https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/kino/oliver-stone-legt-den-dokumentarfilm-jfk-revisited-zur-ermordung-von-john-f-kennedy-nach-17648501.html

Doku-Film „JFK Revisited“ : Die Mutter aller Verschwörungstheorien

  • -Aktualisiert am

Oliver Stone nimmt das Format „Dokumentation“ sehr ernst. Bild: action press

Oliver Stone hat 1991 mit Kevin Costner einen der berühmtesten Filme über die Ermordung des US-Präsidenten John F. Kennedy gedreht. Jetzt legt er mit einem Dokumentarfilm nach.

          4 Min.

          Die Wahrheit über die Ermordung des amerikanischen Präsidenten John F. Kennedy am 22. November 1963 auf offener Straße in Dallas ist so etwas wie ein defekter Rubik-Würfel. Man kann endlos daran herumdrehen, ein stimmiges Gesamtbild wird sich nicht ergeben. Der Verlust eines progressiven Hoffnungsträgers in der Epoche des Kalten Kriegs ist von Unklarheiten umgeben, die nicht einmal von Oliver Stone vollständig aufgeklärt werden können, auch wenn der mit seinem neuen Dokumentarfilm „JFK Revisited: Die Wahrheit über den Mord an John F. Kennedy“ das Gegenteil behauptet.

          Schon mit seinem Spielfilm „JFK – Tatort Dallas“ (1991) hat er sich an den diversen Verschwörungstheorien abgearbeitet, die den Kennedy-Mord umgeben. Damals folgte er vor allem dem Staatsanwalt Jim Garrison, der Zweifel an der offiziellen Untersuchung durch die Warren-Kommission hegte. Verkörpert wurde Garrison im Spielfilm durch Kevin Costner, damals auf dem Höhepunkt seiner Strahlkraft. In Hollywood ist die Wahrheit eben immer auch eine Frage des Castings.

          Die Wahrheit ist ein Detailgewitter

          Nun rollt Stone alles noch einmal auf, wobei er in diesem Fall eher den väterlichen Moderator bei einem Film macht, der recht deutlich auf die neue Generation des Streaming-Publikums abzielt. Die Wahrheit ist ein Detailgewitter. Heutige Mediennutzer werden bei der Vielzahl von schnellen Schnitten, Perspektivwechseln und Zuspitzungen nicht nervös. Gleichwohl bleibt die Frage, ob Stone mit seinem kaleidoskopischen Argument eine plausible Gegenversion zu der offiziellen erreicht oder ob er einfach aus allen verfügbaren Rohren auf die Einzeltäterthese losfeuert. Ursprünglich sollte „JFK Revisited“ vier Stunden dauern, für bessere Konsumierbarkeit wurde er schließlich um die Hälfte gekürzt. Man kann davon ausgehen, dass die längere Version irgendwann auch noch in Umlauf gebracht wird, vermutlich entspricht sie auch besser dem obsessiven Interesse an Wahrheitspartikeln, aus dem sich ein Konsens kaum ermitteln lässt.

          Für die meisten Historiker wurde John F. Kennedy von Lee Harvey Oswald ermordet, der bald darauf von Jack Ruby erschossen wurde – oder zum Schweigen gebracht, wenn man es so sehen will. Die scheinbare Rache eines einfachen Staatsbürgers an einem anderen mochte auch auf unbefangene Beobachter wie eine mögliche Vertuschung wirken. Doch entscheidend bleibt nach wie vor, was sich einer forensischen Untersuchung erschließt. Und da wartet „JFK Revisited“ nun mit einer Vielzahl von Details und Stellungnahmen auf. Zuerst geht es um Projektile und Schussbahnen. Kennedy wurde im offenen Auto von hinten getroffen, wenn Oswald von dem Punkt aus geschossen hat, der später rekonstruiert wurde. Stone vertritt die Hypothese, dass der tödliche Schuss von vorn kam. Er versäumt es allerdings, dafür einen Ort namhaft und plausibel zu machen, von dem aus eine weitere Person gefeuert hätte. Man hat bei diesem Aspekt also die Wahl zwischen einem nachvollziehbaren Tatort mit allerdings kompliziert abgelenkten Projektilen und einer reinen Konjektur, die noch dazu nicht mit den Gebäudeprofilen in der Umgebung abgeglichen wird, während bei Oswald jede einzelne Etage seines mutmaßlichen Fluchtwegs eigens untersucht wird und Zeugen dazu aufgetrieben werden.

          Weitere Themen

          Geschichte in Person

          Thomas Sanderling 80 : Geschichte in Person

          Tiefe Zusammenhänge liebt er mehr als oberflächliche Details, als „Russlands herausragenden Deutschen“ hat man ihn gefeiert: Der Dirigent Thomas Sanderling wird achtzig Jahre alt.

          ARD und ZDF sollen nach vorn

          Was ist „Public Value“? : ARD und ZDF sollen nach vorn

          Prädikat wertvoll: Die Medienanstalten legen eine Liste zu Sendungen vor, die besonders zur Meinungsvielfalt beitragen. Und sie empfehlen, in welcher Reihenfolge die Sender etwa auf Smart-TVs erscheinen sollen.

          Topmeldungen

          Ein Wahllokal am Sonntag in Sofia

          Wahl in Bulgarien : Gewinnt diesmal Gazprom?

          Bulgarien hält die vierten Parlamentswahlen innerhalb von 18 Monaten ab. Dabei geht es auch um eine Richtungsentscheidung.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.