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„Mistress America“ im Kino : Zwei Schwestern und die Liebe zur Hysterie

Schon am Foto erkennt man den Independent-Film: Greta Gerwig (l.) als Brooke und Lola Kirk als Tracy in einer Szene von „Mistress America“ Bild: dpa

Noah Baumbachs „Mistress America“ ist das perfekte Qualitätsprodukt für die Filmboutique. Greta Gerwig gibt die ewige Außenseiterin des Erwachsenenlebens, die sich mit ihrer neuen Stiefschwester zusammenraufen muss.

          3 Min.

          Das Unabhängige am amerikanischen Independent-Kino besteht heute vor allem darin, dass es sich auf bestimmte Themen, Typen, Städte, Gegenden spezialisiert, in denen die unabhängige Filmszene sich heimisch fühlt – die Ostküste, New York, Twentysomethings auf der Suche nach Berufs- und Lebensglück, Fortysomethings auf der Suche nach Sinn. Wirklich frei ist dieses Kino also nicht; es gehört zu Hollywood wie der Zulieferbetrieb zum Konzern, wie die Edelboutique zur Shopping-Mall. Denn der Markt wird mehr denn je von den Studios beherrscht, die Independents bespielen darin nur jene Nische, auf der das Etikett „Arthouse“, zu Deutsch: Kunstkino, klebt. Es ist ein komfortables Getto. Aber doch ein Getto.

          Andreas Kilb
          (kil.), Feuilleton

          Aber Noah Baumbach hätte man zugetraut, es zu sprengen. Spätestens mit seinem vierten Film „Der Tintenfisch und der Wal“, der fiktionalisierten Scheidungsgeschichte seiner Eltern, schien Baumbach auf dem Weg dazu, der John Cassavetes oder Jim Jarmusch seiner Generation zu werden, ein Regisseur, der das Kino aus seinem filmseminarhaften Trott, aus der Manhattan-Gemütlichkeit und Selbstzufriedenheit herausholen würde; und mit „Greenberg“ und „Margot und die Hochzeit“ hielt er diese Hoffnung in Gang.

          Dann aber kam „Frances Ha“, Baumbachs zweitbester Film bis dahin und der erste, den er mit seiner neuen Lebensgefährtin, der Schauspielerin Greta Gerwig, geschrieben hatte: das Porträt einer genialen Verliererin (Gerwig), einer Zeit (New York nach dem 11. September) und eines Geschmacks (Schwarzweiß als Gegenfarbe zur digitalen Bildglasur). Seither bemüht sich Noah Baumbach mit jedem neuen Film, das Porträt einer Generation, das ihm in „Frances Ha“ gelungen ist, fortzusetzen. In „Gefühlt Mitte Zwanzig“ hat er dafür ein junges und ein älteres Paar einander gegenübergestellt; in „Mistress America“ spannt er jetzt einen Teenager und eine Dreißigjährige zusammen. Jedes Mal arbeitet er mit Akribie an den Figuren, ihrer Kleidung, ihrem Tonfall, der Ausstattung ihrer Lebenswelt. Und jedes Mal vernachlässigt er darüber das, worauf es im Kino ankommt: die Erzählung.

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          Unter markttechnischen Gesichtspunkten kann man gegen „Mistress America“ nichts sagen: Er sieht genau so aus, wie ein Baumbach-Film aussehen muss, er ist das perfekte Qualitätsprodukt für die Boutique. Zuerst zeigt er, wie die Literaturstudentin Tracy (Lola Kirke) ihre künftige Stiefschwester Brooke (Greta Gerwig), eine reifere Version von Frances Ha, kennenlernt und mit ihr ein Meister-Schüler-Verhältnis eingeht; dann schickt er die beiden nach Connecticut und führt mit ihnen in einer Neureichenvilla eine Art Slapstick-Kammerspiel vor ländlicher Kulisse auf. Schließlich, nachdem sie sich zerstritten haben, lässt er jede von ihnen die passende Konsequenz aus der Begegnung ziehen: Die eine schreibt eine Kurzgeschichte, die andere zieht nach L. A.

          Das Problem ist nur, dass auf diese Weise weder das Doppelporträt zweier Frauen noch irgendein Generationenbild entsteht. Für Ersteres ist die Geschichte zu unbestimmt, für Letzteres dann doch wieder zu deutlich; sie verliert sich in Einzelheiten, ohne die Einzelheiten zum Sprechen zu bringen. Brooke, das ist ihr grand projet, will ein Restaurant aufziehen, das auf den Namen „Mom“ hören und in dem sich jeder Gast so zu Hause wie in seiner Kindheit fühlen soll. Aber die Art, wie sie darüber spricht, wirkt so angelesen und unscharf, dass man sich nicht wundert, als die Finanzierung des Projekts über Nacht zusammenbricht. Und nicht nur die Glaubwürdigkeit ihrer Figur, auch die schauspielerische Aura von Greta Gerwig selbst wirkt in „Mistress America“ von Routine angekränkelt. Inzwischen hat Gerwig in einem Dutzend Filmen die ekstatische Außenseiterin in der City gespielt. Das merkt man ihr an. Was an ihrem Spiel Rebellion war, ist jetzt Repertoire. Vielleicht sollte sie ihre Augen doch einmal über einer anderen Geschichte leuchten lassen.

          Aber Noah Baumbach, ihr Regisseur, will nicht der Erneuerer des Independent Kinos werden. Lieber bewirtschaftet er eine filmische Nische, die irgendwo zwischen dem Broadway und den New-York-Bildern Hollywoods liegt, eine Art Woody-Allen-Land für die jüngeren Jahrgänge. Dabei vergisst er, dass jeder Film von Woody Allen, selbst der allerschwächste, aus einem ungeheuren Fundus von Stoffen und Einfällen schöpft. Und dass Allen aus seiner New Yorker Klause immer wieder nach Europa aus- und aufgebrochen ist. Im Augenblick arbeitet Baumbach an einem Dokumentarfilm über Brian De Palma. Auch De Palma hat viele seiner Filme in Europa gedreht. Daraus könnte man doch etwas lernen.

          Kinotrailer : „Mistress America“

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