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Filmkritik zu „Niemandsland“ : Kitsch und Klitterei

Ob nach rechts oder links, Hauptsache, am Thema vorbeigeguckt: Keira Knightley als Rachael Morgan in James Kents Film Bild: 20th Century Fox

Der Kinofilm „Niemandsland“ erzählt von einer Affäre im Nachkriegshamburg. Hier kommen nicht nur Keira Knightley und Alexander Skarsgård zusammen, sondern auch alles, was an schlechten Kostümfilmen unerträglich ist.

          Es gibt Filme, denen man im einundzwanzigsten Jahrhundert eigentlich nicht mehr begegnen wollte, Kinogeschichten, die in der Nachwelt der beiden Weltkriege aufblühten und von Regisseuren gedreht wurden, die als Zeitzeugen miterlebt hatten, was sie zeigten, und von Schauspielern dargestellt, die wussten, was sie spielten. Deutschland im Winter 1946: Eine Engländerin kommt nach Hamburg, wo ihr Mann einen hohen Posten in der britischen Militärverwaltung bekleidet. Das Ehepaar wird in der herrschaftlichen Villa eines deutschen Architekten einquartiert, der mit seiner Tochter auf den Dachboden ziehen muss. Der Architekt ist Witwer, das englische Paar hat sich auseinandergelebt, weil die Frau nicht über den Bombentod ihres Sohns hinwegkommt, und so schlittern Rachael und Stefan in eine Affäre, die den beiden einen Neuanfang verspricht, der sich zuletzt als Illusion entpuppt.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Das ist die Geschichte von „Niemandsland“, und wenn man sich vorstellt, Michael Powell oder David Lean hätten diesen Stoff in den fünfziger Jahren inszeniert, bekommt man eine Ahnung von den Vorteilen, die mit der Nähe des Erzählers zu den Ereignissen verbunden sind – Ton, Stimmung, Dekor, Hintergrund, das alles hätte sich ganz selbstverständlich ergeben und nicht in einem Kraftakt herbeigezwungen werden müssen. „Niemandsland“ ist aber ein Film von 2018, nach einem Roman von Rhidian Brook, der seine Inspiration in den Papieren seines Großvaters fand, und so muss die Inszenierung durch visuellen Pomp wettmachen, was ihr an Authentizität fehlt.

          Auf verlorenem Posten

          James Kent, der Regisseur, hat dreißig Jahre lang Fernsehserien und -dokumentationen gedreht, was ihn für diese Aufgabe leider gänzlich ungeeignet macht: Seine Hamburger Trümmerlandschaft wirkt, obwohl mit Tonnen von Schutt am Drehort in Tschechien angerichtet, wie ein Studioset, und in den Straßen- und Schlafzimmerszenen hält er sich so sklavisch an die eingeübten Bildmuster, dass sie schon Staub ansetzen, bevor sie zu Ende sind. Der Gipfel der Rekonstruktionspeinlichkeiten ist ein Stelldichein in einer Jagdhütte, für das die Produktionsdesigner die Voralpen in die norddeutsche Tiefebene verlegt haben. Hier kommt alles zusammen, was an schlechten Kostümfilmen unerträglich ist: der Protz, der Kitsch, die Anmaßung und die Verlogenheit.

          Die Schauspieler stehen bei dieser Geschichtsklitterei auf verlorenem Posten. Keira Knightley, deren Porzellanlächeln schon manches tote Skript reanimiert hat, ist mit der Rolle der zerrissenen Rachael ebenso überfordert wie Alexander Skarsgård mit der des sensiblen Kraftkerls Stefan, so dass zwischen ihnen kein Hauch jener Spannung zu spüren ist, welche die Optik des Films unentwegt behauptet. Die beste Figur macht noch Jason Clarke als Rachaels Gatte Lewis, weil er nie ganz glauben kann, was passiert. Im Presseheft erklären Kent und sein Kameramann Franz Lustig, sie hätten einen „zeitgenössischen, modernen Look“ für den Film gesucht. Man möchte ihnen einen Satz von Robert Bresson entgegenhalten: „Ein Ensemble schöner Bilder kann abscheulich sein.“

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