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Obdachlosenfilm im Kino : Zuflucht und Widerstand

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Sie haben andere Probleme als die Gelbwesten: Die obdachlosen Frauen in Louis-Julien Petits „Der Glanz der Unsichtbaren“ Bild: Piffl Medien

Obdachlose Frauen wehren sich mit offensiver Aufrichtigkeit: Louis-Julien Petit erzählt in „Der Glanz der Unsichtbaren“ eine Geschichte der Ermächtigung.

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          „Ich kann Dinge reparieren“, sagt Chantal, eine Frau, die auf dem Arbeitsmarkt nicht mehr die besten Aussichten hat. Sie hat viele Jahre auf der Straße gelebt, davor war sie im Gefängnis. Und auf diese Tatsache legt sie auch großen Wert, wenn sie wieder einmal ein Bewerbungsgespräch hat. Chantal will nichts verheimlichen. Zwar kann man es als eine Form von Notwehr deuten, dass sie ihren Ehemann getötet hat. Aber ihr Leben ist nun einmal von diesen Ereignissen bestimmt, und so will sie einem möglichen Arbeitgeber gegenüber nicht so tun, als wäre bei ihr alles ganz in Ordnung.

          Die offensive Aufrichtigkeit von Chantal ist nur eines von vielen Hindernissen, die sich in dem Film „Der Glanz der Unsichtbaren“ von Louis-Julien Petit auftürmen. Alle Frauen in dieser Geschichte haben so ihre Probleme. Sie sind alle Klientinnen einer Tagesbetreuungsstelle für Obdachlose in einer nordfranzösischen Stadt. „L’envol“ ist nur für Frauen zugänglich. Abends müssen sie wieder los, aber sie haben sich an diesen Ort gewöhnt, denn er bietet ihnen neben praktischen Hilfestellungen auch eine Zuflucht vor dem anderen Geschlecht. In der vergleichsweise noblen Herberge, die der Staat neu eingerichtet hat, haben Männer und Frauen Zutritt. Und das ist für viele Frauen ein Grund, dort nicht hinzugehen. Denn sie haben so ihre Erfahrungen gemacht. Auf der Straße, in den Welten der „Unsichtbaren“, sind sie vielfach tatsächlich das schwächere Geschlecht.

          Eine Erzählung von Ermächtigung

          Louis-Julien Petit hat einen Spielfilm gemacht, der aber stark dokumentarisch geprägt ist. Seine Kollegin Claire Lajeunie hat mit einem Buch („Sur la route des invisibles“) und einem Film über weibliche Obdachlose in Frankreich die Grundlage geschaffen, die nun in Form einer in Ansätzen fiktionalen Geschichte einem größeren Publikum erschlossen wird. Wo das französische Kino – zum Beispiel mit den Institutionenporträts von Raymond Depardon – sonst gern einen neutralen Blick einnimmt und geduldig die Prozeduren in einer verwalteten Gesellschaft registriert, hat Petit etwas anderes im Sinn: eine im besten Sinn populäre Erzählung von Ermächtigung.

          Für den Plot braucht es nur ein paar wesentliche Ereignisse: Das „L’envol“ soll geschlossen werden, weil es nun eine bessere Institution gibt. Die hat aber den Nachteil, dass sie an einem ungünstigen Ort liegt, und bei einer Besichtigung sieht man deutlich, dass sich der Sozialstaat da wieder einmal von seiner technokratischen Seite zeigt. Im Vergleich ist das „L’envol“ eine kleine, pragmatische Angelegenheit, die von den Frauen gut angenommen wird. Die Sozialarbeiterinnen dort haben auch alle ihre eigenen Probleme, es gibt vergleichsweise wenig professionellen Abstand. Und so beginnen die „Unsichtbaren“ zu improvisieren.

          „Les Invisibles“ heißt der Film im Original, womit die zentrale Dialektik deutlich benannt ist. Louis-Julien Petit macht Frauen sichtbar, die auf der Straße alles tun, um nicht aufzufallen – sobald sie aber einen Ort haben, an dem sie sich sicher fühlen, werden sie zu Individuen, an denen sich der Film kaum sattsehen kann. Sie werden auf ihre eigene Weise zu Stars, und sie betonen das auch noch, indem sie sich glamouröse Pseudonyme zulegen: Salma Hayek, Beyoncé oder, eine besonders hübsche Pointe, Brigitte Macron. Der Name der Präsidentengattin soll allerdings keineswegs auf die sozialen Konflikte in Frankreich in den letzten Monaten verweisen, in denen Emmanuel Macron erst lernen musste, sich als empathisch zu zeigen.

          Die Frauen, die hier auftreten und die zum Teil im weiteren Sinn „sich selbst“ spielen, haben andere Probleme, als sie bei den Demonstrationen der Gelbwesten aufs Tapet kamen. Sie sind ja überhaupt vielfach erst in Schwierigkeiten gekommen, weil sie ihre Probleme in der Unsichtbarkeit der privaten Lebensverhältnisse hatten oder weil sie Wohnungen verlassen mussten, in denen sie Missbrauch und Gewalt erlebten. Die Spuren ihres harten Lebens tragen sie alle im Gesicht und auf den Körpern. Sie werden damit aber eben auch zu sehenswerten Figuren. Es bedarf nur dieses Umsprungs, der viel mit den Geheimnissen des Fotografischen zu tun hat: Es entdeckt Schönheit ja immer „auf den zweiten Blick“, mit der technischen Distanz, die dem Medium eignet, und den Potentialen der Überhöhung, die damit einhergehen.

          Es hat dann beinahe etwas von einer populären Bewegung, wie sich die Frauen in ihren neuen Rollen selbst organisieren. Louis-Julien Petit bedient sich hier deutlich bei Erfolgsformeln, die das Arthouse-Kino entwickelt hat: Da gab es ja schon alle möglichen Geschichten von unwahrscheinlichen Gruppen, die sich zu merkwürdigen Tätigkeiten zusammenfinden, von männlichen Strippern oder Synchronschwimmern bis zu Senioren, die ganz einfach wieder in eine WG ziehen, um gemeinsam mehr zu erleben. Bei Petit ist die Formel aber zugleich eine Pointe: Denn der Glanz, den die Unsichtbaren entwickeln, geht gerade einmal so weit, dass sie als Individuen überhaupt erst wieder für sich selbst wahrnehmbar werden. Die Exzentrik, auf die das Genre üblicherweise als Befreiungsziel abhebt, ist hier die Voraussetzung: Die „Invisibles“ wurden aus der Mitte „exzentriert“ und machen nun erste Schritte zurück, indem sie sich ironisch die Identitäten von Menschen aneignen, die im Zentrum der Aufmerksamkeit stehen. „Der Glanz der Unsichtbaren“ zeigt so eine verkehrte Welt, die sich zumindest an manchen Stellen noch reparieren lässt.

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