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Von Donnersmarcks neuer Film : Erst das Leid, dann der Triumph

Pinselstrich: Tom Schilling spielt die Hauptrolle in „Werk ohne Autor“. Bild: Pergamon Film/Wiedemann & Berg F

Mit seinem neuen Film geht Florian Henckel von Donnersmarck für Deutschland ins Oscar-Rennen. Auf dem Festival von Venedig läuft „Werk ohne Autor“ erstmals. Die Amerikaner werden den Film lieben, doch er hat einen Haken.

          Die Tränen des Opfers auf der Schuhspitze des Täters: Was für ein Bild ist das? Im Erzählkino hängen Antworten auf solche Fragen von der Geschichte ab, zu der das Bild gehört.

          Dietmar Dath

          Redakteur im Feuilleton.

          „Werk ohne Autor“ erzählt von einem kleinen Jungen, der zeichnet und malt, bis er ein großer Junge ist und dafür bewundert und bezahlt wird. Ende der dreißiger Jahre des letzten Jahrhunderts geht seine Tante Elisabeth, die unter Gemütstrübungen und manischen Episoden leidet, mit ihm in Ausstellungen, darunter eine voller „entarteter Kunst“, das heißt von den Nazis verfolgter Moderne.

          Die gute Tante wird Opfer der systematischen Ermordung vieler Menschen, die nicht der Volksgesundheitsnorm der Faschisten entsprechen. Der Junge wird Kunststudent in der DDR, seine große Liebe findet er beim Studium, sie lernt Mode und ist die Tochter des Arztes, der die Tante Elisabeth in den Tod geschickt hat. Der Verbrecher passt sich im Sozialismus an, muss dann aber doch in den Westen, weil sein SS-Geheimnis entdeckt zu werden droht.

          Zuvor nötigt er seine Tochter unter Vorwänden zu einer Abtreibung, weil er nicht will, dass sie das Kind des Malers bekommt. Dieser und seine Braut folgen dem Mörder in die Bundesrepublik, der erhofften Kunstfreiheit wegen. Der Maler findet als Schüler eines mit schamanischen Gaben gesegneten Seher-Lehrers seine wahre Berufung, malt ein Bild, auf dem, ohne dass er es weiß, die Untaten seines Schwiegervaters in Symbolgestalt dargestellt sind, und wird endlich doch noch Vater.

          Frühe Begegnung mit der Kunst: Cai Cohrs spielt den jungen Kurt Barnert.

          Triumph nach Leiden, das ist die Fabel. Echte Menschenleben sind verarbeitet, aber darauf kommt es, sagen die geänderten Namen, nicht allzu sehr an: Die Geschichte sollte gleich gut funktionieren, ob das Vorbild für den Maler nun Gerhard Richter oder Toni Zitroni heißt.

          So viel vom Gegenstand. Wie sieht es mit den Mitteln aus? Es gibt luxuriöse Kinomomente hier, in denen (oft dank Musik von Max Richter) der Kamera ein gnostisches Licht aufgeht – im Auge des Malers, im Rauschen von Blättern, im Farbauftrag oder unter freiem Himmel, von dem Flugzeuge kleine Folienfetzen abwerfen, um Funkverkehr zu stören. Vieles ist breit, das eine oder andere tief, das meiste will hoch hinaus, manchmal klappt es.

          Aber „Werk ohne Autor“ wirft auch zahllose Bilder an die Wand, die schale Gemeinplätze sind, und zahllose Szenen öden als Phrasen an: Was passiert, wenn das Kind zeichnet? Die Tante spielt Klavier dazu. Was tut der russische Major beim Verhör? Er schlägt den Gefangenen schleunigst ins Gesicht. Wie zeigt man Sex? Indem die Kamera langsam über die abgestreiften Wäschestücke am Boden fährt und dann aufs Bett klettert, bis sie ihr Ziel erreicht, die freie weibliche Brust. Wie erfährt eine Figur etwas, was ein Geheimnis betrifft, von dem niemand wissen soll? Indem es ein Zeitungsjunge ruft.

          Der Film spricht fließend Klischee; die Amerikaner werden das lieben. „Werk ohne Autor“ geht für Deutschland ins Oscar-Rennen, und auch hier in Venedig ist er nicht chancenlos. Fragen nach den Makeln dieser Produktion wird man als Genörgel abtun; handwerklich geht sie ja wirklich in Ordnung, schauspielerisch vor allem: Sebastian Koch spielt den ärztlichen Unmenschen wie jemanden, der zwischen Würde, Bürde und dem absolut Bösen nicht unterscheiden kann, also völlig richtig; Saskia Rosendahl gibt uns eine Tante Elisabeth, um die selbst der Satan weint; Paula Beer hat als Heldengefährtin leider zu wenig Platz, ihre energiegeladene Grazie auszureizen; und Tom Schilling hält den Pinsel wie ein sehr smoother Jazztrommler den Takt.

          Das ist alles prima wie das Produktionsdesign, die Lichtgeometrie, das Geschäftliche. Wer aber darf erwarten, in all diesen Demonstrationen patriotisch-moralischer Regiekompetenz Raum für Zweifel daran zu finden, ob eine Kamera und ein Soundtrack in einer Gaskammer etwas verloren haben? Dass sie da nicht hingehören, ist kein bloßes Gebot der Scham oder des Anstands. Es berührt den Bezirk der ästhetischen Wahrhaftigkeit, von der Florian Henckel von Donnersmarck, der Schöpfer von „Werk ohne Autor“, darin sehr oft reden lässt.

          Florian Henckel von Donnersmarcks Film läuft im Wettbewerb von Venedig und ist für den Oscar nominiert.

          Die Gegenwart kann zwar nicht mehr glauben, was die griechische Tragödiendichtung glaubte, nämlich dass das Abscheuliche nicht auf die Bühne gehöre. Aber das, was „Werk ohne Autor“ behandelt, ist eben doch, Namen hin oder her, wirklich geschehen, und dass eines der Opfer im Film fordert, man solle nie wegschauen, gibt dem Film keine Lizenz, sich über die Tatsache hinwegzusetzen, dass niemand jene Toten fragen kann, ob sie so gezeigt werden wollen.

          Das eben heißt es ja, dass sie nicht nur ermordet, sondern wie Sachen vernichtet wurden: Man kann sie nie mehr fragen, was sie gedacht oder gefühlt haben. So etwas hält man kaum aus, und dass der Film es aushält, dass er danach weitermachen kann mit seiner Liebes- und Künstlerkarrieregeschichte, spricht gegen ihn, mehr als sogar sein fragwürdiges Frauenbild.

          Florian Henckel von Donnersmarck zeigt gern Duellsituationen zwischen Männern, in denen Frauen Preise, Damenopfer oder Spieleinsatz sind, in „Das Leben der Anderen“ (2006) wie in „The Tourist“ (2010). Alles, was nicht ins Herrendrama passt (Wie sieht es eigentlich mit der Karriere der Gattin des Malers aus? Warum bleibt die Frau des Arztes bei diesem Monster?), wird aus der Geschichte gewischt, mit derselben Bewegung, mit der Tom Schilling seine abgemalten Fotos verfremdet. Was will diese Bewegung? Eine Wahrheit zu fassen kriegen? Mehrere Wahrheiten? Tante Elisabeth, die schöne Ermordete, hat ja recht mit ihrem größten Satz: „Alles, was wahr ist, ist schön.“

          Der Fehler der Regie von „Werk ohne Autor“ ist aber, dass sie diesen Satz kurzerhand umdreht, um ihn als Handlungsanweisung misszuverstehen: Wichtige Stellen sollen vor allem schön sein, dann, so soll das Publikum glauben, sind sie auch wahr. Ein frommer Wunsch. Zu fromm für die Kunst.

          Weitere Berichte vom 75. Filmfestival in Venedig finden Sie regelmäßig im FAZ-Blog zum Filmfestival

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