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Film „Junges Licht“ : Komm, wir fahren nach Hause ...

Neulich beim Frühstück: Der zwölfjährige Julian (Oscar Brose) und sein Vater Walter Collien (Charly Hübner). Bild: Slama - Winkelmann

Wer nicht sehen will, der muss Kohlenstaub und Ata-Pulver riechen: Adolf Winkelmanns poetische Filmkomposition „Junges Licht“ erzählt aus der Zeit, als das Ruhrgebiet noch brannte.

          4 Min.

          Die Aussicht vom Balkon ist atemberaubend: nach vorne in die Weite, wo ein Panorama der Schwerindustrie aufrollt, Schlote rauchen, Kühltürme qualmen und Kokereien nachts den Himmel höllenfeuerrot färben, aber auch nach rechts in die Nähe, wo Marusha (Greta Sophie Schmidt), die „fast sechzehn“ Jahre alte Stieftochter von Konrad Gorny (Peter Lohmeyer), dem Hausbesitzer aus dem Erdgeschoss, ihr Zimmer hat und die nackten Beine durchs Fenster streckt oder hinter einem durchsichtigen Vorhang steht und sich den BH aufknöpft. Der zwölfjährige Julian (Oscar Brose), genannt Juli, ist von beidem fasziniert, denn er will einmal nicht wie sein Vater Walter Collien (Charly Hübner) Bergmann und auch nicht Stahlkocher, sondern Koker werden, und dass die frühreife Göre, wie sie ihn anspricht und ihre erotischen Reize ausprobiert, seine Neugier weckt, beschäftigt und verwirrt ihn.

          Andreas Rossmann

          Freier Autor im Feuilleton.

          Der Balkon der engen Wohnung in der Zechensiedlung ist die Bühne, in dem die beiden Geschichten, die Adolf Winkelmann in seinem neuen Film erzählt, zusammenlaufen. Ruhrgebietsepos und Familiendrama: die große Geschichte, die das Revier heraufholt, als es nur so strotzte vor Kraft und die Forderung von Willy Brandt aus dem Bundestagswahlkampf 1961, dass der Himmel über der Ruhr wieder blau werden müsse, gerade erst ein Versprechen war, und die kleine, vielleicht aber größere Geschichte von Julian, der hier aufwächst und dazugehören will, doch sich schwer damit tut und fremd fühlt.

          Willkommen in der Zechensiedlung: Papa Walter (Charly Huebner), Sohn Julian (Oscar Brose) und die frühreife Göre Marusha (Greta Sophie Schmidt) von Nebenan.

          Von der Mutter, die ihm den Hintern versohlt

          „Junges Licht“ ist eine Elegie auf den Kohlenpott und eine Erinnerung an die Kindheit: Unten wird malocht und schwarzes Gold gefördert, stickig und heiß ist es im Schacht, schwer geht der Atem, die Abbauhämmer rattern, Schweigen während der Seilfahrt; oben wird zum Mittagessen Bier aus der Flasche getrunken und danach eine ohne Filter geraucht, im Fernsehen gibt es zwei Programme, die Straßen sind geflickt, die Häuser grau, Leitungen auf dem Putz verlegt. Hier schlägt das Herz des Wirtschaftswunders, kein Rad steht still, doch der neue Reichtum zeigt sich woanders. Wer den Film sieht, meint, den Kohlenstaub und das Ata-Pulver riechen zu können.

          In der Schule gibt’s mit dem Rohrstock was auf die Finger, und Julian, der sich davonstiehlt und schwänzt, bekommt von der Mutter (Lina Beckmann) den Hintern versohlt, bis der Kochlöffel bricht oder die bodenständig herzliche Nachbarin (Nina Petri) klingelt. Dann endlich Sommerferien, endlich Freiheit; doch etwas damit anzufangen ist leichter gedacht als getan. Dass Konrad Gorny, ein verklemmter Pädophiler, ihm im Keller auflauert und in anzügliche Gespräche verwickelt, ist Julian unheimlich; dass ihn die Mutter zwingt, auf dem Balkon die Hose zu wechseln, beschämt ihn, und die halbstarken Kerle, die Bier trinken und Zoten reißen, nehmen ihn nicht auf in ihre Bande; aber den Hund, den sie mit Sprit übergießen und anzünden wollen, rettet er nach Hause.

          „Komm, wir fahren nach Hause“

          Julian trifft auf Unverständnis und Rücksichtslosigkeit, erfährt Ablehnung und Gewalt. Noch trägt er eine Lederhose, stromert über die Gleisanlagen der Zechenbahn, spielt Autoquartett und Mau-Mau, doch in seinem Körper keimen wirre Gefühle. Nicht erst die nächtlichen Tränen, die er über den Besuch des prolligen Moped-Machos Johnny (Linus Schütte) bei Marusha vergießt, künden davon, dass die Kindheit in diesem Sommer zu Ende geht.

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