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Kino: „Gefühlt Mitte Zwanzig“ : Der Virtuose des Krisenkinos strauchelt

Hilfe, wir singen: In „Gefühlt Mitte Zwanzig“ verschlägt es Naomi Watts in einen Eltern-Kind-Spielkurs. Bild: SquareOne/Universum

Bisher beantworteten Filme von Noah Baumbach immer die Frage, wohin sich das amerikanischen Independentkino als Ganzes bewegt. „Gefühlt Mitte zwanzig“, des Regisseurs jüngster Streich, tritt nunmehr unentschieden auf der Stelle.

          Nach zwei Dritteln der Geschichte erfährt Josh Srebnick, dass er Arthritis im Knie hat. „Arthritis-Arthritis?“ - „Ja“, antwortet Joshs Arzt. „Aber ich sage es immer nur einmal.“ Du musst es dreimal sagen, könnte Josh jetzt entgegnen, so wie Mephistopheles im „Faust“. Doch es würde nichts nützen. Denn das, was er nicht hereinlassen will in sein Leben, auch beim dritten Anklopfen nicht, ist längst da. Es ist das Alter, das Gespenst des Verfalls, der Geruch der Jahre, die vergingen.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Josh, der Held des Films „Gefühlt Mitte zwanzig“, ist real Mitte vierzig, so wie Noah Baumbach, sein Regisseur. Cornelia, Joshs Frau, ist nicht viel jünger. Vor Jahren haben sich die beiden ein Kind gewünscht, aber es hat nicht geklappt. Als die Geschichte beginnt, hüten sie das Baby ihrer Freunde. Ansonsten hüten sie ihre Erinnerungen: Rom, das ist acht Jahre her, der letzte Sex nicht ganz so lange. Früher lief bei solchen Paaren der Fernseher im Bett, heute sind es die Tablets, auf denen jeder seinen eigenen Stream schaut. Die Krise ist da, aber sie tritt nicht ins Schlafzimmer. Sie wartet, bis jemand ihr aufmacht. Und das muss ein Außenstehender sein, einer, der nicht weiß, dass es Scherben gibt, wenn er an das Glashaus rührt, in dem die Srebnicks leben.

          Ayahuasca gegen schlechte Gefühle

          Noah Baumbach ist ein Virtuose des Krisenkinos. In „Der Tintenfisch und der Wal“, dem Film, mit dem er über Amerika hinaus bekannt wurde, hat er von einer kriselnden Ehe erzählt, in „Greenberg“ von einem Musiker in der Schaffenskrise, zuletzt, in „Frances Ha“, von einer erfolglosen jungen Choreografin. Dabei steckte in jeder der Geschichten auch ein Stück von Baumbach selbst, sei es die Trennung seiner Eltern, die frühe Karriere seiner Partnerin, der Schauspielerin Greta Gerwig, oder seine eigenen Erlebnisse in Hollywood. Auch die Arbeit an „Gefühlt Mitte zwanzig“, sagt Baumbach, habe mit der Erfahrung begonnen, dass er auf einmal nicht mehr auf jeder Party der Jüngste war. Neue Wunderkinder waren nachgerückt. Das klingt nach einer denkbar untauglichen Grundidee für eine Komödie. Aber der Film macht das Allerbeste daraus, bis zu dem Punkt, an dem er sich plötzlich selbst im Weg steht.

          Eines Tages wird Josh, der eine Vorlesung über Filmgeschichte hält, um sein neuestes Dokumentarprojekt zu finanzieren, im Hörsaal von einem Studentenpärchen angesprochen, Jamie und Darby. Zwei Bewunderer. Man verabredet sich, Josh bringt Cornelia mit, die Paare freunden sich an. Wo die Srebnicks der aktuellen Digitaltechnik huldigen, hausen ihre jüngeren Spiegelbilder im Retro-Land, sie hören Vinylschallplatten, sehen Filme auf VHS, schreiben Texte auf Schreibmaschinen. Die beiden Älteren sind von diesem fremden Leben so berauscht, dass sie sich willig hineinziehen lassen, Cornelia in einen Hiphop-Kurs, Josh auf eine Fahrradtour durch Brooklyn und beide zusammen auf einen Ayahuasca-Drogenabend in der Wohnung eines Großstadtschamanen, der seine Jünger mit Hilfe eines indianischen Brechmittels von ihren schlechten Gefühlen reinigen will. Das gelingt so gut, dass Josh zwei Tage braucht, um wieder zu sich zu kommen. Aber dann kehren die schlechten Gefühle zurück.

          Zwischen Komik und Verzweiflung

          Denn Jamie, der Fan, ist in Wahrheit eine Zecke, die ihren Biss an Joshs weicher Stelle plaziert hat, seiner Eitelkeit. Während der kapitalismuskritische Dokumentarfilm, an dem Josh seit Jahren arbeitet, nicht vom Fleck kommt, spannt Jamie den Älteren als Berater für sein eigenes Projekt ein, knüpft den Kontakt zu Joshs Schwiegervater, einer Produzentenlegende, und sitzt am Ende da, wo Josh einmal angefangen hat, auf dem Stuhl, der für die großen jungen Hoffnungen des Gegenwartskinos reserviert ist. Im Gegenzug findet Josh heraus, dass der scheinbar spontane Besuch bei einem alten Schulfreund, von dem Jamies Film erzählt, von langer Hand vorbereitet und der Griff ins tiefe amerikanische Leben ein abgekarteter Fake war. Und so wird aus „Gefühlt Mitte zwanzig“, dieser leichthändigen Farce über Forty- und Twentysomethings, im Handumdrehen ein böser und bitterer Essay über Wahrheit und Lüge im ästhetisch-moralischen Sinne.

          Jeder neue Film von Noah Baumbach ist auch eine Antwort auf die Frage, wohin sich das amerikanische Independentkino als Ganzes bewegt. In „Frances Ha“ führte die Bewegung in die Randzonen der Studentenkultur und ihres Karrierewahns, in ein Fegefeuer der Einsamkeiten, dem die schwarzweißen Bilder einen existenzialistischen Schimmer gaben. In „Gefühlt Mitte zwanzig“ führt sie mitten in den Mainstream und auf die Sandbank des Selbstmitleids. Mit Ben Stiller und Naomi Watts als älterem, Adam Driver und Amanda Seyfried als jüngerem Paar hat Baumbach die idealen Akteure für seine Generationenkomödie zur Hand, Schauspieler, die in Hollywood ebenso zu Hause sind wie im Autorenfilm. Aber er lässt sie nicht aufeinander los. Er führt sie nur spazieren. Typisch für diese Unentschiedenheit ist die Ayahuasca-Orgie, die sich nach ausgiebigem Erbrechen und gestohlenen Küssen in Gemurmel auflöst. Mumblecore, so hieß einmal der letzte Schrei des jungen amerikanischen Kinos. Bei Baumbach wird er zur Ausrede für einen Film, der sich zwischen Komik und Verzweiflung nicht entscheiden kann.

          Am Ende haben die Srebnicks ihr Alters- und Eheproblem gelöst: Sie adoptieren ein Kind. Auch so kann man auf kaputten Knien zum Ausgang der Geschichte rutschen. Das ist nicht Arthrose. Es ist Kitsch.

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