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Oskar Roehlers „Jud Süß“-Film : Film ohne Gewissen

  • -Aktualisiert am

Bild: reuters

Antisemitische Tendenzen? Charlotte Knobloch, Präsidentin des Zentralrats der Juden, will ein Aufführungsverbot für Oskar Roehlers „Jud Süß - Film ohne Gewissen“. Dabei ist Roehlers Film lediglich der Versuch, eine Vorstellung von der Perfidie von „Jud Süß“ zu vermitteln.

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          Die Präsidentin des Zentralrats der Juden, Charlotte Knobloch, so berichtet die „Welt“, hat gegen Oskar Roehlers „Jud Süß - Film ohne Gewissen“ protestiert. Der Film messe der kritischen Aufarbeitung des Antisemitismus zu wenig Bedeutung zu und biete auch noch dem antisemitischen Hetzfilm, auf den er sich bezieht, eine Bühne, indem er Originalszenen aus „Jud Süß“ verwendet. In einem Brief attestiert Knobloch Roehlers Film selbst antisemitische Tendenzen und fordert dazu auf, dass alles unternommen wird, dass der Film nicht öffentlich vorgeführt werde.

          Noch mal von vorne: Oskar Roehlers „Jud Süß - Film ohne Gewissen“ wurde im Wettbewerb der Berlinale aufgeführt, wo er keinen Preis gewann und fast durchweg ablehnende Kritiken erhielt, und soll im Herbst vom Concorde Filmverleih in die Kinos gebracht werden. Der Titel bezieht sich auf Veit Harlans berüchtigten antisemitischen Propagandafilm „Jud Süß“ aus dem Jahr 1940, der bis heute zu den sogenannten Vorbehaltsfilmen gehört und nur fallweise von der Murnau-Stiftung zur Vorführung freigegeben werden kann, wenn ein entsprechender Rahmen und eine historische Einordnung gewährleistet sind.

          Roehlers Antwort ist historisch falsch

          Oskar Roehler macht sich nun seinen Reim auf die Entstehung dieses Films und konzentriert sich dabei auf den Hauptdarsteller Ferdinand Marian und dessen Gewissensnöte, diese Rolle anzunehmen. Zumindest seine anfängliche Ablehnung ist durch einen Tagebucheintrag von Joseph Goebbels, der „Jud Süß“ zur Chefsache gemacht hatte, verbürgt und wird bei Roehler mit großer Geste nachgestellt, indem Marian dem Propagandaminister einen gläsernen Aschenbecher vor die Füße wirft. Warum Marian im Unterschied zu Emil Jannings, Willi Forst, Gustaf Gründgens, René Deltgen und Paul Dahlke die Rolle dann doch spielte, ist eine Frage, auf die Roehler und sein Drehbuchautor Klaus Richter eine Antwort geben, die historisch einfach falsch ist: Denn die jüdischen Vorfahren seiner Frau, die ihn erpressbar gemacht haben sollen, gab es nicht.

          Zu wenig Distanz zum Gegenstand? Oskar Roehler ist mit seinem Film „Jud Süß - Film ohne Gewissen” unter Beschuss gekommen

          Roehler wurde deshalb schon unterstellt, er wolle Ferdinand Marian exkulpieren, auch indem der Film unterschlägt, dass der Mann nach „Jud Süß“ noch fröhlich weiter Karriere im NS-Film gemacht hat, statt wie bei Roehler daran zu zerbrechen und sich dem Alkohol hinzugeben, nachdem er bei einer Aufführung vor Wachmannschaften erlebt, wie gut er zur Aufhetzung taugt. Dass Marian da ein Gewissen angedichtet wird, das er womöglich nicht gehabt hat, und der Autounfall, bei dem er 1946 unter ungeklärten Umständen ums Leben kam, als Selbstmord ausgelegt wird, sind allerdings eher dramaturgische Zuspitzungen als groß angelegtes Entschuldungsmanöver. Denn es geht dem Film nicht darum, eine Schuld zu leugnen, sondern sie zuzuspitzen.

          Die dunkelsten Kapitel sind die größte Herausforderung

          Zum tragischen Helden wird Ferdinand Marian in der Darstellung von Tobias Moretti deswegen noch lange nicht, denn er spielt ihn als teigigen, eitlen Verführer, der die Konsequenzen seines Tuns kaum überblickt. Ob allerdings Roehler die Konsequenzen der hinzugedichteten jüdischen Abstammung und vor allem der Besetzung von Goebbels durch Moritz Bleibtreu, der aus ihm eine eher chargenhafte rheinische Frohnatur macht, so ganz überblickte, darf auch angezweifelt werden. Natürlich kann man die Frage stellen, ob die filmische Repräsentation des Dritten Reichs nicht zwangsläufig immer eine Verharmlosung darstellt. Aber der Reflex, das immer gleich als historischen Revisionismus zu interpretieren, ist wenig hilfreich. Denn selbstverständlich begreift die Kunst gerade die dunkelsten Kapitel der Geschichte immer wieder als Herausforderung, und also ist an der Förderung dieser Auseinandersetzung nichts Zweifelhaftes. Scheitern und Misslingen sind dabei immer möglich, was aus ihr noch keine frivole Angelegenheit macht und auch noch keine antisemitischen Tendenzen begründet.

          Was Charlotte Knobloch meint, wenn sie sagt, der Film messe der Aufarbeitung des Antisemitismus zu wenig Bedeutung bei, ist schon deswegen unklar, weil Roehler ja genau dieses versucht. Man mag das Nachstellen oder Zitieren von Originalstellen aus „Jud Süß“ für ein untaugliches Mittel halten, aber man kann Roehler nicht vorwerfen, er mache sich dadurch mit Harlans Film gemein. Es ist lediglich sein etwas hilfloser Versuch, eine Vorstellung von der Perfidie von „Jud Süß“ zu vermitteln und etwas zu zeigen, wovon man sich wegen des Aufführungsverbotes selbst kein Bild machen kann. Natürlich soll „Jud Süß - Film ohne Gewissen“ ab Herbst öffentlich vorgeführt werden - und die Kritiken bekommen, die er verdient.

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