

          Redakteur im Feuilleton.

          Das wäre eine hübsche Deutung des „Peter Pan“-Mythos durch den Regisseur Joe Wright und den Drehbuchautor Jason Fuchs, denn deren Film „Pan“ tritt an, die Vorgeschichte zu Matthew Barries Jahrhundertbuch zu erzählen: davon also, was vor der Flugreise der Geschwister Wendy, George und John nach Neverland geschah und wie der dämonische Junge, der einfach nicht älter wird, zu dem wurde, als der er im Roman erscheint. Unterstützt würde eine solche Perspektive durch einen Berg an Filmdokumentationen und Büchern zum Thema, etwa Andrew Birkins biographische Arbeiten zu Barrie oder zuletzt Heinz Günnewigs „Annäherung an James Matthew Barrie“. Auch durch die übrigen Werke des schottischen Autors, der selbst als Kind zu wachsen aufhörte und eine seltsame Freundschaft zu den Brüdern Llewelyn Davies pflegte, die er 1897 in Londons Kensington Gardens kennengelernt hatte.

          Peter wird von seiner Mutter vermisst

          Der Park ist ein fester Bestandteil aller Peter-Pan-Erzählungen, die Barrie verfasst hat. Hier gehen, wie Barrie schreibt, schon einmal Kinder verloren, deren Ammen oder Eltern sich nicht so recht um sie kümmern, allen voran Peter Pan. Als der jedenfalls, so steht es in Barries weniger bekanntem Buch „The Little White Bird“ von 1902, aus Kensington Gardens zu seinem Kinderzimmer zurückkehren will, findet er es verschlossen. Seinen Eltern ist er egal, und es deutet einiges darauf hin, dass er dieses Schicksal mit seinem Schöpfer teilt.

          So ist denn Kensington Gardens auch zu Beginn des Films zu sehen, in Schatten und Nebel gehüllt, vor allem aber ist da eine schöne, blonde junge Frau, gespielt von Amanda Seyfried, die ihren Säugling vor dem nahe gelegenen Waisenhaus abliefert und sich im Weggehen noch einmal zu ihm umdreht, um ihm ihre Liebe zu versichern. Nein, der Peter dieser Pan-Fassung, so muss man sich das deuten, wird von seiner Mutter entsetzlich vermisst werden, es muss gravierende Gründe dafür geben, dass sie ihn aussetzt.

          Das Spektakel fängt an

          So wird dem Stoff von Anfang an der Zahn gezogen - Peter Pan, das herzlose Monster, als das Barrie ihn gezeichnet hat, das Kind ohne Gedächtnis für seine Freunde, der unzuverlässigste Spielgefährte, den man sich denken kann? Hier erleben wir ihn als warmherzigen Freund, der dem Waisenhaus schließlich unfreiwillig entkommt, als mitten im Zweiten Weltkrieg ein Piratenschiff über Londons Dächern schwebt und die Waisenkinder raubt, offenbar mit dem Einverständnis der Leiterin dieser Institution, und weil das alles die Effekte auskostet, die das 3D-Kino bereithält, fängt nun das Spektakel an: Kamerafahrten von ganz oben nach ganz unten, ein Ei fliegt reichlich unmotiviert auf die Zuschauer zu, sieht aber gut aus, eine Insel schwebt in den Wolken, ein Talkessel liegt tief unter unseren Füßen und droht ständig, Peter oder irgend einen anderen zu verschlingen, und dann gibt es noch gefiederte Vogelskelette, die ebenfalls für nette Effekte sorgen.

          Das Abenteuerland aber, in das es Peter verschlagen hat, gibt sich zunächst wenig erfreulich: Peter, gespielt von Levi Miller, ist in der Gewalt eines alternden Piraten namens Blackbeard, dem Hugh Jackman allenfalls schablonenhafte Züge verleiht, und muss gemeinsam mit anderen entführten Jungen und wenigen Erwachsenen kristallisierten Feenstaub fördern. Blackbeard inhaliert ihn als eine Art Jungbrunnen, wahrscheinlich klingt deshalb „Smells like teen spirit“ durch das Tal, aber spätestens hier fragt man sich, wohin die Geschichte eigentlich will. Geht es um die Freundschaft, die Peter hier in der Bedrängnis mit dem etwas älteren, ebenfalls gefangenen Hook schließt (und schon der Vorspann belehrt uns darüber, dass aus engen Freunden manchmal Todfeinde werden)? Soll die überdeutliche Wiederholung der Han-Solo-Prinzessin-Leia-Konstellation aus „Star Wars“ - die Rollen werden hier von Hook (Garrett Hedlund) und Tiger Lily (Rooney Mara) eingenommen - das künftige Zerwürfnis zwischen Hook und Pan vorbereiten, oder ist sie einfach nur der Einfallslosigkeit der Urheber geschuldet oder dem Gesetz, dass noch der letzte Film, der auf die ganze Familie zielt, eine wie auch immer geartete Liebesgeschichte braucht?

          Konsequent ist der Film immerhin in der Wahl seiner Mittel, denn da ist fast immer ein Zuviel zu verzeichnen: zu viel bräsige Musik, endlose Szenen, in denen zwei schwebende Piratenschiffe einander in einer Höhle voller spitzer Felsen rammen, zu viel des puren Kitsches zwischen Peter und seiner toten Mutter, die als Projektion auf der Grundlage von Feenstaub vor ihrem Sohn erscheint und nochmals versichert, dass sie ihn liebt, sie werde „immer ein Teil von ihm sein“, und spätestens in dieser Szene wünscht man sich ein rasches Ende.

          Die kurze Hoffnung aber, als Peter wieder im Schlafsaal ist, zerstiebt sofort. Nein, das war kein Wunschtraum eines gequälten Kindes. Der Junge ist gekommen, um die anderen Waisen mit sich ins große Abenteuer zu nehmen, das schwebende Piratenschiff wartet schon, die meinen das ernst. Und verpassen mit Getöse einen großen Stoff.

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