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Oskar Roehlers Fassbinder-Film : Ein Film, den es nicht geben dürfte

Vieles in „Enfant Terrible“ ist daher nicht nur sehr expressiv, sondern exzentrisch, grell und schräg, mitunter am Rande der Karikatur. Roehler hat sich bewusst auch nicht um das Alter der Schauspieler gekümmert, er lässt die heutige Eva Mattes Brigitte Mira von damals spielen oder Leute wie Kurt Raab viel älter wirken, als sie in den sechziger Jahren waren, damit sie zum Alter des Fassbinder-Darstellers Masucci passen.

Der Rechtsanwalt schreibt mit

Und lieber als bekannte Gesichter, von Katja Riemann und Desirée Nick einmal abgesehen, hat er Schauspieler besetzt, die seinen Weg mitgehen mochten. So treibt Roehler dem Fassbinder-Kosmos alles Gravitätische aus, allen Anschein von Geniekult und Hagiographie. Wenn Fassbinder auf dem Sofa liegt und tönt, nächstes Jahr werde er sieben Filme machen, klingt er wie ein provinzielles Großmaul – nur dass er im Jahr 1970 dann auch sieben Filme machen wird.

Diese Atmosphäre, die Roehler in den Szenen aus dem Künstlerleben erzeugt, ist es, die „Enfant Terrible“ so besonders macht, viel origineller, als es der mäßig originelle Titel verspricht. Roehler zeigt den Sadismus, die diktatorischen Anwandlungen, die Psychospiele in der Filmfamilie. Die Verzweiflung, die Liebe, die Langeweile. Gnadenlos zwingt Fassbinder die fiktive Figur Britta (Anton Rattinger), zur Feier ihres Filmpreises Fleisch zu essen – und lauscht an der Klotür, wenn sie sich erbrechen muss. Er weint in der Badewanne, als seine große Liebe Armin Meier sich umgebracht hat. Auch ihn hat er immer wieder gedemütigt.

Koks und Cuba Libre ohne Ende

Es fehlen nicht die Unmengen von Koks und Cuba Libre, die Mädchennamen für die Männer, Fassbinder selbst war „Mary“, der mitunter fast freudlos mechanisch wirkende Sex, das Autogramm nach dem Blowjob in der New Yorker Disco. Auch nicht die hässlichen Sätze, die Diskriminierungen eines Günther Kaufmann („Beschaff mir einen anderen Neger!“). Mit den Maßstäben der Political Correctness allein, mit den Ansprüchen in Zeiten von #metoo ist man mit Fassbinder ziemlich schnell fertig. Da ist zu viel Widersprüchliches, und es sind auch die Widersprüche der erstickenden bundesdeutschen Nachkriegswelt, von denen seine Filme fast obsessiv handeln. Wer Oskar Roehler kennt, weiß, dass ihn gerade das auch gereizt hat an dem Stoff.

Einige der Szenen im Film sind längst zur Fassbinder-Folklore geworden, die sich vor allem aus dem Buch von Kurt Raab speist, „Die Sehnsucht des Rainer Werner Fassbinder“, das 1982 erschien. Er habe dieses Buch allen Mitwirkenden „wie eine Bibel“ zu lesen gegeben – „ist halt auch ein Kolportagefilm“, sagt Roehler lächelnd.

Das ist doch Kolportage

Indirekt mitgeschrieben am Drehbuch haben aber auch Rechtsanwälte. Jeder Satz im Film sei „abgeklopft worden“, jeder Name. Einige Mitglieder der Filmfamilie haben sich geweigert, dass ihr Name verwendet wird. Deswegen gibt es keine Hanna Schygulla, keine Margit Carstensen oder Irm Hermann in „Enfant Terrible“. Aber einen Harry Baer oder Kurt Raab oder Peter Berling. Und weil er auch nicht direkt aus den Filmen zitieren durfte, hat Roehler, der ja auch Schriftsteller ist, Freude an der listenreichen Umgehung entwickelt, daran, wie man mit ein paar kleinen Umstellungen juristisch unanfechtbar genau das bekommt, was man sich vorstellt.

Ob man am Ende dieser wilden 134 Minuten mehr oder anderes über Rainer Werner Fassbinder weiß, ob da neue Facetten sichtbar werden, ob Roehler so etwas wie die Essenz dieser Künstlerbiographie zu fassen bekommen hat? Schwer zu sagen. Vielleicht auch nicht entscheidend. „Enfant Terrible“ ist ja nicht Geschichtsschreibung im Dienste einer imaginären Wahrheit, kein Dokudrama, gegen dessen Version man historisch Einspruch erheben könnte. Es ist eine glühende, von Rücksichtnahmen freie Hommage an einen der prägenden Regisseure der Bundesrepublik, und als solche enthält sie, wie verschlüsselt auch immer, natürlich eine Bestandsaufnahme des deutschen Films, wie er heute ist.

Viele werden sich gegen Roehlers Diagnose wehren, aber insgeheim sind sie froh, dass es Typen wie Fassbinder heute nur noch im Filmmuseum gibt und sie kein Geld mehr bei der Filmförderung beantragen können. Das Paradox allerdings, einen Film gemacht zu haben, wie man ihn angeblich nicht mehr machen kann, kann Oskar Roehler nicht aus der Welt schaffen. Das müssen alle, die „Enfant Terrible“ sehen, für sich lösen.

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