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Neuer „Halloween“-Film : Kein Jugendzimmer wird ein sicherer Ort sein

  • -Aktualisiert am

Er ist wieder hinter ihr her: Jamie Lee Curtis in „Halloween“. Bild: AP

Das Motiv ist der letzte Schrei: David Gordon Green erweckt John Carpenters „Halloween“ zu neuem Kinoleben. Sein dramaturgisches Privileg liegt darin, dass er sich um seine Vorgänger keinen Deut schert.

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          In der populären Kultur kommt alles in Generationen. Michael Myers zum Beispiel. Er ist der Babysitter-Mörder, mit dem 1978 die „Halloween“-Filmreihe begann. Er ist aber auch, wenn man seinen Fall aus der Perspektive einer neueren Serie wie „Mindhunter“ betrachtet, eigentlich schon ein Nachspiel, ein unlesbares Epiphänomen zu den „sequence killers“, denen die FBI-Agenten in den 1970er Jahren mit den Mitteln der neueren psychologischen Forensik und mit den damals verfügbaren Medien für das Anamnese-Gespräch auf die Spur kamen. Michael Myers, Mann mit Maske und Messer, ist im Vergleich zu einem Ed Kemper mit dessen reichhaltiger Motiv- und Deliktlandschaft eine leere Chiffre. Er gehört aber auch in eine andere Form des Fürchtens. Denn Myers ist ein „Slasher“, man würde bei ihm kaum von einem Œuvre sprechen, ein Begriff, der in „Mindhunter“ pointiert auf das Unwesen von Psychopathen angewendet wird, die mit ihren Tötungsakten Geschichte(n) schreiben.

          Ein Mann, der in Ketten gehalten wird

          In David Gordon Greens neuem „Halloween“ gibt es zu Beginn eine Szene, die man als Reverenz an die neue Reflexivität nehmen kann, die mit „Mindhunter“ aufgekommen ist. Vierzig Jahre sitzt der Babysitter-Mörder nun schon in einer Haftanstalt ein, er ist auf dem Auslüftungshof der unumstrittene Star unter den Insassen: ein Mann, der auch hier noch eigens in Ketten gehalten wird, aber turmhoch die Szene dominiert, und dem die Kamera nur von hinten nahe zu kommen wagt. Myers ist der Mann ohne Gesicht. Er trug beim Morden eine Maske, es wäre schnöde, ihn jetzt (in fortgeschrittenem Alter) einfach zu exponieren. Und er wird ja noch gebraucht – wenn eine Figur so unverhohlen populärmythologisch eingeführt wird, dann kann das nur das Vorspiel zu einem Wiedergang sein.

          Die Pointe ist, dass Myers nicht spricht. Er hat angeblich vierzig Jahre geschwiegen, und er lässt sich jetzt auch von zwei britischen Reportern nicht aus der Reserve locken, die einen Podcast machen wollen, also ausdrücklich auf Stimmenfang gehen. Myers verweigert sich einer boomenden Branche, True-Crime-Hörspiele hatten zuletzt Konjunktur. Sie zeigen auf, dass Verbrechen sich aus zahlreichen Verästelungen ergeben und Motive wie das Wurzelwerk sehr alter Bäume bis in unbekannteste Winkel reichen können.

          Jamie Lee Curtis in John Carpenters Original-Film von 1978: „Die Szenen, in denen ich zu sehen bin, finde ich nicht gruselig. Aber die anderen schon.“
          Jamie Lee Curtis in John Carpenters Original-Film von 1978: „Die Szenen, in denen ich zu sehen bin, finde ich nicht gruselig. Aber die anderen schon.“ : Bild: Picture-Alliance

          Ein Slasher braucht im Grunde kein Motiv. Da könnte er ja gleich die Maske abnehmen. Die Art Mord, für die Michael Myers steht, findet ihr Motiv in der Reaktion derer, die ihr zum Opfer fallen oder vielleicht gerade noch entkommen: Das Motiv ist der Schrei, das Entsetzen der Opfer vor ihrem letzten Sekündchen, die Panik, die sich unmittelbar auf das Publikum überträgt. „Scream“ hieß konsequenterweise der Film von Wes Craven, in dem Hollywood eine Zwischenbilanz des Phänomens zog, das John Carpenter 1978 mit „Halloween“ begründete, und das mit Kollegen wie Freddie Krueger (aus der „Nightmare“-Reihe) oder Jason Voorhees (aus den „Freitag der 13.“-Filmen) unterschiedlich uncharismatische Schurken aufweist.

          Hannibal Lecter, im Grunde auch ein Zeitgenosse von Michael Myers, ist schon wieder eine Antithese dazu, wobei die Unterscheidung zwischen (pervers) feiner Küche und Fastfood sich auch in den unterschiedlichen Zielgruppen spiegelt. „Halloween“ wendet sich eher nicht an bürgerliche Distinktionäre. David Gordon Green hat sich das Recht auf eine Fortsetzung von „Halloween“ auf kuriose Weise verdient. Er begann als Autorenfilmer in den Südstaaten („Undertow“ ist einer der besten Filme, der jemals über Georgia gemacht wurde), kam dann aber über den Kifferhit „Pineapple Express“ immer näher an eine juvenile Zielgruppe; bei der großartigen Serie „Eastbound & Down“ arbeitete er schon mit Danny McBride zusammen, der nun am Drehbuch zu „Halloween“ mitgearbeitet hat.

          Kein unschuldiges Von-Haus-zu-Haus

          Das dramaturgische Privileg des neuen „Halloween“-Films liegt darin, dass er sich um die zahlreichen Fortsetzungen, die es seit dem Ur-Billigklassiker gab, keinen Deut schert. In der inneren Logik von „Halloween“ ist das der zweite Film in einem Kosmos, in dem es nur eine Gewissheit gibt: Solange Michael Myers nicht tot ist, gibt es an Halloween kein unschuldiges Von-Haus-zu-Haus, und kein Jugendzimmer wird jemals ein sicherer Ort sein.

          Die vierzig Jahre übersetzt David Gordon Green in eine Generationenfolge, die dem heutigen Publikum sowohl einen neuen Einstieg wie auch den einzigen wirklich legitimen Anschluss gewährt: Im Mittelpunkt steht Laurie Strode, das „final girl“ von damals, also die Überlebende, mit der die Mordserie riss und mit der sie neu beginnen kann, um nach Möglichkeit definitiv zu enden. Für Jamie Lee Curtis war das die erste Kinorolle, sie war bei den Dreharbeiten 19 Jahre alt und familienhistorisch für das Genre disponiert, denn ihre Mutter war Janet Leigh, die in Hitchcocks „Psycho“ auch mit einem Messermörder konfrontiert war. Heute und für Green ist Laurie Strode eine Großmutter, die mit ihrem Trauma ihre Tochter und deren Tochter zu Reaktionsbildungen, also zu Beschwichtigungen oder zu Naivität, zwingt.

          Damit sind sie reif für „Halloween“. Denn die Zeit heilt in der Ökonomie der Stoffe in Hollywood sicher keine Wunden, sondern bereitet sie zur Wiederverwertung auf. Das Wechselspiel zwischen damals und heute zeigt sich nicht so sehr im Altern der damals jugendlichen Figuren, sondern darin, dass es die Figuren dann eben mehrfach gibt – einmal im Original, und einmal in der Übergabe (auch der Opferrollen) an die neue Generation. Seit den „Scream“-Filmen ist die Überschneidung zwischen Opferrolle und Zielpublikum auch Teil des Erbmaterials, mit dem das Subgenre arbeitet: Wissen hat eben keine Schutzfunktion.

          Im Vergleich zwischen stumpfsinnigem Weitermorden und postmodernen Ironiekonzepten hat Green sich für eine altmodische Geisteraustreibung entschieden: Sein „Halloween“ ist eine Ehrenerklärung für einen alten Meister (John Carpenter hat auch mitgearbeitet), und zugleich ein solides Update mit einer plausiblen Hauptfigur. Dem zunehmend beschleunigten Fortsetzungsreigen im heutigen Hollywood greift Green damit nicht in die Speichen, er dreht aber auch nicht am Schwungrad. Er nimmt einfach diese Bewegung auf und versöhnt sie mit der Bewegung der Generationen.

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