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Neue Zeitung „Dziennik“ : Springer in Polen

  • -Aktualisiert am

Nach „Fakt” kommt nun „Dziennik” Bild: picture-alliance / dpa/dpaweb

„Projekt Ernst“ hieß Springers neues Blatt in Polen in der geheimen Vorbereitungsphase. Jetzt ist „Dziennik“ da und wirbelt den Markt gehörig auf. Die angestammten Blätter müssen die neue Konkurrenz fürchten.

          Für die polnischen Qualitätszeitungen wird es von diesem Dienstag an ernst: Axel Springer Polska bringt einen neuen Titel heraus. Nachdem das Boulevardblatt „Fakt“ den Markt bereits erobert hat, geht es nun frontal gegen die großen Überregionalen, gegen die „Gazeta Wyborcza“ (Zeitung der Wahl) und die „Rzeczpospolita“ (Republik): mit einem Konzept, das im eigenen Portfolio keinerlei Entsprechung kennt, anders also als „Fakt“, das der „Bild“-Zeitung nacheifert. Zwar kolportiert die Branche, daß Springers neues Blatt eine polnische Version der „Welt-Kompakt“ werde, sie liegt damit aber falsch. Den unaufgeregten Namen „Dziennik“ (Tageszeitung) trägt ein Produkt, das sich eher an britischen als an deutschen Traditionen orientiert. Der „Independent“ und der „Guardian“ sollen als Vorbild gelten.

          Im handlichen Tabloidformat von „Dziennik“ dominiert das Nachrichtliche. Und das ist der große Unterschied zur legendären „Gazeta Wyborcza“, deren Chefredakteur und Mitbegründer Adam Michnik sich den Polen seit der politischen Wende als liberales Über-Ich empfiehlt. In den Zeiten des Systemwechsels hatte das große Bedeutung. Doch die Zeiten haben sich geändert.

          Blatt will polnischen Mittelstand bedienen

          Der Ruf, ein politisches Blatt zu sein, eilt auch „Dziennik“ voraus, Die Arithmetik ist simpel: Die maßgeblichen Redakteure der neuen Zeitung kommen von „Fakt“ und politisch aus der konservativen Ecke. Und „Fakt“ ist zum Sprachrohr der rechtskonservativen Regierungspartei PiS (Recht und Gerechtigkeit) geworden, die hier ihre Klientel erreicht - die Frustrierten und Zukurzgekommenen, die dankbar jede Neiddiskussion aufnehmen. Der Name des PiS-Parteivorsitzenden Jaroslaw Kaczynski taucht bei „Fakt“ so häufig in der Autorenzeile auf, daß es einen fast wundert, ihn nicht im Impressum zu finden. Dort aber stand Robert Krasowski, der Chefredakteur des neuen „Dziennik“.

          Krasowskis Aufgabe ist es nicht, die Frustrierten anzusprechen. Springer will nun die Zufriedenen. „Dziennik“ ist eine urbane Autofahrer- und Aktienbesitzerzeitung, Lokalredaktionen gibt es (bislang) nicht. Ein Reporterpool und regionale Korrespondenten kümmern sich um das Geschehen auf dem Land. Das Blatt will den polnischen Mittelstand bedienen, der „News to use“ für das moderne europäische Leben sucht, das in Posen, Warschau oder Stettin stattfindet. Im Sommer auch gerne mit ein paar Wochen Pauschalurlaub an der Adria oder auf den Balearen.

          Gute Atmosphäre in der Redaktion

          Auf diese Leser hat Springer sich perfekt vorbereitet. Monatelang hat die Redaktion mit zweihundert Mitarbeitern in einem unscheinbaren Bürokomplex im Warschauer Westen Nullnummern produziert, die regelmäßig empirisch ausgewählten Testlesern vorgelegt wurden. Redakteure klagen über das Arbeitspensum von bis zu zwölf Stunden am Tag, wie es deutsche Redaktionen kennen; einige haben schon wieder den Job gewechselt. Groß ist bei allen Beteiligten der Respekt vor der Professionalität und der Konsequenz, mit der Springer zur Sache geht. Die Atmosphäre in der Redaktion ist gut. Älter als vierzig Jahre ist kaum einer. Die Kollegen aus den zensierten Zeiten der Volksrepublik bleiben bei „Dziennik“ außen vor.

          In einer Laborsituation wurde also der Zeitungsklon entwickelt, der bis dato unter dem Arbeitstitel „Projekt Ernst“ firmierte. Das klingt in polnischen Ohren nach Frühjahrsoffensive. Und irgendwie trifft es das auch. „Denn wir sind ein Angriff auf die ,Gazeta Wyborcza'“, heißt es von maßgeblicher Stelle. Und der angegriffene Agora-Verlag hat verstanden - theoretisch. Mit einem eigenen Tabloid, „Nowy Dzien“ (Der neue Tag), wollte Agora dem deutschen Wettbewerber zuvorkommen. Die Zeitung scheiterte allerdings nach wenigen Monaten - noch bevor sie sich mit „Dziennik“ messen konnte - an eigenem Unvermögen und daran, daß sie es nicht vermochte, die Lebenswelt der Polen abzubilden.

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