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Neuer Film von Peter Jackson : Sie wurden nicht alt, aber jetzt sind sie bunt

Diese Gesichter sind eine technische Meisterleistung: Britische Soldaten beim Essenfassen in einer Kampfpause, digital nachbearbeitet und eingefärbt. Bild: Warner Bros.

Peter Jackson, der Regisseur des „Herrn der Ringe“, hat für seine Dokumentation „They Shall Not Grow Old“ Filmbilder aus dem Ersten Weltkrieg nachvertont und koloriert. Das ist faszinierend und befremdlich zugleich.

          Vor zehn Jahren schloss sich ein Kapitel in der historischen Erinnerung der Menschheit. Am 25. Juli 2009 starb der letzte Veteran, der den Grabenkrieg im Ersten Weltkrieg erlebt hatte, der Brite Harry Patch. Er war mit achtzehn Jahren eingezogen worden und hatte bei Ypern und Passchendaele gekämpft. Später schilderte er seine Erlebnisse in Flandern für das Tonarchiv der BBC. Ein Satz aus seinem Statement fand Eingang in die sechsundzwanzigteilige Fernsehserie „The Great War“: „Wenn irgendein Mann Ihnen sagt, er sei über den Grabenrand geklettert und hätte keine Angst gehabt, ist er ein Lügner.“ Patch wurde 111 Jahre alt.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Der Zeitzeuge Harry Patch ist auch in dem Film „They Shall Not Grow Old“ zu hören, den der neuseeländische Regisseur Peter Jackson zum hundertsten Jahrestag des Kriegsendes von 1918 aus authentischem Bild- und Tonmaterial zusammengestellt hat. Er ist eine von zweihundert Stimmen, die die Erfahrung des Großen Krieges aus britischer Sicht schildern, einer von Millionen jungen Männern, die als Freiwillige oder Rekruten zu den Sammelstellen der British Army eilten und nach einer dreimonatigen Kurzausbildung in die Schützengräben geschickt wurden.

          Zweitausend Stunden Filmmaterial

          Jackson hat die Aufnahmen aus dem BBC-Archiv zu einer neuen Erzählung verwoben, die von den ersten Kriegstagen bis in die unmittelbare Nachkriegszeit reicht, in der viele der Überlebenden Mühe hatten, in die Welt zurückzukehren, der sie entrissen worden waren. Beim Waffenstillstand, sagt einer, habe er sich gefühlt, als hätte man ihn gefeuert. Andere berichten, sie hätten ihre Erlebnisse lieber für sich behalten, da sie ohnehin niemand verstanden hätte. Es dauerte Jahrzehnte, ehe sie darüber reden konnten.

          Das ist die eine, die dokumentarische Seite von Jacksons Film. Die andere, für die Wirkung des Films wichtigere Seite, ist schwerer zu bestimmen, denn sie fällt in einen Zwischenbereich zwischen Dokument und Fiktion. Von seinem Auftraggeber, dem Imperial War Museum in London, hat Jackson für „They Shall Not Grow Old“ mehr als zweitausend Stunden belichtetes Filmmaterial erhalten: grobkörnige, beschädigte, verblasste, mit unterschiedlichen Geschwindigkeiten auf Kurbelkameras gedrehte schwarzweiße Bilder von Schlachtfeldern, Munitionsdepots, Latrinen, Lazaretten und Bordellen. Jackson hat diese Aufnahmen nicht nur, wie jeder andere Dokumentarist, gereinigt und sortiert. Er hat sie eingefärbt und nachvertont, aufgehellt und geglättet, eingetaktet und digital aufgeblasen. Ein Computerprogramm ergänzte die bei der Alterung verlorengegangenen Pixel und Bildsegmente, Phonetiker lasen den Soldaten die Worte von den Lippen ab, Schauspieler sprachen die gewonnenen Dialoge im Heimatdialekt der Regimenter im Studio ein. Für die Kolorierung wurden Originaluniformen und -waffen, für den Klang der Explosionen und Schüsse historische Tonzeugnisse verwendet. Die Materialschlacht, die den Film ermöglicht hat, wurde zum Echo der Materialschlacht, die er zeigt.

          Hufe trappeln, Ratten quieken

          Denn Peter Jackson ist nicht irgendein Regisseur, er ist der Herrscher von Mittelerde. Jackson hat die „Herr der Ringe“-Trilogie und die drei „Hobbit“-Filme gedreht, er hat J. R. R. Tolkiens Nimmerland-Phantasien ins einundzwanzigste Jahrhundert übersetzt und eine archaische Gegenwelt zum immer verstaubter wirkenden „Star Wars“-Kosmos geschaffen. Jacksons Ikonographie hat für das heutige Hollywoodkino die Maßstäbe gesetzt, die in den siebziger Jahren Steven Spielberg und George Lucas mit ihren Blockbuster-Filmen setzten. Auch deshalb konnte „They Shall Not Grow Old“ keine gewöhnliche Kriegsdokumentation werden. Es musste der Film zum Ersten Weltkrieg schlechthin werden, das ganze Grauen in zwei Stunden, der dokumentarische Endsieg.

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