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Oliver Geissen : Der Alles-Moderator

  • -Aktualisiert am

Experte in Sachen DDR: Oliver Geissen Bild: RTL

Überall, wo man auch hinschaut, moderiert schon Oliver Geissen. Die Allzweckwaffe von RTL kämpft mit dem Ruf, jede Moderation anzunehmen. Doch die Tage seiner Omnipräsenz könnten gezählt sein, wenn wieder Charakterköpfe gefragt sind.

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          „Stellen Sie sich mal vor“, sagt ein nicht ganz unwichtiger deutscher Fernsehmensch, „man fände morgen bei Oliver Geissen Drogen.“ Stellen wir uns das mal vor: RTL könnte einpacken, fast. Kein täglicher „Oliver Geissen“-Talk mehr. Keine „DDR-Show“. Keine „80er“-, „90er“-, „20 Jahre RTL“- Show. Keine „Ultimative Chart-Show“, keine „10er Show“. Keine Großereignisse mit Michael Jackson oder Madonna. Keine Echo-Verleihung. Ganz zu schweigen von den vermutlich drei Dutzend noch geheimen Sendekonzepten für Geissen.

          Warum bitte darf ein einzelner 34jähriger Mensch das ganze Fernsehprogramm zumoderieren? „Er hat die Fähigkeit, sich verschiedensten Themen sehr unbefangen und natürlich zu nähern“, sagt RTL-Unterhaltungschef Tom Sänger. „Durch seine daily Talk-Show hat er bei seinen Zuschauern ein hohes Maß an Glaubwürdigkeit und viel Erfahrung in den unterschiedlichsten Gesprächssituationen.“ Ute Biernat, Geschäftsführerin des RTL-Produktionsriesen Grundy Light Entertainment, sagt: „Er ist eine echte Allzweckwaffe. Er ist total charmant, jungenhaft, kann sehr verschmitzt nachfragen und ist total authentisch.“

          Schnoddriger Geissen

          Ah: „authentisch“! Mit dem Wort beschreiben Fernsehleute, daß sich jemand vor Kameras so verhalten kann, als stünde er nicht in einem Studio, sondern in unserem Wohnzimmer. So gesehen kann ein Moderator nicht authentischer als Geissen sein: In Wörterbüchern wird einmal unter „schnoddrig“ stehen: „----> Geissen, Oliver“. Er tritt nicht auf, sondern schlurft auf die Bühne. Dann legt er die Stirn in Dackelfalten, sagt „Mädels“ zu seinen weiblichen Gästen, und sie sagen „Olli“ zu ihm.

          Experte in Sachen 80er: Oliver Geissen

          Geissen ist gleichzeitig beiläufig und präsent. Das macht ihm keiner nach. Seine „DDR-Show“ am Mittwoch begann mit Frau Brosin. Sie ist am 7. Oktober 1949 geboren. Das ist der Tag, an dem die DDR gegründet wurde. „Hat man irgendwelche Privilegien gehabt deshalb“, fragt Geissen. „Nö, eigentlich nicht“, antwortet sie. „Nö, ne?“ lacht er. Es folgt Sarah Klier. Sie ist das letzte Baby, das in der DDR geboren wurde. „Wie denkst du im nachhinein über die DDR?“ fragt er die Zwölfjährige. „Ich kenn's ja nur vom Hörensagen.“ - „Trotzdem macht man sich ja als junger Mensch vielleicht ein Bild und sagt so: Ich bin froh, daß ich in der Zeit geboren bin, nicht zehn Jahre früher, oder sagt: Ich hätte mir das schon gern angeguckt, wie meine Eltern aufgewachsen sind.“ - „Jo, das schon.“ - „Ja?“

          Schmerzfreie Moderation

          Solche Sachen kann man nur den Olli moderieren lassen. Jeder andere würde entweder Wichtigkeit ausstrahlen oder Unsicherheit. Beides machte so einen Ultra-Small-talk unerträglich. Geissen zeigt mit jeder Geste, daß das alles nicht so wichtig ist, aber selbstverständlich, natürlich, gemütlich. Seine Moderationen sind schmerzfrei, weil sie einen fast vergessen lassen, wie unfaßbar belanglos das ist: Die Frau, die so alt ist wie die DDR? Sein Talent, mit den Menschen unaufgeregt über Unaufregendes zu plaudern, macht ihn zum perfekten Moderator für unsere Zeit.

          Reicht das, um so erfolgreich zu werden? Es gibt noch eine andere Erklärung: Wann immer ein Moderator für eine neue Sendung gesucht wird, denkt RTL, am besten wäre Günther Jauch. Jauch würde auch gerne alles moderieren, weiß aber, daß sogar er das nicht schafft. Dann sagt er: Moderation geht nicht, aber produzieren tu ich's gerne für euch, ich hätte da auch einen Moderator: den Olli. RTL gibt ihm dann den Auftrag, weil niemand so wichtig ist für den Sender wie Günther Jauch.

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