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Film „One Night in Miami“ : Wenn Muhammad Ali auf Malcolm X trifft

Leslie Odom Jr, Eli Goree und Aldis Hodge (von rechts) in „One Night in Miami“ Bild: AP

Und Jim Brown auf Sam Cooke. Regina Kings Film erzählt von vier Männern auf der Suche nach ihrer Rolle in der Geschichte – und bringt sie auch im Dunkeln zum Leuchten.

          4 Min.

          Vier Männer eines Nachts im Hotel irgendwo am Strip von Miami ¸– keine Party, kein Sex, kein Alkohol, keine anderen Drogen, nur ein spärlich möbliertes Zimmer und ein Karton Vanilleeis in der Minibar. Das ist die Lage. Enttäuschend für Cassius Clay, der gerade zum ersten Mal Boxweltmeister geworden ist und zum Feiern gekommen war, bevor er am nächsten Tag seinen Übertritt zum Islam bekannt geben und kurz darauf seinen Namen in Muhammad Ali ändern wird. Enttäuschend auch für Sam Cooke, dem im New Yorker Nachtclub Copacabana vor einer Weile noch das weiße Publikum den Rücken zugekehrt hatte, und der wie auch Cassius Clay keine Gesprächsrunde, sondern ein Fest erwartete. Eingefädelt hatte die frugale Feier Malcolm X, und mit dabei ist als Vierter Jim Brown, der Footballstar. Es ist die Nacht des 25. Februars 1964.

          Verena Lueken
          Freie Autorin im Feuilleton.

          Das Treffen der vier Freunde soll in jener Nacht tatsächlich stattgefunden haben, doch was dabei geschah und geredet wurde, hat sich Kemp Powers für sein Theaterstück „One Night in Miami“ ausgedacht. Ist es auch ein Filmstoff? Kommt darauf an. Regina King jedenfalls hat daraus einen der sehenswerten Filme des Jahres 2020 gemacht, die nicht ins Kino kommen. Immerhin lief die Produktion von Amazon Studios beim Filmfestival in Venedig und ist seitdem als Oscarkandidat im Gespräch. Ab heute wird der Film gestreamt. Ein späterer Kinostart ist zu wünschen, denn was Regina King mit dem scharfsinnigen Drehbuch macht, das Kemp Powers aus seinem Stück entwickelt hat, ist trotz der Beschränkungen eines solchen Kammerspiels auch visuell so klug und vielschichtig, dass eine Leinwand mit reichlich Raum drumherum willkommen wäre. Außerdem hört es sich besser, wenn das Bild größer ist – eine der seltsamen Erfahrungen des Filmeguckens zu Hause.

          Dynamik auf engstem Raum

          Regina King ist als Regisseurin keine Anfängerin und „One Night in Miami“ nur ihr erster Kinospielfilm. Seit 2013 hat sie immer wieder fürs Fernsehen, vor allem Serienfolgen inszeniert, alles in allem weist ihre Filmographie als Regisseurin fünfzehn Titel auf. Sie weiß genau, was sie will, wenn sie Cassius Clay (Eli Goree), Malcolm X (Kingsley Ben-Adir), Sam Cooke (Leslie Odom Jr.) und Jim Brown (Adis Hodge) für knapp zwei Stunden bei funzeliger Beleuchtung zusammenbringt. Sie will sie reden lassen und ihnen zuhören. Ihnen zuschauen, wie sie einander anblicken und ihre Körper zueinander in Beziehung setzen. Sie will die Komplexität dieser Männer, die alle an einem Wendepunkt ihres Lebens und ihrer Karrieren stehen, und ihre Tiefe zeigen, ihre klare Sicht auf ihre jeweilige Situation und ihre Zweifel an den eigenen Möglichkeiten, ihre Unterschiede, ihre Sexiness und ihre Traurigkeit, ihren Stolz, ihre Ahnung vom Scheitern wie von der Macht, die ihnen momentweise zuwächst. Malcolm X steht kurz davor, die Nation of Islam zu verlassen. Wird Cassius Clay ihm folgen? Sam Cooke wird politischere Texte schreiben und Jim Brown seine Karriere als Footballspieler beenden, weil er auf eine Laufbahn als Filmschauspieler hofft. Worauf gründen diese Entscheidungen? Wie schmerzhaft sind sie, wie gefährlich? Sind sie klug? Regina King weiß als Schauspielerin genau, dass sie jedem Einzelnen in ihrem Ensemble Raum geben muss, damit er Kontur gewinnen kann, um Konflikte, Freundschaft, Aggression und Verletzung sichtbar werden zu lassen, wenn sie die Darsteller nah zusammenbringt. So entsteht in dem engen Setting eine Dynamik einzig durch Bewegung auf kleinem Raum und durch Gespräch. Und durch die Unterschiede zwischen den Männern, auch was die Schattierung ihrer Haut angeht. „Wir sind nicht alle gleich“, sagt Jim Brown einmal zu dem hellhäutigen Malcolm X. „Wem willst Du eigentlich etwas beweisen? Den Weißen, oder doch vielleicht den Schwarzen?“ Um fortzufahren, wie sehr er die vermeintlich Liberalen hasst, die „sich auf die Schulter klopfen, weil sie uns fast wie Menschen behandeln“. Da seien ihm die ehrlichen Rednecks lieber. Es hört sich an wie ein Dialog von heute.

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