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Nikita Michalkows „Die Zitadelle“ : Der russische Herkules besiegt jeden Feind

  • -Aktualisiert am

Auf in den Kampf: Der General (Nikita Michalkow) zieht mit dem Stock in die Schlacht Bild: Tass

Kriegskino drinnen und draußen: Während in Moskaus Straßen die Panzer für die Siegesparade proben, kann man im Kino den Film „Die Zitadelle“ sehen. Staatsregisseur Nikita Michalkow mimt darin den Kriegshelden.

          Dass Wladimir Putin so kurz vor der Siegesparade noch zur Bildung einer Volksfront aufrief, zeigt, dass dem Vaterland wieder einmal höchste Not droht. Russlands starker Mann verspricht beinahe verzweifelt Parteilosen, Gewerkschaftern, Jugendaktivisten Plätze auf der Liste der Kreml-Partei „Einheitliches Russland“, mit der die Duma-Wahl im Dezember offenbar nicht zu gewinnen ist. An der Kulturfront steht es kaum besser.

          Kerstin Holm

          Redakteurin im Feuilleton.

          Unlängst hatte der Premierminister Museums-, Theater- und Filmleute empfangen, um ihnen finanzielle Unterstützung zuzusichern. Dabei verlangte er, die einheimische Industrie müsse endlich Kino produzieren, das in der Zuschauergunst mit Importware konkurrieren kann. Der populäre Schriftsteller Dmitri Bykow und Schauspieler Jefremow hatten verlauten lassen, sie würden dem Treffen fernbleiben. Putins Gäste werden für ihre Anbiederung an die Staatsmacht in den sozialen Netzen verspottet. Und statt des ausstehenden russischen Kinokassenschlagers brachte Putins Duzfreund, der verhasste Regisseur Nikita Michalkow, der mit Blaulicht durch die Straßen kurvt, von der neuen Datenträgersteuer profitiert und sich im Zentrum ein Hotel baut, sein Weltkriegsmärchen „Die Zitadelle“, die letzte Folge seines Mehrteilers „Sonne, die uns täuscht“, für den er insgesamt 55 Millionen Dollar verbraucht hat, in die Filmtheater.

          Michalkow, der nach dem Misserfolg des Vorgängerfilms „Predstojanie“ sein jüngstes Werk wenig bewarb, schildert darin das Elend des im Krieg von Stalin und seinen Kommandeuren verheizten Volkes als mythologische Prüfung. Man kann diese bestehen, wenn Wunder zur Hilfe kommen. Wobei das Wunder ein Truppenführer wie der von Michalkow selbst verkörperte Ex-Bürgerkriegsheros darstellt, der jeden Strafbataillonseinsatz übersteht und mit seinem Siegeswillen alle ansteckt.

          Im Bunker hört man Wagner

          Dass ohne einen solchen russischen Herakles kein Krieg zu gewinnen ist, weiß in dem Film auch Stalin, der den Helden auf eine Denunziation von dessen beim Geheimdienst wirkenden Jugendfreund hin ins Lager werfen ließ. Das macht „Die Zitadelle“ auch zur Phantasie vom wundersamen Fortleben eines den stalinistischen Säuberungen der dreißiger Jahre zum Opfer gefallenen Offiziers. Als ein betrunkener Bürokratengeneral, der sein Planziel zum Maifeiertag abhaken will, Michalkows Sträflingseinheit befiehlt, auf den Festungshügel vorzurücken, endet das natürlich in einem Blutbad. Michalkow verpasst ihm dafür eine männliche Züchtigung. Da holt ihn sein Peiniger vom KGB ab. Aber jetzt überreicht der Geheimdienstler ihm die Rehabilitierungsurkunde und seine Orden und wird dann selbst als Spion verurteilt.

          Stalin stellt Michalkow eine schier unlösbare Aufgabe. Sein Held soll mit fünfzehntausend kriegsuntauglichen Intellektuellen, Gelehrten, Musikern, die sich vor dem Frontdienst drücken, wie der dick geschminkte Stalin-Darsteller Suchanow tückisch blinzelnd anmerkt, gegen die Festung ziehen und sich von den Deutschen niedermetzeln lassen. Danach will der modern medial denkende Generalissimus mit Aufnahmen der Toten in Wochenschauen die Nazi-Greueltaten anprangern. Doch der Regisseur aktualisiert die psychologische Attacke aus den klassischen Tschapajew-Filmepen vom Bürgerkrieg. Mit nichts als Spatenstielen bewaffnet führt Michalkows Held die todgeweihten Zivilisten den Hügel empor. Selbst der Kommandeur der Sperrabteilung, die Deserteuren in den Rücken schießen soll, folgt ihm mit feuchten Augen. Die Deutschen, die in ihrem Bunker Wagner hören, sind mesmerisiert. „Ich bin Wehrmachtssoldat, kein Schlächter“, sagt ein Soldat zu seinem Kameraden. Die Festung fliegt infolge eines einzigen, wohlgesetzten Scharfschützenschusses in die Luft. Und Michalkow hat Russlands Akademiker, die neuerdings wegen Rekrutenmangel wieder Armeedienst leisten müssen, gerettet.

          Sowjetfahnen und Ikea-Reklame

          „Die Zitadelle“ ist ein Hohelied auf die militärische Unterordnung. Selbst als Michalkows Held seine Tochter wiederfindet, die nach einer Verletzung die Sprache verloren hat, zwingt er sie, zu ihrer Einheit zurückzukehren. Dafür darf sie am Schluss mit Papa im offenen Panzer durchs verbrannte Ostpreußen nach Berlin dem Sieg entgegenfahren.

          Doch das Kriegskino geht in diesen Tagen draußen weiter. Vor den Besuchern der Spätvorstellung fahren auf der Ausfallstraße Neuer Arbat Granatwerfer, T-72-Panzer, Flakgeschütze, Raketenabwehrsysteme Richtung Westen. Sie kommen von der Probe für die Siegesparade. Blutrote Sowjetfahnen ragen aus den Fahrerluken. Da rollt zwischen Ikea-Reklame und Dunkin' Donuts die Interkontinentalrakete Topol vorüber, hier ein grüner Truppentransporter. In so einem Ding sei er einmal fast erfroren, sagt der Moskowiter neben mir. Erst tief in der Nacht ist Zivilverkehr wieder zugelassen.

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