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Blanche Gardin und Vincent Lacoste als Sextape-Typ in "Online für Anfänger" Bild: dpa

„Online für Anfänger" im Kino : Gegen die Internet-Giganten

  • -Aktualisiert am

Liebe, Rache oder neue Solidarität: Im Netz kann man fast alles suchen. Aber es zu finden, ist schwerer als gedacht, wie der Film "Online für Anfänger" zeigt.

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          Wer heutzutage Gott spielen will, tut dies am besten im Internet. Es hat also eine gewisse Plausibilität, dass in dem Film „Online für Anfänger“ von Benoît Delépine und Gustave Kervern ein Hacker auftritt, der sich als Monsieur Dieu ansprechen lässt. Auch seinen Dienstort hat er gut gewählt: Er sitzt in der Rotorkammer eines Windrads hoch über den Dingen. Seine Finger fliegen, wie man das aus einschlägigen Filmen kennt, über die Tasten, als würden sie sie streicheln. Und dann kommt die Siegesformel: „Ich bin drinnen.“ Drinnen sein bedeutet in diesem Fall einen bedeutenden Durchbruch. Denn die Mächte, mit denen es Herr Gott hier zu tun bekommt, haben das Leben der meisten heutigen Menschen ziemlich fest im Griff. „Online für Anfänger“ erzählt von ein paar einfachen Leuten, die es mit Facebook und Google aufnehmen wollen und, noch ein bisschen größer: mit der „Wolke“. Alles Wesentliche befindet sich heute ja in Clouds, doch wie bekommt man es von dort wieder heraus? Davon wissen derzeit nicht nur österreichische Politiker ein Lied zu singen.

          Konkret geht es in „Online für Anfänger“ um Marie, Bertrand und Christine, drei französische Menschen, denen es eigentlich nicht schlecht gehen müsste. Sie leben in einer Eigenheimsiedlung, die auf feste Verwurzelung in sozialen Bezügen und in Besitzverhältnissen hindeutet. Bei genauerem Hinsehen zeigen sich allerdings Krisensymptome. Bei Marie ist das Haus halb leer, es fehlt offensichtlich ein Teil einer Familie, die es einmal gab. Die neue Lücke im Leben füllt Marie mit Chaos. Sie ist nicht dafür begabt, für sich selbst zu sorgen, mit Geld umzugehen und derlei Dinge, die zu lernen in der Schule nicht im Mittelpunkt steht. In ihrer Einsamkeit lässt sie sich auf eine Nacht mit einem jungen Mann ein, der ihr bald darauf eröffnet, dass er den Liebesakt gefilmt hat. Die Datei würde er ihr überlassen, wenn sie dafür 10.000 Euro herausrückt. Andernfalls: eine Wolke, auf die aus aller Welt zugegriffen werden kann. Bertrand ist ebenfalls mit einem kompromittierenden Filmchen befasst. Es betrifft seine Tochter und beschert ihm einen großen Gegner. An Facebook hat er nun schon eine Reihe Briefe geschickt, alle korrekt frankiert und auch eingeschrieben. Auf eine Antwort wartet er noch.

          Bertrand ist generell im Internet eher vertrauensselig, deswegen bekommt er viele Dinge, von denen er nicht genau weiß, wie ihm geschieht. Neuerdings hat es ihm eine Frauenstimme angetan, die ihm in einer Service-Schleife aufgefallen ist. Er fühlt sich von ihr persönlich angesprochen. Christine wiederum hat ihre Arbeit verloren, weil sie süchtig geworden ist. Nämlich nach Fernsehserien, und zwar den ganz langen. Sie hat in der Reaktorsicherheit gearbeitet, wegen sechs Staffeln „Six Feet Under“ hat sie ihren Dienst so stark vernachlässigt, dass eine Kündigung unausweichlich wurde. Dass man auf Qualitätsfernsehen drauf sein kann wie auf Heroin, das enthält natürlich eine Übertreibung. Aber allzu weit müssen Delépine und Kervern, das französische Komikerduo, bei ihrer komischen Alltagsethnografie des Zeitalters der Digitalisierung nicht über die Erfahrungen hinausgehen, die viele Menschen schon gemacht haben: Ärger über unerreichbare Vertragspartner, unerklärliche Abbuchungen, unlesbare Geschäftsbedingungen. Und von Cookies fängt dieser Film gar nicht erst an. Marie, Bertrand und Christine gehören alle zu der Altersgruppe, die noch zu jung ist, um sich auf das Großelternprivileg zu berufen, mit dem viele ältere Menschen sich weigern, die Zumutungen der digitalen Beschleunigung als Fortschritt zu akzeptieren. Sie sind aber auch deutlich zu alt, um über die oft verblüffende digitale Beschlagenheit junger Menschen zu verfügen. Sie sind also ideale Opfer für den Plattformkapitalismus.

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