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Oliver Stone im Gespräch : Der Krieg gegen Drogen ist ein politischer Krieg

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„Die Linie zwischen Drogenkrieg und Terror ist längst verwischt“ - John Travolta und Regisseur Oliver Stone (rechts) bei den Dreharbeiten zu „Savages“ Bild: Universal

Warum sollte Marihuana legalisiert werden und weshalb ist das Filmemachen auch für einen Routinier kein Kinderspiel? Der Regisseur Oliver Stone nimmt sich Zeit für Erklärungen.

          Sieht so aus, als sei Oliver Stone mit seinen 66 Jahren doch noch nicht unterwegs in den Ruhestand, wie man nach „Wall Street 2“ schon mal denken konnte. Er hat noch die eine oder andere Patrone im Magazin, wenn er jetzt in „Savages“ ein paar alte visuelle Manierismen mit neuen Sujets und Gesichtern verbindet. Der Film beruht auf dem gleichnamigen, lässigen Roman von Don Winslow (im Deutschen heißt das Buch „Zeit des Zorns“), und er erzählt von zwei jungen Männern, die das beste Marihuana Südkaliforniens anbauen und verkaufen, die leben wie reich und dekadent gewordene Hippies und sich ohne Eifersüchteleien ein und dieselbe Frau teilen: Ophelia (Blake Lively), kurz O genannt. Ben (Aaron Johnson) ist der Studierte, Softere, Afghanistan-Veteran Chon (Taylor Kitsch) der Harte. Das Idyll der drei platzt, als ein großes mexikanisches Drogenkartell mit ins Geschäft will - und O entführt, als Ben und Chon sich weigern.

          Mehr muss über den Plot nicht verraten werden, es gibt etliche Windungen, zwei verschiedene Schlusssequenzen, ein paar gezielte Camp-Auftritte von Benicio del Toro (als schmieriger Oberschurke) und Salma Hayek (als verwitwete Kartellchefin). Stone wechselt die Farbpaletten und Formate, schwelgt mal in der Landschaft, um dann wieder grobkörnige Grausamkeiten zu zeigen - aber nichts davon wirkt nervig, alles ist hochgradig unterhaltsam und ideologisch entspannt.

          Wie konnte ein Film wie „Savages“ überhaupt zustande kommen, mit dieser für Durchschnittsamerikaner moralisch zweifelhaften Haltung zu Drogen und Sex? War es schwer, den Film zu finanzieren?

          Ja, sehr. Ich habe die Rechte an dem Buch selber gekauft, ich mochte die frische, klare Prosa von Don Winslow und sah einen Film darin, wie es ihn noch nicht gegeben hat. Sechs interessante Charaktere, Humor und natürlich mehr Sex, Gewalt und Drogen, als es den meisten Studios passt. Die Vermarktungschancen sind begrenzt, man kann einen solchen Film nicht überallhin verkaufen, und in Amerika gibt es auch viele Leute, die so etwas ablehnen. Wir haben dann in Ruhe das Drehbuch entwickelt, als es fertig war, haben wir damit die Runde gemacht, und nur Universal war bereit.

          Don Winslow, dessen Buch Sie verfilmt haben, hat schon vor Jahren gesagt, der sogenannte „War on Drugs“ sei der am längsten andauernde Krieg, den die Amerikaner führen, seit 1973 nämlich, und er habe Milliarden gekostet.

          Wenn Milliarden mal reichen. Nixon hat diesen Krieg begonnen, das ging total nach hinten los, es gibt seither mehr Drogen, mehr Gewalt, auch bessere Drogen, und obendrein zirkuliert so viel Geld, dass niemand mehr aus diesem Kreislauf aussteigen kann, weil niemand auf einen solchen Haufen Geld verzichten will. Die Behörde zur Drogenbekämpfung, die D.E.A., hat, gemessen an diesen Summen, ein Budget, das einfach nur lächerlich ist. Das Gefängnissystem in unserem Land ist exponentiell gewachsen in dieser Zeit, die Zahl der wegen Drogendelikten Einsitzenden ist gewaltig, und dieser Drogenkrieg erzeugt ständig seinen eigenen Nachwuchs, mit sehr jungen Menschen, die rekrutiert werden. Die ganze Sache ist wirklich grausam nach hinten losgegangen. Und ganz nebenbei haben wir auch Mexiko ruiniert.

          Der Krieg gegen Drogen ist ein politischer Krieg, wie Noam Chomsky schon immer gesagt hat. Wir schicken unsere Leute in die Länder, intervenieren, spionieren, mischen uns ein, richten ein halbes Dutzend Militärbasen in Kolumbien ein. Die Linie zwischen Krieg und Terror ist längst verwischt. Und es gab einen großen historischen Moment, den wir verpasst haben, als Gorbatschow wirklich Frieden wollte, als die Mauer fiel. Ja, ja, haben unsere Politiker gesagt, um dann schnell noch in Panama einzumarschieren, sie hatten Angst, die Friedensdividende wäre nicht groß genug.

          Taylor Kitsch, Blake Lively und Aaron Taylor-Johnson (v. l.) in „Savages“

          Gab es bei Ihrem Film eigentlich eine bestimmte Casting-Strategie? Die ganz Bösen werden von Stars gespielt, John Travolta, Benicio del Toro, Salma Hayek, die auch nicht ganz so Guten, aber Sympathischen von jungen Darstellern?

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