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Nina Hoss : Wenn es nicht klar ist, spiele ich nicht

  • -Aktualisiert am

Keine Starallüren: Nina Hoss Bild: AP

Die Schauspielerin Nina Hoss pflegt keine Starallüren, weiß aber genau, was sie will - und was nicht. In Christian Petzolds „Wolfsburg“, heute abend bei Arte, demonstriert sie wieder einmal die Kunst der Reduktion.

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          Mit dem Deutschen Filmpreis also ist es nichts geworden. Gegen die Wand war nicht anzurennen, hinter der sich die Preiskommission wie in einem kollektiven Rausch verschanzt hat. Doch die Schauspielerin Nina Hoss braucht die Entscheidung für die Konkurrentin nicht zu irritieren.

          Der Programmwillen des Kultursenders Arte hat es gefügt, daß nun genau eine Woche nach der Berliner Preisverleihung Christian Petzolds Film "Wolfsburg", für den Nina Hoss als beste Hauptdarstellerin nominiert war, ausgestrahlt wird - zum unbedingt sehenswerten Exempel, wie der Wucht einer nach außen gerichteten Spielweise, die das Kino bevorzugt pflegt und die dann auch eine Jury überwältigt, die Kunst der Reduktion entgegengesetzt werden kann, bei der die Empfindungen gleichsam nach innen bersten.

          Finsterste Rachegedanken

          Schon die scheinbar arglose, irgendwie verstörte junge Frau namens Leyla im Fernsehfilm "Toter Mann", der ersten Zusammenarbeit von Nina Hoss mit dem Regisseur Petzold, war solch ein Mensch, der die längste Zeit tarnen kann, daß ihn die finstersten Rachegedanken umtreiben. Bei Laura in "Wolfsburg" ist dieses Widerspiel von Vergelten und Vergeben fühlbar noch mehr verdichtet.

          Mit Benno Fürmann in Christian Petzolds „Wolfsburg”
          Mit Benno Fürmann in Christian Petzolds „Wolfsburg” : Bild: ZDF/Stephan Rabold

          Daß sie den Jungen, dessen Tod sie nun beklagen und verkraften muß, ursprünglich nie gewollt hat, nistet als Schuldgefühl in Lauras Unterbewußtsein. Um so heftiger wütet in ihrem Sinnen und Trachten das Verlangen, den Schuldigen am Tod des Kindes zur Rechenschaft zu ziehen. Diese Frau, wie Nina Hoss sie vorstellt, hat sich ganz auf sich selbst zurückgezogen. Sie lebt wie hinter einer Folie und nimmt die Wirklichkeit nur so weit wahr, wie es deren Transparenz zuläßt.

          Eine einfache Geschichte

          Im Grunde erzählt der Film eine höchst einfache Geschichte. Aus Unachtsamkeit verursacht ein als Autoverkäufer durchaus versierter Fahrer einen Unfall, bei dem ein Junge verletzt wird. Statt sich des Kindes anzunehmen, begeht Philipp, nach einer schier unendlich sich dehnenden Sekunde Bedenkzeit, Fahrerflucht. Das schlechte Gewissen treibt ihn in die Flure des Krankenhauses, doch der verletzte Junge auf der Intensivstation scheint außer Lebensgefahr. Gleichwohl stirbt das Kind nach ein paar Wochen, und Laura, die Mutter, ist fortan allein von dem Gedanken beseelt, den Täter aufzuspüren.

          Der Zufall, dem Philipp nur wenig nachhelfen mußte, hat ihn längst in Verbindung mit Laura gebracht, und nun setzt der mit sich selbst verzweifelt Hadernde alles daran, die flüchtigen Kontakte zu verstärken und auf ungreifbare Weise wiedergutzumachen, was er verschuldet hat. Daß Laura zwar zögerlich, aber doch unabweisbar bei dem Mann Halt sucht, von dessen Schuld sie nichts ahnt, daß sie sich schließlich in ihn verliebt, erscheint bei dieser Art moralischem Exempel als selbstverständlich.

          Implodieren einer Beziehung

          Aber wie komplex ist das Geflecht von Verstörungen, das Petzold, Autor und Regisseur in Personalunion, in das Geschehen eingezogen hat, wie fein sind die Schwingungen austariert, denen der Film nachspürt, wie tief lotet die Reflexion von Verkennen und Erkennen, von Verschulden und Sühnen, von Flüchtenwollen und Standhalten. Denn nebenbei, aber keineswegs beiläufig, erzählt "Wolfsburg" auch vom Implodieren einer heillosen Beziehung.

          Wie Philipp, der eher schlicht strukturierte Mensch (Benno Führmann), und seine Verlobte, der Egoismus und die neureiche Kälte in Person (Antje Westermann), auf verletzende, den anderen gewollt versehrende Weise gegeneinander anleben, das ist mehr als zum Fürchten. Szene für Szene wird der Film so auch zum Lehrstück, was darstellerische Konzentration vermag.

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