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„Novemberkind“ im Kino : Konstanz, dich muss ich lassen

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Nicht alles Getrennte findet einander wieder: In dem deutsch-deutschen Familiendrama „Novemberkind“ glänzet Anna Maria Mühe in der Doppelrolle einer jungen Frau, die aus fremdbestimmter Unmündigkeit aufbricht.

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          Schon auf der antiken Bühne bildete die Wiedererkennung unter Verwandten ein großes, rührendes Moment, auch wenn da, wie im „Ödipus“ des Sophokles, nichts mehr ungeschehen zu machen war. So auch in Christian Schwochows deutsch-deutschem Familiendrama „Novemberkind“: Als Inga, die im mecklenburgischen Malchow bei den Großeltern aufwuchs, mit gut zwanzig Jahren in Konstanz zum ersten Mal ihrem Vater gegenübertritt, überkommt beide eine völlige Erstarrung. Versöhnung steht nicht ins Haus, zu groß ist die Enttäuschung der Tochter, dass der Vater sie nie gesucht hat, und ebenso groß dessen Furcht vor Anklage und Forderungen.

          Christian Schwochow, der von der Insel Rügen stammt und später in Hannover aufwuchs, ein Mann mit halb ostdeutscher, halb westdeutscher Sozialisation, wie er selbst sagt, zeigt in seinem an der Filmakademie Baden-Württemberg entstandenen Abschlussfilm Menschen, die von der deutschen Teilung geschlagen sind. Sie sinken einander nicht, wie in manchen für Jahrestage produzierten Fernsehstücken, glücklich in die Arme, als hätte mit dem Fall der Mauer alle Not ein Ende, sondern schleppen die Erinnerung an Verrat und Schuld als schwere Last mit sich weiter.

          Zum Vergessen verdammt

          Die von Christian und Heide Schwochow, Sohn und Mutter, erfundene Fabel vom „Vergessen“ eines Kindes im Osten birgt mehrere hochdramatische Momente: Weil Anne, Ingas Mutter, den desertierten, von ihr versteckten und geliebten russischen Soldaten Jurij in Sicherheit bringen musste, durfte sie die von ihrem Freund Alexander, der auch Ingas Vater ist, eingefädelte Flucht nicht durch Mitnahme der erkrankten kleinen Tochter gefährden. Das Kind, noch ein Baby, blieb bei den Großeltern am Ort, die die „Republikflüchtige“ kurzerhand für tot erklärten. Ihren Jurij hatte Anne schnell zu vergessen, aber auch das eigene Kind. In der Seele gebrochen, landete sie in der Psychiatrie, wo sie sich zwei Jahre nach der Wende das Leben nahm.

          Aus der gefühlsgeladenen Geschichte hätte sich ein erschütterndes Rührstück machen lassen. Doch Schwochow erzählt diskontinuierlich und bissig. Nach der etwas vordergründig geratenen Eingangsszene, die an die Fahndung nach dem entflohenen Soldaten erinnert, findet der Film in fast beschaulichen Bildern aus dem heruntergekommenen Malchow der Gegenwart und der zum Bade ladenden Seenlandschaft seinen eigentlichen Beginn. In diese genügsame Welt, wo Inga (Anna Maria Mühe) tagsüber die Bibliothek verwaltet und abends mit den Großeltern (Christine Schorn und Hermann Beyer, zwei bedeutende Darsteller der Defa als verhärmte Wendeverlierer) Karten spielt, schneit eines Tages ein „Professor für kreatives Schreiben“ aus Konstanz, Robert (Ulrich Matthes), herein. Ingas Mutter saß einmal in seinem Kurs und hinterließ einen verräterischen Satz, der ihn zur nicht ganz selbstlosen Nachforschung antreibt.

          Die Lebenslüge fliegt auf

          Das bringt den Stein ins Rollen. Die Lebenslüge der Großeltern, die von Reue nichts wissen wollen, fliegt auf. Mit Roberts Hilfe stöbert Inga den unter erbärmlichen Umständen in Stuttgart gealterten Jurij (Jevgenij Sitochin) auf und schließlich in Konstanz den erschrockenen Vater (Thorsten Merten). Am Ende ist der Professor selbst ein wenig lebensklüger geworden, wollte er doch in Wahrheit gar nicht helfen, sondern Stoff für einen Erfolg versprechenden Roman sammeln. Die Nebengeschichte wirft ein bezeichnendes Licht aufs westliche Interesse an Leidensgeschichten aus der DDR.

          „Novemberkind“ ist wohl noch kein großer Film geworden. Dazu zerfasert er die Geschichte zu sehr, ist unsicher in der Verteilung der Gewichte und schleppt Nebenfiguren mit, die nur als Stichwortgeber dienen. Aber in seinen wichtigen Szenen berührt er sehr: das kurze deutsch-russische Glück der jungen, ebenfalls von Anna Maria Mühe verkörperten Anne, das Zusammentreffen von Inga und Jurij in einem als Wohnstatt dienenden Waggon und schließlich das lauernde Schweigen im weißen Behandlungszimmer von Ingas wohlsituiertem Vater, der freilich auch an einer Bürde trägt.

          Ulrich Matthes in der Rolle des doppelgesichtigen Intellektuellen, der auch dieses Mal keinen Karrieresprung machen wird, ist nach seinen Rollen in historischen Arbeiten ein großer Gewinn für den jungen deutschen Film. Vor allem aber wurde „Novemberkind“ zum wohlverdienten Triumph für Anna Maria Mühe in der Doppelrolle einer jungen Frau, die aus fremdbestimmter Unmündigkeit aufbricht. Erst der Nachgeborenen kann der Schritt in die Freiheit gelingen, und auch dies bleibt lediglich eine Hoffnung, die sich auf Ingas Gesicht ausmalt, wenn sie Malchow den Rücken kehrt und dem Tagebuch der Mutter die erste eigene Seite hinzufügt.

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