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„Black Panther“ im Kino : Oh, wie schön ist Wakanda

T’Challa (Chadwick Bosemann) hütet sein Volk als „Black Panther“ und als König. Bild: AP

Schwarzes Selbstbewusstsein im Superheldenkino: Die fulminante Comic-Verfilmung „Black Panther“ verändert ein Genre. Im Zentrum steht ein stolzes, reiches und fortschrittliches Königreich mitten in Afrika.

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          Die Suche hat vorerst ein Ende. Atlantis liegt in Afrika. Zumindest eine Version des alten Mythos. Mutmaßlich irgendwo im nordwestlichsten Winkel von Tansania. Das Land heißt Wakanda. Die Menschen dort sind ausschließlich schwarz und dem Rest der Welt in technologischer Hinsicht haushoch überlegen. Doch behält man das nicht nur, sondern bleibt auch gern für sich. Wakandas Geheimnis, die Grundlage seiner Technologie, ist ein Metall außerirdischen Ursprungs: Vibranium. Seinen Weg nach Afrika fand es in Form eines Meteroiten. Es hat vor allem aus energietechnischer Sicht viele praktische Eigenschaften, strahlt allerdings auch gewaltig, so dass Pflanze und Tier drum herum nicht mehr ganz dieselben sind. Dem Vibranium haben die Menschen in Wakanda deshalb nicht nur ihre Technologie, sondern auch ein besonderes Kraut zu verdanken, das zauberhafte Blüten treibt. Davon zu kosten lohnt in puncto müheloser Selbstoptimierung. Denn wer das tut, läuft schneller, springt weiter, hebt schwerer, regeneriert schneller, riecht mehr, kann im Dunkeln lesen und überdies auch ruhig mal einen hautengen Cat-Suit tragen, ohne dass er aussieht wie eine geplatzte Bauschaumpatrone in einem Lederhandschuh.

          Axel Weidemann
          (wei), Feuilleton

          In Wakanda darf allerdings nur einer von diesem Kraut kosten, der König. Dessen vornehmste Aufgabe besteht neben seinen Regierungspflichten darin, sein Land als „Black Panther“ zu schützen und nebenbei die Welt zu retten. Das bringt naturgemäß große Verantwortung mit sich.

          Um diese Verantwortung – von der persönlichen bis hinauf zur nationalstaatlichen Ebene – kreist die erste eigenständige „Black Panther“-Verfilmung aus dem Hause Marvel. Seit Jack Kirby und Stan Lee den Panther-Mann 1966 (für die Nr. 52 der „Fantastischen Vier“) zu Papier brachten, lasteten die Erwartungen nicht weniger schwarzer Jugendlicher, die endlich einen Helden gefunden hatten, der aussah wie sie, auf seinen Schultern.

          „Black Panther war nicht auf meiner Liste“

          Aus dem Schatten trat der Panther zuletzt, weil sich 2016 Ta-Nehisi Coates (Reporter des „Atlantic“ und Autor des mit dem National Book Award ausgezeichneten Buches „Between the World and me“) dazu bereit erklärte, dem Helden eine Geschichte auf den Leib zu schreiben, obwohl der Comic-Nerd Coates bis dahin mehr für Spiderman und die X-Men schwärmte. „Black Panther war nicht auf meiner Liste“, sagte er in einem Interview mit der New York Times und erinnerte auch gleich an die wichtigste Regel für Superhelden-Geschichten: „Die Leute müssen sich prügeln.“

          Das tun sie in „Black Panther“ – und zwar ausgiebig, mit ausgefahrenen Krallen, eingefangen von den ebenso virtuos durchkomponierten wie halsbrecherischen Kamerafahrten von Rachel Morrison (Mudboud). Der schwarze Panther, mittlerweile König T’challa, gespielt von Chadwick Boseman, kann mindestens so viel austeilen, wie er mit seinen neun Leben einstecken kann. Zur Seite stehen ihm drei Frauen, die ihm in nichts nachstehen – ganz ohne pflanzliche Potenzmittelchen: Die Ex-Freundin und wakandische Geheimagentin Nakia (Lupita Nyong’o), Okoye, die Anführerin der komplett aus Grace-Jones-artigen Frauen bestehenden königlichen Leibgarde (Danai Gurira) und T’Challas Schwester, Prinzessin Shuri (Letitia Wright) – der weiblichen und sehr offensichtlichen Antwort auf James Bonds „Q“.

          Bedrohung  durch Schwarz und Weiß

          Ein Weißer darf bei den Guten natürlich auch mitspielen: Martin Freeman als CIA-Agent Everett K. Ross – allerdings nur in einer Nebenrolle als Patronenfänger und Buschpilot. Bedroht wird das Königreich indessen durch Schwarz und Weiß gleichermaßen: Der eine Feind, Erik Killmonger (Michael B. Jordan), einer, den das Leben in Harlem, der Verrat an seiner Familie, der Krieg und der Wunsch nach Tod und Rache gezeichnet haben, will eigentlich nur Liebe, Gerechtigkeit – und den Thron. Der andere, Ulysses „Klaw“ Klaue (Andy Serkis), Nazi-Sohn und Attentäter, hat es auf das extraterrestrische Edelmetall und das Ableben des Panthers abgesehen.

          Gewöhnen muss man sich als Zuschauer erst einmal an den schweren „afrikanischen“ Akzent, mit dem alle sprechen. Nakias Koreanisch, das bei einer Stippvisite in Busan zu hören ist, klingt wie aus dem Lehrbuch. Aber schließlich muss klar werden, dass die Sprache der „Kolonisatoren“ hier eine Fremdsprache bleibt.

          In seiner überbordenden Inszenierung von afrikanischer Folklore und Landschaft rauscht der Film oft hart in die „Lion-King“-Leitplanke. Allein, immer dann, wenn man sich gerade darauf einstellt, dass Elton John gleich mit dem gesamten „Circle of Life“ um die Ecke kommt, kippt der Film entweder gekonnt in den Hightech-Kontrast oder aber macht die Lion-King-Haftigkeit selbst zum Thema: „Das wird niemals langweilig“, sagt T’Challa, bei einem Flug entlang eines ins Licht des afrikanischen Sonnenuntergangs getauchten Flusses – kurz bevor er sich unter den holographischen Schutzschirm begibt, der Wakandas Städte vor fremden Augen schützt.

          Übermut und Aufbruch

          Der Film gibt sich alle Mühe, Afrika nicht als Ansammlung ausgebeuteter und von Krieg und Terror versehrter Entwicklungsländer zu zeigen. Alles ist dermaßen geleckt, dass man sich fast wieder wünscht, irgendwo mal eine stinknormale Plastiktüte oder einen Käfer zu entdecken. Die detailverliebte Art und Weise, wie der Regisseur Ryan Coogler und sein Visual-Effects-Team die Technologien Wakandas optisch aufbereiten und inszenieren, ist ein Fest: Da wird schwarzer Sand lebendig, sind Tech-Labore voller Wandmalereien und telefoniert man via Perlenarmband.

          Ein politische Botschaft, die bei der Hautfarbe haltmacht, bietet die Geschichte vordergründig nicht – dafür versprüht sie schlicht zu viel Übermut und Aufbruch. Und auch der Humor, der zwar marveltypisch nicht gerade feinsinnig, aber hier doch sehr menschlich und selten zynisch wirkt, kommt dem Film kaum je abhanden. Das verdankt er vor allem den vielen kleinen Kabbeleien zwischen dem König und seiner Schwester. Wright und Boseman spielen das auf eine sehr ansteckende Art. Und auch wenn der Film manche Szenen gerade in Verfolgungsjagden oft in geradezu cartoonesquer Bond-manier auflöst, nimmt er den Faden stets nonchalant wieder auf, so dass man kaum Zeit hat, das übertrieben zu finden. Nur die gepanzerten Nashörner sind schlimmer als jeder Olifant.

          Alternative schwarze Geschichte

          Dass fiktive schwarze Historie einmal so komplett anders erzählt wird, mit einem Cast, der ein Zeichen gegen all die weiße Überlegenheit setzt, die sich im Marvel Cinematic Universe nach der „Blade“-Trilogie mit Wesley Snipes durchgesetzt hat, macht „Black Panther“ zu einem besonderen Film. Gesellschafts- und Branchenkritik dann doch à la: Das wurde höchste Zeit.

          Die stereotypischen Gegensätze von „wild“ und „zivilisiert“ löst „Black Panther“ auf. Die vermeintlich Wilden sind ebendas gerade nicht und überlassen die Barbarei jenen, die im Dschungel der Industrieländer aufgewachsen sind. Wakanda wird seine Überlegenheit nicht durch nationalistisch verseuchten Protektionismus zu schützen versuchen, sondern schlicht durch eine solidarische Handreichung unter Beweis stellen: Es bietet der Welt seine Hilfe an, statt sich zu verstecken.

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