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Neue Jane-Austen-Verfilmung : Die koketteste Frau Englands

Mutter und Tochter: Kate Beckinsale und Chloe Sevigny in „Love & Friendship“ Bild: ©Churchill Produtions Limited

Dieser bösen Witwe kann man nichts übelnehmen: Whit Stillman ist mit „Love & Friendship“ der beste aller Filme nach Jane Austen geglückt.

          In „Metropolitan“, Whit Stillmans erstem Film, verliebt sich Audrey Rouget, die blasse, belesene höhere Tochter, in Tom Townsend, den rothaarigen Sohn ärmerer Leute, obwohl die Prüfung von Indizien einer Seelenverwandtschaft negativ ausfallen müsste. Nicht nur äußert sich Tom verächtlich über Audreys Lieblingsautorin Jane Austen, er urteilt auch auf einer Grundlage, die Audrey nicht verstehen kann - nämlich ohne von Jane Austen eine Zeile gelesen zu haben. Tom liest lieber Sekundärliteratur, sagt er. Mit der Meinung eines berühmten Kritikers belegt Tom, was er für evident hält: die Prämisse von Jane Austens Roman „Mansfield Park“, die Immoralität des häuslichen Theaterspiels einer Gruppe junger Leute, sei absurd. Der Verweis auf den immanenten Bedeutungshorizont des Romans, in dessen Kontext die Prämisse vernünftig sei, provoziert das Verdikt, dass dieser Kontext und fast alles, was Jane Austen geschrieben habe, aus heutiger Sicht lächerlich aussehe. Audreys Replik: „Ist es dir je in den Sinn gekommen, dass die heutige Zeit, aus Jane Austens Perspektive betrachtet, viel schlimmer als bloß lächerlich aussähe?“

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Das zerbrechliche Mädchen offenbart plötzlich eine Robustheit, die an Samuel Johnson erinnert, den Kritiker, der die idealistische Metaphysik widerlegte, indem er gegen einen Stein trat. Die von Audrey aus der Lektüre der Romane gewonnene Sicht Jane Austens als einer geborenen Konservativen wird auch von Kritikern wie Marilyn Butler vertreten. Sie finden in den Romanen eine Theorie der unveränderlichen Menschennatur, die Autoren des moralischen Klassizismus wie Dr. Johnson und Alexander Pope vorgetragen haben. Stillman nennt James Boswells Biographie Johnsons und Popes „Essay on Man“ seine Lieblingsbücher.

          Als Stillman 1990 mit „Metropolitan“ debütierte, wurde ihm der Vorwurf gemacht, den er Tom Townsend gegen Jane Austen erheben lässt: Der gesamte soziale Kontext der Handlung über New Yorker Debütantinnenbälle sei absurd. Bislang hat jedes spätere Werk Stillmans, zuletzt 2012 „Damsels in Distress“, denselben Vorwurf auf sich gezogen: Mit der Gegenwart, in der die Filme spielen, hätten die Themen der Konversation der Figuren, ihre Sorgen um den Verfall von Umgangsformen und Idealen, nichts zu tun. Im Alter von 64 Jahren hat Stillman jetzt mit „Love & Friendship“ seinen ersten Kostümfilm gedreht. Ihm ist das Kunststück gelungen, einen noch nicht als Kinofilmvorlage genutzten Roman Jane Austens zu entdecken: einen postum veröffentlichten kurzen Briefroman, den die Herausgeber nach der Hauptfigur „Lady Susan“ getauft haben.

          Eine junge Witwe sucht Ehemänner für sich selbst und ihre Tochter. Man möchte meinen, dass sich die Bedingungen eines solchen Unternehmens in zweihundert Jahren komplett verändert haben müssten. Aber der Ton der Tischgespräche, der Liebessondierungen, der elterlichen Predigten, der Beratungen vertrauter Freundinnen hinter geschlossener Kutschentür ist frisch, lebendig, sprühend. Beschreibt man den Kontext der Handlung nur allgemein genug, ist er unveraltet: Die Fiktion grenzenlosen wechselseitigen Wohlwollens unter Verwandten und Freunden schafft einen sozialen Raum, in dem sich ständig Kontakte erzwingen lassen. Unverbindlichkeit kippt in Verbindlichkeit um. Egoisten, durch die Konvention der Schmeichelei gedeckt, schmieden Pläne und lassen sich nicht durch Isolation unschädlich machen. Selbst im Fall der kokettesten Frau von England, welcher Ruf Lady Susan vorauseilt, ist der Ausschluss aus der Gesellschaft ausgeschlossen. Lady Susan kündigt ihrem Schwager ihren Besuch an und kann nicht abgewiesen werden.

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