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„Promising Young Woman“ im Kino : Einmal Rache, kalt und pink

Trau keinem Blumenmuster: Cassie (Carey Mulligan) ist gar nicht so harmlos, wie sie hier tut. Bild: dpa

Oscarpreisträgerin Emerald Fennell gießt Zucker ins „Rape-and-Revenge“-Genre. Im Thriller „Promising Young Woman“ lässt sie Carey Mulligan mit den Folgen einer Vergewaltigung kämpfen.

          3 Min.

          Rache, so erzählt es das Mafiaepos „Der Pate“, sei ein Gericht, das man am besten kalt genießt. Und nüchtern, würde Cassie wohl hinzufügen, jene blonde junge Frau, die durch „Promising Young Woman“ marschiert, als sei sie ein Racheengel und dies ihr letzter Auftrag vor der Apokalypse. Wie weit sie für diese Rache geht und warum sie sie verübt, das lässt der Film lange im Unklaren und spielt lieber ironisch mit Klischees. Schon vom Titel hängen dicke Blutstropfen, wie sie die Poster von Horrorfilmen in den Achtzigerjahren zierten, aber hier tropft von den Buchstaben schreiendes Pink.

          Maria Wiesner
          Redakteurin im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET.

          In Zuckertönen sind auch die Outfits gehalten, die Carey Mulligan als Cassie tagsüber trägt. Mit ihren Zöpfen und Kleidern im Streublümchenmuster wirkt diese 30-Jährige in der Adoleszenz gefangen. Nur nachts zieht sie kurze enge Kleider an, schminkt sich nach Video-Tutorials „perfekte Blowjob-Lippen“ und pirscht durch die Clubs auf der Suche nach Männern, die angetrunkene Frauen ausnutzen.

          Ist das wirklich nur Ketchup?

          Wir sehen sie von einer solchen Jagd zurückkehren, während der pinktropfende Vorspann die Namen all jener jungen Schauspieler aufzählt, die man als die netten, harmloseren Typen aus Serien kennt: Max Greenfield (der in „New Girl“ den ehrgeizigen Bürohengst Schmidt gibt), Adam Brody (der in „O. C. California“ den Außenseiter Seth spielt), Chris Lowell (der in der Highschool-Detektivserie „Veronica Mars“ als Piz der komplexen Heldin nicht gewachsen war). Die Regisseurin Emerald Fennell hat sie nicht ohne Grund gewählt, setzt ihr Drehbuch doch mitunter voraus, dass man die Figuren selbst mit Bedeutung aufladen muss, was mit Pop-Referenzen leichter zu bewerkstelligen ist.

          Cassie etwa läuft barfuß über den Asphalt, eine Anspielung auf den „Walk of Shame“ nach einer wilden Nacht, die sofort durch die selbstbewusste Haltung der Frau konterkariert wird: Dieser Gang trägt keine Spur von Schande. In der einen Hand High Heels, in der anderen lässig ein Hotdog, Ketchup rinnt ihr über den Arm, ein paar Spritzer sind auf der weißen Bluse gelandet. Kurz fragt man sich, ob das wirklich nur Ketchup ist, was da auf der Kleidung leuchtet. Denn die junge Frau hat am Abend zuvor augenscheinlich stark angetrunken in einer Disco herumgehangen, hat sich von einem Typen nach Hause fahren lassen, der ihre derangierte Situation schamlos auszunutzen versuchte. Während er sie aufs Bett bugsierte und ihr Höschen auszog, nuschelte sie noch vernebelt: „Hey, was machst du da?“ Dann schaut sie direkt in die Kamera, keine Spur von Trunkenheit mehr im Blick, nur noch reiner böser Spaß an dem, was nun kommt.

          Der direkte Blick sichert ihr die Komplizenschaft des Publikums, kein subtiler Trick, aber ein effektiver. Denn eigentlich ist Cassie kein sonderlich sympathischer Charakter. Nachdem sie ihr Medizinstudium plötzlich abgebrochen hat, wohnt sie wieder bei ihren Eltern in einem großen, mit Mittelklassekitsch (Hundeporträts in Öl, Putten aus Porzellan) dekorierten Haus, bereitet lustlos Kaffee in einem Coffeeshop zu und jagt nachts Männern Angst ein. Mulligan spielt diese Cassie wahnsinnig kontrolliert, wie eine stark gespannte Gitarrensaite, die jederzeit unter den Kräften, die an ihr zerren, reißen könnte. Cassie hält sich die Welt durch Sarkasmus vom Leib. Nur manchmal gesteht sie sich Schwäche zu, etwa wenn sie im Dunkeln, auf ihrem Bett sitzend, auf die Bilder ihrer Kindheitsfreundin Nina starrt und die ­digitalen Aufnahmen der unbeschwerten Jugend sie in gespenstische Leichenblässe tauchen.

          Äußerst cleveres Drehbuch

          Mulligan weiß solche Szenen auszunutzen; viele gibt ihr der Film nicht. Fennell hält die Zügel ihrer Geschichte sehr straff. Nichts ist hier überflüssig, alles treibt nach vorn ins unheilige Finale. Das Drehbuch ist äußerst clever, nicht umsonst gab es dafür in diesem Jahr den Oscar. Und genau diese Cleverness möchte man ihm manchmal vorwerfen. Zwischen den spitzen, brillanten Dialogen und den perfekt gebauten Handlungsbögen bleibt wenig Spielraum, die Motivation der Figuren genauer auszuleuchten.

          Fennell gießt stattdessen eine große Portion Zucker in das „Rape-and-Re­venge“-Genre, eine Spielart der Exploitation-Filme der Siebziger- und Achtzigerjahre, die durch explizite Sex- und Gewaltszenen die Zuschauer schockierten. Diese Vergewaltigungs-und-Rache-Filme folgten meist dem gleichen Muster: Eine Frau wird vergewaltigt, überlebt knapp, nimmt Rache und tötet ihre Schänder auf möglichst brutale Art und Weise. „Ich spucke auf dein Grab“ (1978) ist einer der ersten dieser harten Streifen. In den vergangenen Jahren versuchten sich Regisseure an Neuinterpretationen: In „Revenge“ (2017) wird die Rache-Fantasie einer vergewaltigten jungen Frau in der Wüste in den bonbonbunten Farben eines Musikvideos ausgeleuchtet, in „Hard Candy“ (2005) dreht ein minderjähriges Mädchen die Rollen um, betäubt und fesselt den Fotografen, der sie zu sich nach Hause mitgenommen hat. Und Quentin Tarantino spielte gleich zwei Mal auf die alten Vorlagen an, ließ in „Kill Bill“ (2003) Uma Thurman ihre Vergewaltiger abmurksen und in „Death Proof“ (2007) vier Frauen einen brutalen Mörder mit ebenso viel Lust an der Gewalt zur Strecke bringen.

          Sie hatten eine extra scharfe Nummer bestellt? Cassie (Carey Mulligan) hat Spaß an ihrer Rache.
          Sie hatten eine extra scharfe Nummer bestellt? Cassie (Carey Mulligan) hat Spaß an ihrer Rache. : Bild: AP

          Fennell zähmt die brutale Rachefantasie und wirft stattdessen einen Seitenblick auf die amerikanische Gesellschaft der Gegenwart. Wenn eine Hochschul­dekanin die Vergewaltigungsanschuldigungen gegen einige Studenten zum Anlass besorgter Mahnungen nimmt („damit könnten Sie diese jungen Karrieren ruinieren“), dann erinnert das nicht nur an den Fall Brett Kavanaugh, den eine solche Anschuldigung fast das Amt am Obersten Gerichtshof der USA kostete, sondern an die Politisierung ehemals für privat gehaltener, mit beruflichen Chancen und Gefahren aber eng verbundener Machtfragen um die Sexualität.

          Das handfestere Problem, wie man Rache übt, ohne sich dabei auf das Niveau des Täters zu begeben, löst Fennell am Ende so, wie sie den ganzen Film konzipiert: mit äußerst cleverer Ironie.

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