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Oscar-Verleihung : Die Jungen sehen ziemlich alt aus

Gewann den Oscar für die beste Hauptdarstellerin: Natalie Portman Bild: REUTERS

Bei der Oscar-Verleihung triumphiert der britische Film „The King's Speech“ über die amerikanische Konkurrenz. Danach hat es eine ganze Weile lang nicht ausgesehen: Die Preisvergaben waren spannend wie lange nicht mehr, das Drumherum nicht.

          Eine Dreiviertelstunde hat „The King's Speech“ (Video-Filmkritik: Colin Firth und Geoffrey Rush in „The King's Speech“) heute Nacht auf seinen ersten Oscar warten müssen. Vorher verpasste der in zwölf Kategorien nominierte Film in den ersten drei Entscheidungen nacheinander die Preise für Art Direction, Kamera und die beste Nebendarstellerin (und das darf man angesichts von Helena Bonham Carter als Queen Mum einen Skandal nennen), doch dann, in der siebten Runde (zwischendurch waren kurze und lange Trickfilme und die beste Drehbuchadaption prämiert worden, in denen „The King's Speech jeweils nicht nominiert war), kam endlich der erste Preis: für David Seidler, als Autor des besten Originaldrehbuchs.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Später sollte man vom „King's Speech“-Regisseur Tom Hooper noch einmal daran erinnert werden, dass Seidler ursprünglich ein Theaterstück über den stotternden König Georg VI. geschrieben hatte, das aber niemand aufführen wollte. Doch Hoopers Mutter hatte eine Lesung dieser abgelehnten Bühnenversion besucht und danach sofort ihren Sohn angerufen: „Ich habe den Stoff für deinen nächsten Film.“ Die Lehre von Hooper, die er in seiner Dankesrede für den Regie-Oscar aus dem Ereignis zog, lautete: „Hör immer auf deine Mutter.“

          Gegen diese pathetische Wucht war die Konkurrenz machtlos

          Doch da waren schon wieder zwei Stunden vorbei, und „The King's Speech“ hatte noch weitere drei Oscars verpasst. „Inception“ hatte mittlerweile schon vier gesammelt (einen für Wally Pfister als besten Kameramann und drei in den weniger populären technischen Kategorien für Ton und Effekte), „The Social Network“ immerhin drei (für die beste Musik, für den besten Schnitt und für Aaron Sorkin als besten Drehbuchautor nach fremder Vorlage). Der große Favorit des Abends war also beinahe leer ausgegangen, als es in die letzte halbe Stunde ging, in der die wichtigsten vier Oscars vergeben wurden: für die Regie, für die Hauptdarsteller und für den besten Film des Jahres.

          Gewann den Oscar für die beste Hauptdarstellerin: Natalie Portman Bilderstrecke

          Und in dieser letzten halben Stunde triumphierte „The King's Speech“. Drei Oscars kamen hinzu: für den Regisseur Tom Hooper, erwartungsgemäß für den Hauptdarsteller Colin Firth und schließlich für den besten Film. Als hätte die Academy of Motion Arts and Pictures, die die Oscars vergibt, diesen Ausgang beschwören wollen, wurde über sämtliche Ausschnitte aus den zehn für die wichtigste Kategorie nominierten Filmen die vollständige Rede gelegt, die Colin Firth als König Georg VI. anlässlich des Kriegsausbruchs von 1939 hielt - samt Beethovens siebter Symphonie wie im Film. Es war klar, bevor Steven Spielberg das Ergebnis bekannt gab: Gegen diese pathetische Wucht vermochte keiner der anderen Konkurrenten um den Titel des besten Films etwas auszurichten.

          Natalie Portmanns Sieg

          So bekam eine Oscar-Verleihung, die ihre Preise ungewöhnlich breit streute („The Fighter“ bekam mit den Gewinnern Melissa Leo und Christian Bale beide Oscars für die Nebenrollen zugesprochen; zwei Oscars, die für den besten Animationsfilm und für das beste Lied, gingen auch an „Toy Story 3“(„Toy Story 3“ kommt in die Kinos: In der Wunderwelt der Kita); zwei bekam gleichfalls „Alice im Wunderland“, für Kostüme und Art Direction), doch noch ihren strahlenden und einsamen Siegerfilm. Vier Oscars von elf mag nicht großartig klingen, aber bester Film, beste Regie, bester Hauptdarsteller, bestes Drehbuch - das sind vier der sechs wichtigsten Kategorien.

          Dass Natalie Portman für „Black Swan“ (Video-Filmkritik: Darren Aronofskys „Black Swan“) die Statuette als beste Hauptdarstellerin bekommen würde, war ebenso klar wie der Sieg von Colin Firth. Hier gab es ja auch keine Konkurrentin aus „The King's Speech“, und in beiden Drehbuchkategorien kann man eben auch nicht nominiert sein. Wer mit vier Oscars aus elf Nominierungen unglücklich sein wollte, wäre spätestens durch den strahlenden Randy Newman eines Besseren belehrt worden, der für das Lied „We Belong Together“ aus „Toy Story 3“ seinen zweiten Oscar bekam - im zwanzigsten Versuch.

          Hundsmiserable Dramaturgie

          Es gab also herrliche Geschichten in dieser Nacht, und die ließen vergessen, was für eine hundsmiserable Dramaturgie die Verleihung als solche hatte. Klar, die Höhepunkte setzt man zum Schluss. Aber den Abend mit dem Preis für Art Direction statt dem für die Kamera anzufangen, war schon ein kleiner Tiefpunkt. Und der große währte leider die ganze Verleihung hindurch, denn Anne Hathaway und James Franco waren als Moderatoren überfordert.

          Wobei Anne Hathaway sich noch etwas besser aus der Affäre zog als Franco, den man vor der Zeremonie wohl betäubt haben musste, um dieses notorische Dauergrinsen ohne irgendeine sonstige Regung hinzubekommen. Er ist einer der besten Schauspieler seiner Generation, aber vermutlich war er in dieser Nacht einfach überfordert von der eigenen Nominierung als bester Hauptdarsteller (in „127 Hours“, einem Film, der ebenso komplett leer ausging wie die Komödie „The Kids Are Allright“, das fabelhafte Drama „Winter's Bone“ und der immerhin für zehn Oscars nominierte Western „True Grit“).

          Mehr Pflichtübung als Ehre

          Wie peinlich war Francos Auftritt in einer Abendrobe, als sich Anne Hathaway einmal im Frack zeigte. Peinlich vor allem deshalb, weil er nichts aus diesem Cross-Dressing machte. Und wie beschämend muss für Franco der riesige Beifall des Publikums für Billy Crystal gewesen sein, der die Oscar-Nacht achtmal moderiert hat und jetzt noch einmal in kaum fünf Minuten vorführte, wie man das machen muss - witzig, frei und leicht bösartig. Und wie devot sich Anne Hathaway gab, auch das war schwer zu ertragen. Die Wahl dieses Moderatorenpaars darf man als historische Pleite verbuchen.

          Das gilt auch für die Entscheidung, die Auszeichnungen der Academy für ein Lebenswerk nicht mehr während der eigentlichen Zeremonie vorzunehmen, sondern auf einer eigenen Gala. Gut, Jean-Luc Godard kam weder zur einen noch zur anderen Veranstaltung, aber als heute Nacht für eine Minute die Veteranen Francis Ford Coppola, Eli Wallach und Kevin Brownlow auf die Bühne treten durften, um sich wortlos ihre stehende Ovation abzuholen, da war das eindeutig mehr Pflichtübung als Ehre.

          Überträllerte Gedenkpflicht

          Wie viel würdiger war dagegen sehr früh der Auftritt von Kirk Douglas gewesen, der den Preis für die beste Nebendarstellerin vergab. Der mittlerweile vierundneunzigjährige Schauspieler kam zwar am Stock auf die Bühne und musste sich erst etwas warm reden, doch dann riss er den Saal zu Beifallsstürmen hin. Man ehrt eben ein Lebenswerk nicht dadurch, dass man die Ausgezeichneten stillstellt, sondern indem man sich anhört, was sie zu sagen haben.

          Auch missglückt war die Idee, Celine Dion über die Bilder der seit der letzten Oscar-Verleihung verstorbenen Filmprominenz singen zu lassen. So gab es nicht einmal einen letzten individuellen Applaus für Größen wie Denis Hopper, Arthur Penn oder Tony Curtis. Was für ein Glück, dass Halle Berry bei ihrem Oscar-Gewinn vor neun Jahren an die schwarze Schauspielerin Lena Horne als ihr Vorbild erinnert hatte. So kam die im letzten Mai verstorbene Horne noch einmal zu einer Einzelehrung, die nach der überträllerten Gedenkpflicht stattfand. Solche Gesten machen den Reiz der Oscars aus. Es gab sie viel zu selten in diesem Jahr.

          Abgekürzte Dankesreden

          Auch eine Enttäuschung: die individuelle Würdigung, die Jeff Bridges den fünf als beste Hauptdarstellerinnen nominierten Schauspielerinnen angedeihen ließ. Gönnerisch klang das in jedem einzelnen Fall, originell waren die Ausführungen von Bridges auch nicht. Wie es gut geht, nämlich geistvoll-spitzzüngig, zeigte direkt danach Sandra Bullock, die den gleichen Job für die männlichen Akteure zu leisten hatte. Dieses 2009 eingeführte Prinzip der persönlichen Ansprache an die Nominierten in den beiden Hauptdarsteller-Kategorien erweist sich als echte Nagelprobe für die Laudatoren.

          Kurz hielt man sich immerhin diesmal mit der Gesamtdauer. Nach wenig mehr als drei Stunden war alles vorbei. Kluge Entscheidung angesichts der Moderation. Allerdings hätte man sich den Versuch sparen sollen, in den als weniger bedeutsam angesehenen Kategorien die Dankesreden immer wieder durch Musik abzukürzen. Schade, dass die beiden Australier Shaun Tan und Andrew Ruheman, die mit „The Lost Thing“ verdient den Oscar für den besten kurzen Animationsfilm gewonnen haben und auf der Bühne wie Pat und Patachon daherkamen, nicht ausreden durften.

          Höflich, nett, aber nicht bewegend

          Selbst Aaron Sorkin, dem hochgeschätzten Drehbuchautor von „The Social Network“, wurde rabiat musikalisch über den Mund gefahren. Dagegen durfte Natalie Portman eine tränenreiche, aber nichtssagende Dankesliste auswendig herunterrattern, die bis zu ihrer Kostümbildnerin reichte. Höflich ist das gewiss, nett auch, aber leider nicht bewegend. Colin Firth löste diese Herausforderung mit britischem Understatement weitaus souveräner.

          Und auch deshalb, des britischen Understatements halber, waren die doch noch errungenen Auszeichnungen für „The King's Speech“ eine Wohltat. Welchem Amerikaner wäre schon eine so delikate Dankesrede eingefallen wie dem bereits dreiundsiebzigjährigen Drehbuchautor David Seidler, der als bislang ältester Preisträger in seiner Kategorie nicht nur der Hoffnung Ausdruck gab, dass es noch nicht sein letzter Oscar gewesen sein möge, sondern dass auch noch ein paar Ältere als er gewinnen sollen. Mit betagten Persönlichkeiten wie ihm oder Kirk Douglas sah Hollywood bei dieser Oscar-Verleihung blendend aus. Mit Anne Hathaway und James Franco dagegen ziemlich alt.

          Die Sieger der wichtigsten Oscar-Kategorien:

          Bester Film : „The King's Speech“ (siehe auch: Video-Filmkritik: Colin Firth und Geoffrey Rush in „The King's Speech“)

          Regie : Tom Hooper („The King's Speech“)

          Hauptdarsteller : Colin Firth („The King's Speech“)

          Hauptdarstellerin : Natalie Portman („The Black Swan“) - siehe auch: Video-Filmkritik: Darren Aronofskys „Black Swan“

          Nebendarstellerin : Melissa Leo („The Fighter“)

          Nebendarsteller : Christian Bale („The Fighter“)

          Fremdsprachiger Film : „In a Better World“ (Susanne Bier, Dänemark)

          Animationsfilm : „Toy Story 3“

          Dokumentarfilm : „Inside Job“ über die Finanzkrise

          Original-Drehbuch : „The King's Speech“

          Adaptiertes Drehbuch : „The Social Network“ (siehe auch: Video-Filmkritik: „The Social Network“)

          Kamera : „Inception“ (siehe auch: Video-Filmkritik: „Inception“)

          Schnitt : „The Social Network“

          Spezialeffekte : „Inception“

          Kostüme : „Alice In Wonderland“

          Ausstattung : „Alice in Wonderland“

          Make-up : „The Wolfman“

          Filmmusik : „The Social Network“

          Filmsong : „We Belong Together“ von Randy Newman für „Toy Story 3“

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