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Tom Fords „Nocturnal Animals“ : Wächsernes Leben, blutiges Buch

Hart und Gnadenlos ist der Alltag des gehobenen Kunsthandels: Susan (Amy Adams) versinkt in Fluchtphantasien. Bild: © Focus Features, LLC.

Bilder fürs Schaufenster: „Nocturnal Animals“, der zweite Film des Modemachers Tom Ford, zeigt eine Galeristin bei der Lektüre des Romans ihres Exmannes. Leben passiert nur in der Phantasie.

          Hässlich? Schön? Abseitig jedenfalls. Unsagbar fette Burlesque-Tänzerinnen, spärlich bedeckt von Cheerleader-Uniförmchen mit weißen Cowboystiefeln und Hütchen auf dem Kopf, tanzen, wiegen sich, zeigen sich uns in all ihrer Wabbeligkeit, während der lange Vorspann läuft. Der Vorspann zum zweiten Film des Modemachers Tom Ford, dessen Blick auf diese Frauen, den er nie abwendet, hat etwas Obszönes. Die Dicken sind Teil einer Kunstinstallation, wie wir bald sehen werden, angestarrt von dünnen, eleganten Menschen in Los Angeles, ihrerseits lächerlich und tot.

          Verena Lueken

          Redakteurin im Feuilleton.

          Amy Adams spielt die Galeristin Susan, die diese Kunst ausstellt, und ihre Frisur sieht so aus wie der ganze Film - geglättet zu einer wächsernen Fläche, an der alles abperlt. Obwohl doch innen in ihr etwas schreit: „Ich will hier raus.“

          Eine blutige Entführungsgeschichte

          Das Mitleid mit dem Leben dieser Frau, das sich jenseits der Galerie in einem Glashaus hinter hohen Mauern mit ein paar Leuten Personal abspielt, hält sich in Grenzen. Wenn sie sich verletzt, ist es nicht mehr als ein Schnitt an einem Papierumschlag. In dem allerdings steckt Explosives: der Roman ihres Exmannes! Er ist ihr gewidmet und heißt so, wie er sie nannte: „Nocturnal Animals“.

          Sobald Susan zu lesen beginnt, fängt ein zweiter Film an, der Film zum Buch im Film: eine blutige Entführungsgeschichte in Texas, in der Jake Gyllenhaal, der auch den Exmann spielt, als Familienvater von einer Bande von Autobahnrandalierern degradiert, gedemütigt und ausgetrickst wird. Seine Frau, seine Tochter müssen dafür bezahlen.

          Zum Verzweifeln

          Im Gegensatz zur Welt von Susan, in der erstaunlicherweise auch nicht alles so ist, wie es scheint, ist die Welt des Romans dreckig, genregesättigt, ländlich und offen brutal. Aber auch hier geht die Sonne glutrot über Texas unter, auch hier ist der Sheriff (Michael Shannon) ein Mann aus dem Kino und Aaron Taylor-Johnson als Böser ebenfalls. Kein Leben, nirgends, dafür eine Aneinanderreihung von Bildern fürs Schaufenster, ausgelöst von einem Konflikt, wenn man es denn so nennen will, der einen zum Gähnen bringt.

          Eine Rachegeschichte also? Ja. Aber nur eine Phantasie; das Blut fließt, wenn man vom Schnitt im Finger absieht, nur im Buch. Die dicken Frauen helfen auch nicht weiter. Sie treten später noch einmal auf, aber auch da bleibt unklar, warum. Susan wollte ein besseres Leben. Was sie bekommen hat? Eine Jeff-Koons-Figur im Garten – wenn das nicht zum Verzweifeln ist!?

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