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Nuri Bilge Ceylans neuer Film : Über ihr Leben ist bereits entschieden

  • -Aktualisiert am

Die Bildperspektive ist weit, aber die Situation intim: Die Szenenführung in „The Wild Pear Tree“ überbrückt in Bild und Ton existentielle Abgründe. Bild: Morteza Atabaki

Nuri Bilge Ceylan, der wichtigste lebende Filmregisseur der Türkei, gehört zu den bedeutendsten Filmemachern der Welt. „The Wild Pear Tree“ ist sein persönlichstes Werk.

          3 Min.

          Sinan Karasu hat ein Buch geschrieben. Nun rechnet er. Mit 2000 Lira könnte er 500 Exemplare drucken lassen. Doch wer will für etwas aufkommen, das sich schwer einordnen lässt? In den englischen Untertiteln zu Nuri Bilge Ceylans Film „The Wild Pear Tree“ ist von „intimate expressions“ die Rede. Mit einem neuerdings geläufiger gewordenen Wort könnte man wohl auch von Autofiktion sprechen. Oder einfach von Beobachtungen eines jungen Mannes, der gerade mit dem Studium fertig geworden ist und der nun den nächsten Schritt ins Leben machen soll: Ein Examen steht noch an, dann könnte er Lehrer werden. Wenn er es vermasselt, dann muss er zum Militär. Beides nicht unbedingt der Traum eines angehenden Schriftstellers.

          Seine Heimatstadt Çan in der westlichen Türkei zeigt beide Facetten: Der Rauch von Industrieanlagen nebelt alles ein, man muss aber nur ein wenig an die Ränder gehen und findet eine prächtige, herbstliche Landschaft, durch die sanft der Wind geht. Schnöde Notwendigkeit und Poesie liegen nahe beisammen.

          Sinan ist der sensible, aber auch ein bisschen unbeholfene Erkunder, der in den letzten Ferien vor dem Ernst des Lebens die Welt seiner Herkunft noch einmal so richtig kennenlernt. Es sind zugleich die Umstände des ganzen Landes. Die Stadt Çan ist ein Mikrokosmos der Türkei, die zeitlichen und geographischen Erstreckungen sind jederzeit präsent. Das beginnt schon in der Szene, in der Sinan beim Bürgermeister wegen einer Subvention für den Druck seines Buches vorstellig wird. Es ist eine von mehreren langen Dialogszenen in „The Wild Pear Tree“, in der es auf jede Nuance, jedes Wort ankommt, natürlich in den Grenzen einer Untertitelung, die leider nur das Notwendigste vom anzunehmenden Reichtum der Sprache und der Anklänge vermitteln kann. Bei dem „wilden Birnbaum“, auf den sowohl der Titel des Films wie auch der von Sinans Buch verweist, denkt der Bürgermeister an einen Ort weit im Osten, am Vansee. Sinan aber meint tatsächlich den Baum, ein Dingsymbol für eine bestimmte Haltung dem Leben gegenüber und für eine Aufmerksamkeit auf Dinge, die oft übersehen werden. In den Osten würde man Sinan auch als Lehrer schicken, er wäre dann ein Pionier der Moderne.

          Das Pathos der Fremdbestimmung auflösen

          In der Küstenstadt Çanakkale, wo er studiert hat, sieht man ihn einmal in einer großen Buchhandlung mit vielen Metern Regalen. Als er bei seiner Familie ankommt, stellt er fest, dass seine Mutter sein eigenes, ohnehin bescheidenes Regal leergeräumt hat. Die Bücher sind in Kisten, Sinan muss sie erst wieder auspacken. In den Augen der Mutter gibt er sich mit unwesentlichen Dingen ab. Die Familie hat es allerdings auch schwer, denn der Vater, ein Lehrer, bringt das ganze Geld mit Pferdewetten durch. Es bedarf nur weniger Momente, um die Verhältnisse in dieser Familie anzudeuten: vier Menschen in einem Raum, ein paar Gesten, ein Witz, ein Tonfall, und schon meint man, die Karasus zu kennen. Das ist aber nur die Grundlage für eine Erzählung, in der wir auch dazu angehalten werden, ständig unsere Vorurteile zu überprüfen. Der Vater ist zweifellos ein schwieriger Charakter. Aber er hat auch etwas Anarchisches. Der Brunnen, den er auf dem Grundstück von Sinans Großvater graben will, entspricht dem Stein des Sisyphos. Aber kann man sich Sinans Vater als einen glücklichen Menschen vorstellen?

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