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Dokukumentarfilm „20 Feet From Stardom“ : Vor diesen Stimmen sollten wir niederknien

Superfrauen: Jo Lawry, Judith Hill und Lisa Fischer in „20 Feet From Stardom“, der jetzt in die deutschen Kinos kommt. Bild: AP

Wer singt und tanzt im Hintergrund, damit die Stars leuchten? Der oscarprämierte Dokumentarfilm „20 Feet from Stardom“ stellt die Background-Sängerinnen in den Vordergrund: eine Hommage an eine Handvoll großartiger Frauen.

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          Am Anfang steht ein „huhuhu“ oder ein „doo da doo da doodadoodoo“, sinnlose Laute, ohne die einige der wichtigsten Popsongs nichts wären. „Walk on the Wild Side“ nicht und nicht „Gimme Shelter“. Aber wer huhut da? Bei Live-Auftritten sind sie zu sehen, die Background Singers, meistens mit wenig an und fast immer im Halbdunkel. Auf Alben nur zu hören. Morgan Neville hat einen Film über sie gedreht: „20 Feet from Stardom“.

          Verena Lueken

          Redakteurin im Feuilleton.

          Er hat damit vor einigen Wochen den Dokumentarfilm-Oscar gewonnen, und auch wenn es fraglich ist, ob von „Millionen“, die ihre Stimmen erkennen würden, tatsächlich „niemand“, wie der Film für sich wirbt, je ihre Namen gehört hat, so ist doch eines sicher: derart zentral im Rampenlicht wie hier stehen und standen die Sängerinnen (und ein paar wenige männliche Kollegen) in ihren Karrieren nie.

          Zwei große Sängerinnen

          Judith Hill zum Beispiel, die Jüngste im Film. Sie haben Millionen schon bewusst gehört, als sie auf Michael Jacksons Trauerfeier sang: „Heal the World“. Sie sollte Teil seiner Tour sein, die er vorbereitete, als er starb.

          Lisa Fischer zum Beispiel. Jeder, der in den letzten fünfundzwanzig Jahren ein Konzert der Rolling Stones erlebt (oder sich im Netz angeschaut) hat, weiß, wie sie aussieht: groß, stark, mit einem kugelrunden Kopf und einem schönen Gesicht, das sich völlig in Musik versenken kann. Und jeder erkennt ihr unfassliches Stimmvolumen - mit seiner Reichweite in höchste Höhen, in der diese Stimme immer noch dunkel und weich klingt, als sei da reichlich Raum zum Nochhöherklettern -, weil Lisa Fischer seit fünfundzwanzig Jahren mit Mick Jagger „Gimme Shelter“ singt. Wenn sie ihr „Rape! Murder! It’s just a shot away, it’s just a shot away“ herausschreit, dann wird eine Seele hörbar, die stumm bleibt, wenn Mick Jagger dieselbe Zeile singt.

          Lisa Fischer: Jeder, der in den letzten fünfundzwanzig Jahren ein Konzert der Rolling Stones erlebt hat, kennt ihr schönes Gesicht, das sich völlig in Musik versenken kann.

          Dass in der ersten Studioaufnahme dieses Songs nicht Lisa Fischer, sondern Merry Clayton den Part gesungen hat, gehört zu den nicht so bekannten Umständen, von denen dieser Film erzählt. Und wenn Lisa Fischer sich im Gespräch vor Merry Clayton und ihrem Schrei verbeugt und sagt, sie hätte versucht aufzunehmen, was an Emotion in diesem ersten „Rape! Murder!“ steckte, dann ist das einerseits ein sehr bewegender Augenblick, in dem sich die beiden großen Sängerinnen um den Hals fallen.

          Es geht um Umstände, Schicksal und Glück

          Und gleich darauf, bevor der Augenblick sich ins Sentimentale dehnt, wird daraus eine Anekdote: weil Merry Clayton erzählt, wie es zu dieser Studioaufnahme mitten in der Nacht kam, wie sie, mit Lockenwicklern im Haar, als die Stones anriefen, ihren Pelz übers Nachthemd geworfen habe und ins Studio gefahren sei, und dort dann diesen Schrei getan habe, once and for all, weil sie schnell wieder ins Bett wollte. Mick Jagger bestätigt die Geschichte. Und er sagt auch, er könne sich nicht vorstellen, sein Leben lang huhu zu singen.

          Sting sagt es kritischer: Es geht nicht allein um Talent. Es geht vor allem um die Umstände, das Schicksal, darum, Glück zu haben - und dann sagt er: die Besten kommen damit klar. Auch wenn es nicht klappt, meint er. Und die Frauen, in deren Gesellschaft wir diese neunzig Filmminuten verbringen, sind alle damit klargekommen. Sie klagen nicht, geben sich keiner Weinerlichkeit hin. Auch nicht Darlene Love, die lange mit Phil Spector sang, und einige Jahre als Putzfrau arbeiten musste, um ihre Kinder großzukriegen.

          Singen, als gäbe es kein Morgen

          Die weltberühmten Stars wie eben Jagger, aber auch Bruce Springsteen, Stevie Wonder, Bette Midler und Sting (David Bowie ist nur in Archivaufnahmen zu sehen) stellen sich dieses eine Mal in den Dienst von Geschichten, die sich mit ihren nur berühren. Dieses eine Mal sprechen die Götter des Pop mit uneingeschränkter Hochachtung von ihren Engeln, die auch tanzen können, die das Bild füllen und den Klang. Keine der Sängerinnen, die Neville porträtiert, hat eine Solo-Karriere geschafft - Lisa Fischer hat es versucht, und auch einen Grammy gewonnen, aber nach dem ersten Erfolg ging es nicht weiter, und heute sagt sie, sie wolle singen, Musik machen, das sei das Wichtigste. Merry Clayton ist zurück zu ihren Anfängen gegangen, als sie in der Kirche Gospel sang.

          Dieser Film ist eine Hommage an eine Handvoll großartiger Frauen, die einen ganzen Berufsstand repräsentieren. Es hätte ein bisschen kritischer zugehen können, etwas weniger konventionell. Wir hätten etwas mehr über die Mechanismen der Musikindustrie erfahren können, mit etwas mehr analytischem Handwerkszeug wäre sicher eine informativere Dokumentation zustande gekommen. Aber vielleicht keine, die uns mit der Begeisterung der Filmemacher für diese Frauen derartig mitreißt.

          Es gibt jede Menge Musik aus den letzten fünfzig Jahren zu hören, und immerhin erfahren wir auch von einigen rassistischen und sexistischen Schweinereien im Musikgeschäft. Wir hatten es nicht anders erwartet. Vor allem aber hören wir diese Stimmen einer Handvoll Frauen und einiger weniger Männer, die singen können und wollen, als gäbe es kein Morgen.

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