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„Newsweek“ : Sie haben den Koran entweiht

Für die arabische Welt unglaubwürdig: Newsweek Bild: dpa/dpaweb

Die arabischen Medien glauben nicht, daß die Geschichte von „Newsweek“ falsch ist. Der Rückzieher spielt keine Rolle. Das Manöver des Magazins verschlechtert nur das Ansehen Amerikas im arabischen Teil der Welt weiter.

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          Für die aufgeputschte arabische Öffentlichkeit spielt der Rückzieher von „Newsweek“ kaum mehr eine Rolle. Ihre Meinung über die amerikanische Politik steht.

          Rainer Hermann

          Redakteur in der Politik.

          Das Manöver von „Newsweek“, die Geschichte über den angeblich in der Toilette hinuntergespülten Koran im Gefangenenlager von Guantanamo zurückzuziehen, erreicht sogar das Gegenteil dessen, was sich die amerikanische Politik von der Kehrtwende erhofft hat, und sie verschlechtert das Ansehen Amerikas in diesem Teil der Welt nur weiter. Hinter dem Rückzug der Geschichte von „Newsweek“ sehen alle arabischen Kommentatoren nämlich die Hand der amerikanischen Regierung. Sie nehmen es als letztes Indiz dafür, wie es mit der Pressefreiheit in den Vereinigten Staaten wirklich bestellt sei.

          Grob fahrlässige Schändung

          Nicht lange hält sich zum Beispiel Abdallah Iskandar, der Leitartikler der angesehenen arabischen Zeitung „al Hayat“, in seinem Meinungsbeitrag vom Dienstag mit dem Rückzieher von „Newsweek“ an sich auf. Das ändere überhaupt nichts am grundsätzlichen Verhalten der Amerikaner, schreibt er. Denn diese nähmen ja die religiösen Gefühle der Muslime kaum zur Kenntnis; sähen in ihnen bestenfalls das wichtigste Motiv für das, was sie als Terror bezeichneten. Darin drücke sich die amerikanische Geringschätzung für die Muslime aus, schreibt Iskandar.

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          Sollten die Redakteure von „Newsweek“ aber gewußt haben, daß nicht gesichert sei, was sie über die Schändung des Korans publizierten, hätten sie grob fahrlässig mit Informationen gespielt. Sie seien sich offenbar nicht im geringsten darüber im klaren gewesen, was der Bericht in der muslimischen Welt auslöse, wirft er ihnen vor.

          Dementi nicht freiwillig

          Zwar berichten die meisten arabischen Medien über den Rückzieher von „Newsweek“. Im Vordergrund ihrer Berichterstattung, ob in der angesehenen arabischen Zeitung „Al Sharq al Awsat“ oder beim Nachrichtensender Al Dschazira, stand aber auch am Dienstag die Entrüstung des Weißen Hauses, des Pentagons und des State Departments über den Artikel von „Newsweek“.

          Im Vordergrund stehen die Aussagen der Sprecher des Präsidenten und der Ministerien, wie sehr dieser Bericht dem Ansehen Amerikas in der Welt doch schade und daß er überhaupt falsch sei. Erst im Kleingedruckten folgt das Bekenntnis von „Newsweek“, daß der Informant seiner Sache nun doch nicht mehr so sicher sei. So wird der Eindruck erweckt, daß „Newsweek“ sein Dementi nicht freiwillig präsentiert habe.

          Koran heiliger als die Bibel

          Zu kurzlebigem Ruhm gelangt bei dieser Gelegenheit der afghanische Theologe Sadullah Abu Aman. Etliche arabische Medien ziehen ihn als Kronzeugen für die Volksmeinung in der islamischen Welt heran. Alle geben seine Aussage wieder, daß sich die Muslime durch die Kehrtwende in Washington nicht täuschen ließen. Denn geschehen sei sie auf Druck der Regierung in Washington, die sich retten wolle, sagt der einfache Theologe.

          Für ihn ist der Koran, wie für jeden Muslim, das unmittelbare Wort Gottes. Im Christentum ist Gott Fleisch geworden, im Islam aber zum Buchstaben des Korans. Muslime glauben, der Koran habe, so wie er ihrem Propheten Mohammed übermittelt wurde, seit Anbeginn der Zeit in arabischer Sprache bei Gott gelegen. Für den einfachen afghanischen Theologen und für jeden anderen Muslim hat der Koran daher eine ganz andere Heiligkeit als für einen Christen die Bibel, die von Menschen geschrieben wurde.

          Pressefreiheit in Amerika?

          In Teheran hat sich das iranische Parlament erst gar nicht von den Schachzügen und dem Umstand, daß der Wahrheitsgehalt der Meldung in Zweifel steht, beeindrucken lassen und die Entweihung des heiligen Buchs der Muslime durch Bürger der Vereinigten Staaten scharf verurteilt. Die saudische Zeitung „Arab News“, das englischsprachige Schwesterorgan von „Al Sharq al Awsat“, setzt sich in einen Artikel derweil kritisch mir der Pressefreiheit in den Vereinigten Staaten auseinander. Jeder dritte amerikanische Journalist beklage sich über einen Mangel an Freiheit, heißt es dort. Und lediglich vierzehn Prozent der Amerikaner sei überhaupt bekannt, daß die amerikanische Verfassung die Pressefreiheit garantiere. Abgenommen habe in den vergangenen Jahren zudem der Anteil jener Bürger Amerikas, die glaubten, die Regierung dürfe ihre Zeitungen nicht zensieren.

          Am schärfsten geht der ungenannte Leitartikler der in Amman erscheinenden „Jordan Times“ mit dem Rückzieher von „Newsweek“ um. Die Regierung in Washington müsse, ebenso wie das Nachrichtenmagazin selbst, gehofft haben, daß die Kehrtwende die antiamerikanischen Demonstrationen beende, schreibt er. Da dies aber nur ein durchsichtiges Manöver sei, schade die Regierung Bush dem Ansehen Amerikas in der Welt nur weiter.

          Geheimnistuerei

          Nicht glauben will er, daß die Entweihung des Korans in Guantanamo Bay gar nicht stattgefunden habe. Denn diese Praxis sei völlig konsistent mit dem, was im irakischen Gefängnis Abu Ghraib geschehen sei. Zudem ziehe das Pentagon ja nicht die Genauigkeit der Information in Zweifel, sondern bloß deren Herkunft.

          Wenn man der heutigen amerikanischen Regierung nicht mehr glaube, so liege es daran, daß sie mehr Geheimnistuerei praktiziere als jede andere Regierung seit der Amtszeit von Präsident Nixon. Wer sich nicht füge, den bediene die Regierung eben nicht länger mit Information, schreibt das Blatt. Sollte „Newsweek“ unter Druck der Regierung seinen Rückzieher gemacht haben, dann sollte das Magazin dazu auch ehrlich stehen, rät die jordanische Zeitung.

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