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Neu im Kino: „Senna“ : Die Wahrheit liegt auf der Strecke

Die Hoffnung auf Unverletzbarkeit

„Senna“ erzählt die Geschichte eines Mannes, der, nach seinem schönsten Moment befragt, erklärte, damals, beim Kartfahren sei es gewesen, dieses Gefühl von „pure racing“, ohne die Politik der Formel-1-Verweser, die reine Lust an der Geschwindigkeit und am Wettkampf. Da ist eine Naivität, die, zusammen mit Geistesgegenwart, Fitness und Entschlossenheit, eben auch zur Imago eines Helden gehört.

Weil „Senna“ keine konventionelle Biographie ist, weil er sich ganz auf die zehn Jahre in der Formel 1 konzentriert, fehlen auch all die handelsüblichen Verzierungen und Erdichtungen. Kapadia setzt ein mit verblassten, körnigen Amateurvideos, die den jungen Kartfahrer zeigen, er erzählt keine Lebens- und Familiengeschichte und interessiert sich auch nicht fürs Private. Wer Ayrton Senna war, muss sich aus seinem Fahrstil erschließen und seinen Interviews, aus kurzen Auftritten in einer brasilianischen Neujahrsshow oder bei der Fahrerbesprechung. Und man sieht den Wagemut, den viele für Wahnsinn halten mögen, die Regenfahrt von Monaco, bei der das Rennen abgebrochen wurde, was Senna seinen ersten Sieg kostete, obwohl er als Erster über die Ziellinie fuhr. Oder den späteren Grand Prix im Fürstentum, den er kurz vor Schluss schon uneinholbar anführte; er ignorierte die Aufforderung über Funk, es ruhig angehen zu lassen, er fuhr weiter - und crashte.

Ein Mann, der das Risiko und die Grenzerfahrung liebte und womöglich dann doch, obwohl er es bestritt, aus seinem Glauben auch die Hoffnung auf seine Unverletzbarkeit schöpfte. Und bei dem es nicht wie eine salbungsvolle Pose wirkte, als er nach einer Aufholjagd in Japan sagte: „Ich habe seine Anwesenheit gespürt, ich sah Gott, er bleibt ein Teil von mir.“

Zwei Temperamente, zwei Stile, zwei Welten

Wem die Formel 1 egal ist, wer für ihre tragischen Momente unempfindlich ist, für den ist auch dieser 1. Mai 1994 in Imola halt nur ein Tag, an dem zwei Dutzend Männer im Kreis rasten und einer von ihnen starb, nachdem schon am Vortag einer auf der Strecke verunglückt war. Roland Ratzenberger, der im Training umkam, und Senna, der in der sechsten Runde führte, vor Michael Schumacher, und in der Tamburello-Kurve einfach geradeaus fuhr. Dass man es weiß, nimmt dem Film nichts von seiner Dramatik, die allein aus dem Rhythmus der Montage entsteht. Und was man sonst für eine mäßige Drehbuchidee hielte, ist hier einfach ein Dokument: dass der Rivale Alain Prost beim Begräbnis einer der Sargträger war. Überhaupt wirkt es souverän, wie der Film Prost eben nicht zum bad guy macht und nicht automatisch Partei ergreift im Duell der beiden Fahrer, sondern Bilder und Statements aufeinanderprallen lässt - zwei Temperamente, zwei Stile, zwei Welten.

Und wenn man so will, dann bedeutet der Verzicht auf eine kommentierende oder raunende Erzählerstimme auch, dass es im Wesentlichen Ayrton Senna selbst ist, der die Geschichte erzählt - nach dem alten Grundsatz „Action is character“. Kapadias Film ist so die auch ästhetisch überzeugende Hommage an einen Mann, der in einem Interview mal gesagt hat: „Im Motorsport gibt es Augenblicke, die ich ungemein schätze. Es ist ein tolles Gefühl, allein auf der Rennstrecke, umgeben nur von hohen Bäumen, zu sein, allein wie in einem Tunnel. Da beginnt eine andere Art des Denkens. Ein Leben, das ich zutiefst genieße.“

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