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Nora von Waldstätten im Porträt : Man lässt es einfach simmern

Wandlungen einer Schauspielerin: Nora von Waldstätten als vom Leben gelangweilte Ehefrau in dem Geschwisterdrama „Oktober November“ Bild: Coop 99/ Spielmann Film

Nora von Waldstätten hat das Zeug zum Star. Hat sie auch die passenden Rollen? In Götz Spielmanns Familiendrama „Oktober November“ spielt sie eine von Sehnsüchten geplagte Frau. Eine Begegnung in Berlin.

          4 Min.

          Schwarz und zurückgebunden? Oder eine Bob-Frisur in brünett? Weder noch. Blond und offen. Nora von Waldstätten betritt das Café in Berlin-Mitte nicht mit der Frisur aus der „Spiegel-Affäre“, wo sie Rudolf Augsteins dritte Ehefrau Frau Maria Carlsson spielte und eine Perücke trug; auch nicht so streng wie in Götz Spielmanns Film „Oktober November“, über den wir uns unterhalten wollen. Es habe ihr einfach gefallen, sich eine neue Haarfarbe zuzulegen, und als wir später darüber sprechen, ob es mit der Zeit nicht ein wenig lästig sei, wenn man dann doch ziemlich häufig in der Öffentlichkeit erkannt werde, da wickelt sie sich spielerisch eine blonde Strähne um einen Finger und sagt: „Man kann auch etwas dafür tun, dass es nicht soweit kommt. Im Moment erkennt mich keiner.“

          Peter Körte

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Stimmt nicht so ganz, allein schon wegen ihrer leicht schräg stehenden Augen ist sie unverkennbar – und wäre sicher noch ganz anders, wenn das Kino in Deutschland noch die Kraft besäße, jemanden zum Star zu machen. Nora von Waldstätten ist 32, sie hatte in der „Tatort“-Folge „Herz aus Eis“ 2008 einen ersten großen Auftritt als skrupellose Schülerin, sie hat in kleineren, interessanten deutschen Arthouse-Filmen gespielt und dann 2010 die Terroristin Magdalena Kopp in „Carlos – Der Schakal“ von Olivier Assayas. Diese Arbeit, sagt sie, habe vieles verändert, sie sei ein „unglaubliches Abenteuer“ gewesen. Das Vertrauen, das Assayas seinen Darstellern entgegenbringe, lasse einen „über sich hinauswachsen“.

          Und als sie auf einmal in Cannes saß bei der Pressekonferenz, mitten im internationalen Geschäft, da kam bald auch das Angebot einer Produzentin, die Gwenda in „Tore der Welt“ zu spielen. Ob das denn nicht eher zwei Welten seien, die durchformatierte Bestseller-Adaption fürs Fernsehen und der politische, ambitionierte, ästhetisch avancierte Film? Nora von Waldstätten, deren viele Vornamen und adlige Herkunft man jetzt nicht noch mal groß betonen muss, ist so höflich, diese Frage weiträumig zu umgehen, indem sie von der jeweiligen Herausforderung redet, eine Magd im Mittelalter und eine Terroristin im 20. Jahrhundert zu verkörpern. Da sitzt man dann mit seinem Kritikerblick. Neustart. Kritiken liest sie praktisch gar nicht, sagt sie, manchmal werde ihr aber etwas zugetragen. Ich erspare ihr und mir dann auch die Frage, ob es sein könnte, dass man als Schauspieler manchmal aus den falschen Gründen gelobt wird, weil Kritiker oft eine Schaupielerleistung gar nicht angemessen beurteilen können – und weil Schauspieler für Schmeicheleien nicht ganz unanfällig sein sollen.

          Als Augsteins Ehefrau in „Die Spiegel-Affäre“

          Wir bewegen uns dann auf weniger rutschiges Gelände. Götz Spielmanns Film „Oktober November“. Nora von Waldstätten und Ursula Strauss spielen die Schwestern Sonja und Verena. Die eine erfolgreiche Fernsehschauspielerin in Berlin, aber mit ihrem Leben und ihren Beziehungen unzufrieden; die andere daheim geblieben und auch nicht zufrieden, verheiratet, der Ehemann gutartig und unscheinbar, ein Sohn, und der Vater (Peter Simonischek) ist auch noch da. Der Gasthof in den österreichischen Alpen ist längst außer Betrieb. Und Verena hat ein Verhältnis mit dem Arzt (Sebastian Koch). Als der Vater einen Herzinfarkt erleidet, kommt Sonja aus Berlin.

          Aus dieser Konstellation entwickelt sich dann die weitere Handlung, die Chronik eines absehbaren Todes: langsam, ohne langweilig zu sein, dramaturgisch genau kalkuliert, mit klarem Blick für die verschiedenen Beziehungsachsen und wenig Plot, auch wenn am Ende noch ein Geheimnis aufgedeckt wird. Weniger dramatisch als „Revanche“, jener Film, für den Götz Spielmann 2009 beinahe einen Oscar bekommen hätte, aber auch diesmal mit viel Aufmerksamkeit für die Charaktere, ihre alten Taumata und schwelenden Konflikte – und mit zwei deutlich schärfer konturierten Frauenrollen.

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