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„Die Wolken von Sils Maria“ : Im Nebel sieht man die Seele klar

Wacher, klüger und sympathischer als hier kam sie noch nie um die Ecke: Kristen Stewart ist erwachsen geworden. Bild: Pallas Film

Bei Olivier Assayas verhüllen „Die Wolken von Sils Maria“ die Kinokämpfe einer wütenden Künstlerin: Über die manchmal statische Handlung hilft Kristen Stewart hinweg, in ihrer bisher stärksten Rolle.

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          Eine ältere Frau, die vor längerer Zeit in einem Drama eine jüngere Frau spielen durfte, die eine ältere Frau verführt und zerstört hat, soll in einer Neuinszenierung das Opfer ihrer alten Rolle spielen. In Begleitung einer Assistentin, die so alt ist, wie die ältere Frau damals war, reist sie auf einen zeitlosen Berg, wo Wolken- und Nebelschlangen sich zwischen Gipfeln menschlicher Verstrahltheit ins Tal des Todes hinunterwinden. Verlustbewältigungsstrategien werden ins majestätisch Freie gestellt, Gefühlsballast wird sortiert, die Kunst eines toten Schriftstellers soll sein Fortleben ermöglichen, wenn die ältere Frau es versteht, sich ihr zu opfern, wobei ihr zuletzt eine ganz junge Frau helfen soll, die vor allem ein Rabenaas und eine kleine Viper ist, wenn auch ein großes Talent.

          Dietmar Dath
          Redakteur im Feuilleton.

          Der Filmregisseur Olivier Assayas kann was. In „Die Wolken von Sils Maria“ hilft ihm am meisten sein Entschluss, den beiden Hauptdarstellerinnen allen nötigen Raum zu geben, zur Not auf Kosten der Handlung, die eine ganze Weile nicht vom Fleck will, das aber auch nicht muss: Juliette Binoche als im Midlife-Rüttelsturm befindliche reifere Begabung kann ja erst mal in aller Ruhe die Angst ihrer Figur vor der eigenen Vergänglichkeit durchkauen, während Kristen Stewart als ihre Assistentin langsam, stetig, beherrscht und begeisternd zur Form ihres Lebens aufläuft.

          Wie sie nach einer haltlos durchfeierten Nacht ihre zerkratzten Sehnsüchte in den romantischen Nebel kotzt, wie sie in einem filmphilosophischen Miniseminar das Klischeekino aus Amerika gegen das Klischeekino aus Europa in Stellung bringt - über Superheldenfilme sagt sie, völlig richtig: „There’s no less truth here than in a supposedly more serious movie“-, wie sie die Blässe ihres Gesichts mit der Farbenfülle ihrer Ausdrucksmöglichkeiten zum Leuchten bringt und wie sie sich schließlich auf dem direktesten und wirkungsvollsten Weg aus dem Geschehen verabschiedet, als sie den ganzen mutterfixierten Projektions- und Übertragungszinnober nicht mehr nötig hat, der ihr bis dahin Instrument der Selbstfindung gegen die übermächtige Chefin war - auch dramaturgisch, nicht nur schauspielerisch ist ihr Verschwindetrick ein kleiner Geniestreich -, das alles schafft Eindruck, Respekt, Behagen. Und Zuneigung zur Figur wie zu deren Darstellerin.

          Die vorhandenen wie die ausgedachten Frauen

          Wäre in „Die Wolken von Sils Maria“ nichts weiter geboten als diese Rettung eines Talents aus der lauwarmen Suppe, in der es zuvor hat planschen müssen, die Sache hätte sich bereits gelohnt. Aber auch mit seinen eigenen Gaben wirtschaftet Olivier Assayas hier auf interessante Weise: Der naheliegenden Gefahr, sich als Regisseur, der ein paar fiktive Frauen auslegt wie ein Dramaturg ein Stück, in den feingesponnenen Fäden einer Sensibilität zu verheddern, die ein bisschen unlauter von der möglicherweise ja nicht ganz unerheblichen Kleinigkeit absieht, dass Assayas erstens keine Frau ist und dass die tatsächlich vorhandenen wie die ausgedachten Frauen in diesem Film zweitens für lauter an- und abwesende Männer arbeiten, entgeht die Inszenierung, indem sie ihre themenhalber eher randständigen Männer mit illusionslosem Blick immer gerade lange genug streift, um nicht in Vergessenheit geraten zu lassen, dass die emotionalen Qualen der gezeigten Frauen nicht im luftleeren Raum stattfinden, sondern auf einer von smarten Jungs und alten Hasen bereiteten Bühne.

          Lars Eidinger ist ein überzeugender smarter Junge, Hanns Zischler ein sehenswerter alter Hase, das geht alles prächtig auf, und wenn sich überhaupt etwas sträubt gegen die Eleganz der figuralen und thematischen Arrangements, die man hier erleben darf, dann ist es die kritische Ahnung, Assayas habe es diesmal noch mehr als in seinen bisherigen, auch nicht gerade naiven Arbeiten darauf angelegt, jeden denkbaren Einwand gegen den Film durch vorwegnehmende Erledigung abzufangen: Kurz bevor man den romantisierend-klassizistisch-lichtdurchlässigen Musikflor zu naheliegend finden kann, der das Ganze an strategischen Stellen untermalt, fangen die Figuren selbst an, genau darüber zu reden, und bevor man den aus schwersten Kelchen gegossenen Dunst- und Schwadenzauber des hohen Bergwetters als Schlaumeier-Zitat aus der deutschen paraexpressionistischen Filmtradition abtun kann, wird ein entsprechender Kurzfilm von Arnold Fanck zum expliziten Thema (oder Leitmotiv oder wie immer man das heute auf den zuständigen Hochschulen nennt).

          Frauenkonstellationen in Psychospiegeln, ausufernde Echos, Kunst und Welt, Liebe und Ehrgeiz, Herz und Ellenbogen, woran erinnert das alles? Richtig, „Die Wolken von Sils Maria“ ist Ingmar Bergmans „Persona“ für altkluge Halbwüchsige. Das bedeutet nichts Böses: Altkluge Halbwüchsige sind eine wichtige Existenzvoraussetzung der gesamtgesellschaftlichen Einübung neuer Lebenshaltungen oder Liebesformen, und bei dem, was Assayas da für sie veranstaltet, können sie sogar einiges lernen, etwa über die Verantwortung des ästhetischen Spiels für seinen ungeliebten Bruder, den Ernst des Lebens. Nebel, wenn er Kunst ist, trübt den Blick nicht, sondern schärft ihn.

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