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„Only Lovers Left Alive“ im Kino : Die Eigenbluttherapie des Jim Jarmusch

Adam und Eve: Tilda Swinton und Tom Hiddleston als liebendes Vampirpaar Bild: dpa

Weihnachtsgeschenk für die Jarmusch-Gemeinde: Der Regisseur hat mit „Only Lovers Left Alive“ einen Vampirfilm gedreht, in dem Tilda Swinton und Tom Hilddleston erst Reißaus nehmen und dann doch wieder Blut trinken.

          Alle Filme von Jim Jarmusch sind Nachtschattengewächse, auch wenn sie nicht, wie „Night on Earth“ oder „Mystery Train“, im Dunkeln spielen; denn ihre Figuren tragen ihre Dunkelheit mit sich. Sie ist in ihrem Innern, und sie ist in dem Blick, den der Regisseur auf sie wirft. Bei Jarmusch ist das Kino keine Welterkundung, sondern Selbsterkundung, Selbsterklärung durch die Entfaltung der Geschichten im filmischen Raum.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Der Killer, der Musiker, der Taxifahrer, der traurige Cowboy, der einsame Agent, sie alle sind Facetten der einen Kino-Persona, in der Jarmusch letztlich sein Selbstporträt malt, sein Alter Ego, sein fiktives Ich. Und nun, als letzte Maske, der Vampir.

          Adam (Tom Hiddleston) sitzt hinter heruntergelassenen Rollläden in einem Haus in Detroit und sammelt Rockgitarren. Die Musik, die er der Welt zuletzt geschenkt hat - sie klingt wie Neil Youngs Gitarrenriffs auf dem Soundtrack zu „Dead Man“ - wird noch gelegentlich in Clubs gespielt, aber sonst ist sein Name vergessen, ebenso wie die Tatsache, dass viele der klassischen Stücke, mit denen Komponisten wie Schumann berühmt wurden, eigentlich Adams untotem Hirn entstammen.

          Die Edelvampire flüchten nach Tanger

          Doch nicht nur intellektuell, auch körperlich ist der Vampir von Detroit vereinsamt, denn seine unsterbliche Freundin Eve (Tilda Swinton) lebt in Tanger, wo sie zusammen mit dem Dramatiker Christopher Marlowe (John Hurt) ihre Melancholie in gereinigtem Menschenblut ertränkt und nur gelegentlich per Smartphone unseren Helden anschmachtet. Schließlich nimmt sie aber doch den Nachtflug in die Staaten, wo die beiden über Gott und die Welt reden, Schach spielen und Bluteis am Stiel lutschen, bis Eves kleine Schwester Ava (Mia Wasikowska) auftaucht und die Idylle zerstört.

          Nach eigenem Bekunden ein Weihnachtshasser, der seiner Familie wegen aber auch kein Spielverderber sein will: Jim Jarmusch, gerade sechzig Jahre alt geworden.

          Ava trinkt nämlich im Liebesrausch einen Menschen leer, was in den vergeistigten Kreisen, in denen sich Eve und Adam bewegen, schon lang tabu ist, und treibt so die Edelvampire zur Flucht. Sie fliegen zurück nach Tanger, wo aber Marlowes Blutquelle - ebenso wie Marlowe selbst - inzwischen ausgetrocknet ist, so dass sich die beiden nach einer durchgehungerten Nacht entschließen, es wie Ava zu machen: Zum Frühstück gönnen sie sich ein junges Pärchen. Aus.

          Ein amerikanischer Kritiker hat „Only Lovers Left Alive“ als Anlauf zu einer Autobiographie bezeichnet, und tatsächlich kann man, wenn die Filmhandlung stockt (das tut sie oft) und die Kamera wie ein Museumsbesucher durch die Räume spaziert (das tut sie gern), einiges über Jim Jarmuschs ästhetische Neigungen überfahren, seine Vorliebe für Kafka, Buster Keaton, Oscar Wilde und Lord Byron etwa oder seinen Hass auf die Kinoverhunzer aus Hollywood.

          Vor allem aber ist dieser Film das Dokument einer tiefen Resignation. Der Kontakt mit der Wirklichkeit, den Jarmusch selbst in sehr abgehobenen Geschichten wie „The Limits of Control“ immer noch gehalten hat, ist in „Only Lovers Left Alive“ abgebrochen, der Blick des Regisseurs kreist endgültig nur noch um sich selbst.

          Von der Welt vergssen, dafür der insgeheime Komponist fast aller Werke von Schumann: Adam (Tom Hiddleston)

          In einer Einstellung am Anfang des Films wird diese Bewegung zum Aperçu, man sieht die in ihrem Zimmer mit ausgebreiteten Armen tanzende Tilda Swinton, deren Kreisen mit dem des Plattentellers überblendet wird, in dem sich das bleiche Gesicht von Tom Hiddleston spiegelt.

          Ein schönes Bild, so wie viele Bilder in diesem müden und traurigen Film, der sich vom Blut seiner eigenen Vorgänger nährt. „Only Lovers Left Alive“ ist ein Weihnachtsgeschenk für die Jarmusch-Gemeinde - und ein Nichtereignis für die übrige Welt.

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