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Neu im Kino: „Senna“ : Die Wahrheit liegt auf der Strecke

Ayrton Senna in seiner Glanzzeit Bild: dpa

Er war der vielleicht beste Fahrer der Rennsportgeschichte. Die Gründe für seinen tödlichen Unfall im Jahr 1994 sind bis heute nicht geklärt. Jetzt widmet sich ein puristischer Dokumentarfilm dem Leben der Formel-1-Legende Ayrton Senna.

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          An die große Todesanzeige in dieser Zeitung kann ich mich noch genau erinnern, Anfang Mai 1994 war das, die Rothman-Gruppe hatte sie unterzeichnet, für das Rothman Williams Renault Team. „Mitten im Leben sind wir vom Tode umgeben“ stand als Motto oben rechts, Luther hat diesen Beginn eines Antiphons, eines kirchlichen Wechselgesangs, ins Deutsche übertragen. Und irgendwie kam einem dieser Ton völlig angemessen vor für den Tod des Formel-1-Rennfahrers Ayrton Senna, von dem viele sagen, er sei der beste Fahrer der Rennsportgeschichte gewesen. Was immer ein solches Prädikat besagen mag.

          Peter Körte

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Was diese Tonlage so angemessen erscheinen ließ, das war die Ausstrahlung, die Ayrton Senna als Sportler und öffentliche Person in den zehn Jahren zwischen 1984 und 1994 hatte, in denen er in der Formel 1 fuhr; es war auch seine vielfach öffentlich bekundete Religiosität - und es war schließlich, im Rückblick, die klassische narrative Form, welche sein Leben ganz von selbst angenommen hatte: das Auftauchen des Wunderkindes, das zunächst mit ziemlich unzulänglichen Autos seine Fähigkeiten demonstrierte; der Aufstieg zum Weltmeister, der sich in der erbitterten Rivalität mit seinem McLaren-Kollegen Alain Prost vollzog und nach dessen Wechsel zu Ferrari und Williams fortsetzte; die Jahre des Triumphs; die Rolle als nationaler Held und sozialer Wohltäter in Brasilien - und dann der frühe Tod im Alter von 34 Jahren. Wobei die Unfallursache Gegenstand einer Gerichtsverhandlung war und, selbst wenn die Akten längst geschlossen sind, bis heute nicht zweifelsfrei geklärt ist. Ein Fahrfehler, ein Materialfehler an der Lenkstange oder die falsche Reifentemperatur?

          Tunnelblicke, die einen im Kinosessel schwitzen lassen

          Auf jeden Fall ist die Karriere von Ayrton Senna ein großer Stoff für das Kino, und es ist auch gut, dass die Gerüchte über einen Spielfilm mit Antonio Banderas in der Hauptrolle verstummt sind, weil Autorennfilme selten allzu viel getaugt haben, wenn man vielleicht mal John Frankenheimers Film „Grand Prix“ von 1966 ausnimmt.

          Das Wrack des verunglückten brasilianischen Formel-1-Piloten Ayrton Senna, aufgenommen im Mai 1994 beim Großen Preis von San Marino

          Der Brite Asif Kapadia hat sechs Jahre gebraucht für seinen Dokumentarfilm, den er einfach „Senna“ genannt hat. Er hat 15.000 Stunden Material gesichtet, er hat das Einverständnis der Familie Senna eingeholt und mit ihr kooperiert, und so setzt sich sein Film allein aus Archivmaterial, Fernsehbildern und Home Movies zusammen. Keine sprechenden Köpfe, die vor neutralem Hintergrund in feierlichem Licht den Verstorbenen würdigen. Stattdessen: Blicke auf die Rennstrecke, aus der im Auto installierten Kamera, Tunnelblicke, die einen im Kinosessel schon schwitzen lassen; Bilder vom Jachturlaub mit der Familie, die zu den wohlhabenden in Brasilien gehörte, was überhaupt erst Sennas Rennsportkarriere ermöglichte; Gespräche mit Journalisten, mit anderen Fahrern aus den achtziger und neunziger Jahren und ab und an, aus dem Off, Äußerungen von Sennas Schwester.

          „Senna“ ist nicht eines dieser dokumentarischen Heldenbilder mit viel Pathos und wenig visuellem Gespür, wie sie so gerne für „Legenden“-Sendungen angerichtet werden. Der Film nervt einen auch nicht mit technischen Details zu Radaufhängung, Reifendruck oder Feinheiten des Bordcomputers. Das muss man gar nicht wissen. Man muss sich noch nicht einmal sonderlich für Motorsport interessieren, um sich für diesen Film zu begeistern.

          Die Hoffnung auf Unverletzbarkeit

          „Senna“ erzählt die Geschichte eines Mannes, der, nach seinem schönsten Moment befragt, erklärte, damals, beim Kartfahren sei es gewesen, dieses Gefühl von „pure racing“, ohne die Politik der Formel-1-Verweser, die reine Lust an der Geschwindigkeit und am Wettkampf. Da ist eine Naivität, die, zusammen mit Geistesgegenwart, Fitness und Entschlossenheit, eben auch zur Imago eines Helden gehört.

          Weil „Senna“ keine konventionelle Biographie ist, weil er sich ganz auf die zehn Jahre in der Formel 1 konzentriert, fehlen auch all die handelsüblichen Verzierungen und Erdichtungen. Kapadia setzt ein mit verblassten, körnigen Amateurvideos, die den jungen Kartfahrer zeigen, er erzählt keine Lebens- und Familiengeschichte und interessiert sich auch nicht fürs Private. Wer Ayrton Senna war, muss sich aus seinem Fahrstil erschließen und seinen Interviews, aus kurzen Auftritten in einer brasilianischen Neujahrsshow oder bei der Fahrerbesprechung. Und man sieht den Wagemut, den viele für Wahnsinn halten mögen, die Regenfahrt von Monaco, bei der das Rennen abgebrochen wurde, was Senna seinen ersten Sieg kostete, obwohl er als Erster über die Ziellinie fuhr. Oder den späteren Grand Prix im Fürstentum, den er kurz vor Schluss schon uneinholbar anführte; er ignorierte die Aufforderung über Funk, es ruhig angehen zu lassen, er fuhr weiter - und crashte.

          Ein Mann, der das Risiko und die Grenzerfahrung liebte und womöglich dann doch, obwohl er es bestritt, aus seinem Glauben auch die Hoffnung auf seine Unverletzbarkeit schöpfte. Und bei dem es nicht wie eine salbungsvolle Pose wirkte, als er nach einer Aufholjagd in Japan sagte: „Ich habe seine Anwesenheit gespürt, ich sah Gott, er bleibt ein Teil von mir.“

          Zwei Temperamente, zwei Stile, zwei Welten

          Wem die Formel 1 egal ist, wer für ihre tragischen Momente unempfindlich ist, für den ist auch dieser 1. Mai 1994 in Imola halt nur ein Tag, an dem zwei Dutzend Männer im Kreis rasten und einer von ihnen starb, nachdem schon am Vortag einer auf der Strecke verunglückt war. Roland Ratzenberger, der im Training umkam, und Senna, der in der sechsten Runde führte, vor Michael Schumacher, und in der Tamburello-Kurve einfach geradeaus fuhr. Dass man es weiß, nimmt dem Film nichts von seiner Dramatik, die allein aus dem Rhythmus der Montage entsteht. Und was man sonst für eine mäßige Drehbuchidee hielte, ist hier einfach ein Dokument: dass der Rivale Alain Prost beim Begräbnis einer der Sargträger war. Überhaupt wirkt es souverän, wie der Film Prost eben nicht zum bad guy macht und nicht automatisch Partei ergreift im Duell der beiden Fahrer, sondern Bilder und Statements aufeinanderprallen lässt - zwei Temperamente, zwei Stile, zwei Welten.

          Und wenn man so will, dann bedeutet der Verzicht auf eine kommentierende oder raunende Erzählerstimme auch, dass es im Wesentlichen Ayrton Senna selbst ist, der die Geschichte erzählt - nach dem alten Grundsatz „Action is character“. Kapadias Film ist so die auch ästhetisch überzeugende Hommage an einen Mann, der in einem Interview mal gesagt hat: „Im Motorsport gibt es Augenblicke, die ich ungemein schätze. Es ist ein tolles Gefühl, allein auf der Rennstrecke, umgeben nur von hohen Bäumen, zu sein, allein wie in einem Tunnel. Da beginnt eine andere Art des Denkens. Ein Leben, das ich zutiefst genieße.“

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